Druckschrift 
Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

densehurz bekleidet, auf einem kahlen Felsen sitzt und predigt. Im weiteren Verlaufdes Bildes sehen wir dann zunächst eine gänzlich nackte Heilige, der ein mit abge-wendetem Antlitz vor ihr stehender 1 ) Heiliger rückwärts ein Gewand darreicht.Es unterliegt keinem Zweifel, dass wir in diesem den Priester Zosimas, in jenerdie h. Einsiedlerin Maria Aegyptiaca zu erkennen haben, die ja, in der Einödelebend, von Zosimas die h. Wegzehrung gebracht erhielt. Die Schilderung ent-spricht genau der Beschreibung des Vorgangs, wie ihn Hieronymus 2 ) uns auf-bewahrt hat. Die linke Hälfte des Bildes, welche durch einen Baum von dervorhin besprochenen getrennt wird, zeigt uns eine Gruppe von vier Personen,drei männlichen und einer weiblichen. Die letztere, auf welche sich das Inter-esse der übrigen concentrirt, sitzt unter dem eben erwähnten Baume. In derRechten hält sie ein Spruchband mit den Worten MELANIA VIRGO, ihre Linkewird von einem der Männer gewaltsam ergriffen, während ein anderer, der inder Rechten ein Spruchband mit dem Worte ASSINI! 3 ) hält, sie bei der Schulterfasst. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich hier um die Darstellung eineruns nicht näher bekannten Legende, gemäss welcher eine Virgo Melania, alsoentweder die ältere oder die jüngere Heilige dieses Namens, durch einen Verfolgerbedrängt wurde, der Assinius hiess. Ein Begleiter der Beiden, welcher derJungfrau ein gänzlich erloschenes Spruchband darreicht, kauert in lauernderHaltung am Boden.

Taf. XII.

23.

_Quibus dignus non erat mundus, in solitudinibus errantes, sie, derendie Welt nicht würdig war, sind umhergeirrt in Einöden. 1 * Diese Stelle derEpistel soll uns der h. Simeon vergegenwärtigen.

Da nämlich ein die Mitte des Bildes einnehmender Thorbau den NamenTreviris 4 ) trägt, so muss der Heilige, der neben diesem steht, doch als ein inTrier Gewesener angesehen werden. Bischof Poppo von Trier brachte nun imAnfange des 11. Jahrhunderts einen Einsiedler Simeon mit aus dem Morgen-lande, der sich, um der Welt zu entfliehen, in einem kleinen Räume in derPorta nigra zu Trier, welche Poppo zum grössern Theil in eine christ-liche Kirche hatte umwandeln lassen, einmauern liess, und in der Ver-maurung bis 1035 lebte. Später wurde er canonisirt, die Kirche nach ihmgenannt, und noch heute trägt nach diesem Vorgang die Porta nigra im Volks-munde den Namen Simeonsthor. Der Heilige ist in der rechten Hälfte desBildes im Wortstreit mit einem Centauren dargestellt, der ihn offenbar in ver-führerischer Rede für seine Zwecke einzunehmen trachtet 5 ). Der Heilige machteine abwehrende Bewegung und besteht somit die Versuchung, welche der Cen-taur als Symbol der Sinnenlust und des Teufels 6 ) in sich begreift.

In der linken Hälfte des Bildes erblicken wir eine Taufhandlung undzwar, wie die Mittelstellung der als Treveris bezeichneten Bauanlage vermuthenlässt, eine solche, die in Trier vollzogen wurde. Hinter einem überaus einfachenund schmucklosen Taufstein steht ein mit dem Nimbus gezierter, also heiligerBischof, der offenbar ein mit einem Täubchen spielendes Kind so eben getaufthat. Dasselbe wird von seiner vor dem Taufstein stehenden Mutter einem mitdem Rücken an die Mauer der Treviris gelehnt dasitzenden Mönche hingereicht,der es mit offenen Armen empfängt 7 ). Da sämmtliche Schriftreste des Spruch-bandes gänzlich erloschen sind, man also mit Bestimmtheit auf irgend einenVorgang, etwa aus dem Leben des in engster Beziehung zu Trier stehendenh. Martin von Tours, hier nicht schliessen kann, so muss man sich mit derdurch den in unserem Bilde erläuterten Wortlaut der Epistel nahegelegtenVermuthung begnügen, dass die hier dargestellte Mutter ihr eben getauftesKnäblein dem Mönche zur Aufnahme ins Kloster übergeben habe, damit es dort,fern von den Versuchungen und Gefahren der Welt, erzogen werde und in derEinsamkeit des Klosters sein Leben beschliesse 8 ).

1) Reichen sperpe r, a.a.O. S. 99 sah auf der ihm vorliegenden Zeichnung den Heiligen„mit angewendetem Haupte dasitzend", was aber bei genauerem Zusehen sich als irrig erwies.

2) Vita Patrum 1. I c. 7.

3) Reichensperger a. a. 0. S. 100 las ASSIS11 und schloss daraus, dass es sich hierum die Darstellung jenes Assisius handele, der (nach des Heraclides Paradisus im Anhang zu den vitaepatrum S. 9G f.) die in der griechischen Kirche als Heilige und Ordensstifterin sehr hochgehalteneh. Melania die ältere auf ihrer Reise nach Jerusalem in dem berühmten ägyptischen Kloster Nitriakennen lernte. Da aber Ramboux ebenso wie die Restauration ASSINTI haben, so erscheint dieseLesung gesichert. Abgesehen von der abweichenden Xamensschreibung ist auch an den bekanntenHauptvertreter des Einsiedlerlebens, Arsenius, nicht zu denken, weil dieser erst in der zweiten Hälftedes 13. Jahrhunderts lebte und starb. Ueber die beiden, Ende des 4. Jahrh. lebenden Melanienvergl. Butler, Leben der Väter und Märtyrer bearbeitet von Räss und Weis, B. XIX, S. 160.

4) Die bezügliche Zeichnung im Kölner Jluseum hat: TREVERIS.

5) Die Gesta Treverorum c. LI berichten, dass Simeon in seiner Zelle als Reclusus wie aufder Spitze des Berges Sinai, wo er als ein Einsiedler gelebt hatte, viel von den Verfolgungen böserGeister duldete.

6) Epheser 6, 16, Piper, Mythologie I 393 ff.

7) Die H. Reichensperger vorliegende erste Copie des Bildes scheint vor dessen gänzlicherAufdeckung gefeitigt zu sein. Dieselbe zeigt ihm nur drei Personen, von denen der Bischof und einekleinere (männliche) Figur in dem Taufstein behufs Vornahme resp. Empfang der Taufe stehen sollen,während an dem an die Mauer gelehnten Manne eine Todtenerweckung sich eben vollzogen hätte. Daaber die genauere Bloslegung der Malerei eine ganz andere Beziehung der einzelnen Personen derGruppe zu einander dargethan hat und namentlich die vor dem Taufstein stehende Figur als Frau mitKind, nicht als Mann erwiesen ist, so erscheint die Deutung auf die von Martin von Tours an demedlen Heiden Tetradius vollzogene Taufhandlung (a. a. 0. S. 103) nicht mehr zulässig, und es wirdbei der oben von uns versuchten Deutung wohl sein Bewenden haben müssen. Die Annahme, derBischof und die andere Figur ständen in dem Taufbecken, ist durch die Contourzeichnung veranlasstworden. Der Künstler hat nämlich, wie es für die Erlangung richtiger Verhältnisse bei ähnlicherVeranlassung häufig geschieht, zuerst die ganzen Figuren contourirt und dann die Linien des Tauf-brunnens darüber gezeichnet. Bei Ramboux findet sich die kleine Taube in den Händen des Kindesnicht, wohl aber ein unbestimmter Wulst, der das Vorhandensein eines Gegenstandes andeutet.

8) Die Thatsache, dass der berühmte Trier'sche Erzbischof Egbert (f 993) von Kindheitan im Kloster erzogen wurde, gibt der Vermuthung Raum, ihn in dem getauften Knäblein zu erblicken.Ich verdanke diesen Hinweis Herrn Dr. Ladner in Trier.

24.

„In montibus, in speluncis et in cavernis terrae, sind umhergeirrt inGebirgen, in Höhlen und Erdklüften." Der Künstler führt uns zur Veranschau-lichung dieser Worte drei Höhlen mit heiligen Männern vor. In der mittelstensehen wir einen in ein Mönchshabit mit über den Kopf gezogener Kapuze ge-kleideten und mit dem Nimbus gezierten Mann, der die Hände zum Gebet er-

E

hebt und durch die Unterschrift S-PA/L' • RhE (Sanctus Paulus Erhemita) als dererste Eremit und Begründer des Mönchslebens bezeichnet ist. In der Höhlezur Linken von Paulus sehen wir in ähnlicher Gebetsstellung einen andernHeiligen, bei welchem das Unterschriftfragment SAMT keine sichere Deutung zu-lässt 1 ). Wohl aber ist dies der Fall in Betreff der sieben Heiligen, welche sämmtlichmit geschlossenen Augen in einer Höhle in der linken Hälfte des Bildes sich be-finden. Es sind, wie der Inschriftrest (s)EP(tem) (dorm)IENT(es) bezeugt, dieh. Siebenschläfer, welche, um der Christenverfolgung zur Zeit des Kaisers Deciuszu entgehen, sich in einer Höhle bei Ephesus so lange verborgen hielten undin Schlaf verfielen, bis sie zur Zeit des Jüngern Theodosius, als die Verfolgun-gen aufhörten, wieder erwachten.

Malereien der Kirche.

Die nördlich vom Kapitelsaal gelegene Abtei- jetzige Pfarr-Kirche, welcheneuerdings durch Baumeister Wiethase in Köln stylgerecht restaurirt wurde, war ehe-mals gleichfalls reich mit Wandmalereien geziert, die aber durch spätere UJebermalungstark gelitten hatten. Selbst die Krypta entbehrte nicht ihres malerischen Schmuckes,doch sind die Bilder der letzteren zu sehr verblasst und beschädigt, als dass mansie wiedergeben und kunstkritisch beurtheilen könnte. Im Triumphbogen, derdie geradlinig geschlossene Absis der Krypta mit dieser verbindet, sehen wir,soweit sich noch jetzt erkennen lässt, an der einen Seite zwei durch ihreStäbe gekennzeichnete Aebte in schwarzem Gewand, darüber zwei Bischöfemit Pallium und Buch. In der Mitte des Triumphbogens ist in einem Medaillondas Brustbild des h. Petrus (mit zwei Schlüsseln) angebracht. Vor dem Chorist als Rest des Flurbelags eine aus mehrfarbigen Fliesen zierlich zu-sammengesetzte alte Rosette noch erhalten, nach deren Vorbild man aus Be-lagresten des Kapitelsaals auch dort eine solche herstellte. Sie liefern uns denBeweis, dass sich ehedem das Bedürfniss nach polychromem Schmuck gleich-massig auf den Bodenbelag der Kirche erstreckte.

Taf. XV und XVI.

Nach einer Zeichnung von Hohe, welche vor der frei, wenn auchgeschickt durch den Maler Münster in Köln ausgeführten Restauration der Malereienaufgenommen wurde, ersehen wir das Wandbild der Absidenwölbung des Mittelchorsder Kirche. Auf einem an den Seiten und der Rücklehne mit Blattwerk und Fialenreich geschmückten, polsterbelegten Sessel thront der Heiland in prächtiger Mandorla.Ueber der blauen, am nackten Halse mit einer Goldborte verzierten, weitärme-ligen Tunica, unter der an den Händen die enganliegenden Aermel einer Albehervorkommen, trägt er einen zierlich drapirten, beide Schultern bedeckendenUeberwurf aus einem röthlichen, mit Sternen besäten Stoff. Das ungescheitelteHaupthaar wallt in flotten, Avellenförmigen Linien zu den Schultern herab, dieRechte hat er, nach lateinischem Ritus, zum Segnen erhoben, die Linke hält einScepter, nicht, wie sonst üblich, ein offenes Buch. Die nackten Füsse, zwischendenen das blaue Gewand in schönen Linien herabfliesst, ruhen auf einem ver-zierten Suppedaneum. Zu Häupten des Heilandes sind an dem äusseren Randeder Mandorla die Symbole der Evangelisten Matthäus und Johannes, zu seinenFüssen diejenigen des Marcus und Lucas, sämmtlich mit Spruchbändern, ange-bracht. An beiden Seiten des Thrones stehen je drei Heilige: zur Rechten, demThrone zunächst Maria in rothem, mit Sternen besätem Untergewand, grünemMantel, hellem, den Kopf umhüllenden Tuche und betend erhobenen Händen:ihr zunächst eine männliche Gestalt in faltenreichem Untergewand und kurzerPlaneta, die wir wegen des Buches in ihren Händen, wegen der nackten Füsse 2 )und der Gegenüberstellung mit Paulus trotz des fehlenden Schlüssel-Attributsauf Petrus deuten, und endlich ein Bischof in Albe, rothgeblümter Dalmatik undCasula, der durch die auf dem in seiner Rechten befindlichen Buche angebrachtendrei Aepfel als der h. Nicolaus, der Patron der Kirche, genügend characterisirtist. Zur Linken des thronenden Weltrichters sehen wir dem Throne zunächstden Vorläufer Johannes in härenem Untergewand und grünem Ueberwurf; inder Rechten hält er eine Scheibe mit dem Lamm Gottes, während die Linke aufChristus als die Erfüllung dieses Vorbildes hinweist. Neben ihm steht der Völker-apostel Paulus mit gezücktem Schwerte und zu äusserst Catharina mit Rad undSchwert. Am Fusse des göttlichen Thrones erblicken wir in anbetend gebeugterHaltung den an seinem Stabe kenntlichen Abt, der das Bild herstellen liess, undden Maler, dem die Ausführung oblag. Durch die Kleinheit dieser beiden Figurenim Verhältniss zu denen des Heilandes und seiner Heiligen soll offenbar diemenschliche Hilflosigkeit und Winzigkeit demuthsvoll versinnbildlicht werden 3 ),in gleicher Weise, wie dies schon in der alten Kunst üblich war.

Die ganze bislang geschilderte Darstellung wird nach unten nicht, wie

1) Reichensperger, a. a. 0. S. 97, nimmt dies Bild als eine Darstellung des h. Antonius,des Freundes und langjährigen Genossen des h. Paulus in der Wüste.

2) Vgl. Luc. 10, 4.

3) Hohe, deutsches Kunstblatt 1855 S. 326 sah in diesen beiden Figuren irriger Weise dieHeiligen Martinus und Benedikt. Vgl. Gubl und Caspar, Denkm. d. K. Taf. 49 a, 13 und 14.