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Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden
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nicht angenommen, auf dass sie zur Auferstehung gelangten, die besser ist",sehen wir im folgenden Bilde einen bis auf das Lendentuch gänzlich entkleidetenHeiligen, der mit den beiden Beinen an zwei in wildem Lauf voraneilende, ihnhinter sich über den Boden schleppende Pferde angebunden ist, die eben im Be-griffe sind, über einen Steinhaufen zu stürmen, wozu sie von einem Treiber, dermit erhobenen Armen die Peitsche schwingt, eifrigst angetrieben werden. Der,wie die geschlossenen Augen wohl andeuten sollen, bereits dem Tode nahe Heiligeerhebt wie zum Zeichen williger Ergebung in Gottes Anordnung und Zulassungdie linke Hand, während die Rechte schlaff herunterhängt. Zu dieser Darstellungpasst der Bericht, der uns über das Martyrium des h. Hippolyt von Oporto erhaltenist, des heftigen Gegners von Noetus und berühmten Kirchenschriftstellers, dessen inRom aufgefundene Bildsäule ihn auf einem bischöflichen Stuhl sitzend darstellt,auf welchem der Ostercyclus und die Titel seiner Schriften eingegraben sind.Er soll das Martyrium ob praeclaram fidei professionem erduldet haben und zwar,,Alexandra imperatore" also zwischen 222 und 235. Er hat die Befreiung vonseinen Qualen um den Preis einer Verläugnung seines Glaubens nicht angenom-men und ist lieber in den qualvollen Tod gegangen im hoffnungsvollen Hinblickauf die künftige Auferstehung, die besser ist als ein von Gewissensbissen überUntreue gequältes Leben.

Taf. XI. ')

16.

Im folgenden Gewölbefeld sehen wir als Beleg für den Satz „alii veroludibria et verbera experti, andere haben Spott und Geissei erduldet"' das Mar-tyrium des h. Dorotheus. Derselbe wurde nach den Martyracten des Ruinart 2 )mit entblösstem Körper aufgehängt und gegeisselt und dann, nachdem er dieseQualen standhaft erduldet, enthauptet. In unserem Bilde sehen wir ihn nackt andie Querstange eines dem heutigen Turnreck ähnlichen Gerüstes mit den Armenangebunden. Rechts und links sind zwei mit kurzem Leibrock und engen Hosenbekleidete Henker eifrig beschäftigt, mit einem ruthenartigen Gegenstande dieGeisselung zu vollziehen.

Fünftes Gewölbe. (Feld 17—20.)Taf. XIII und XIV.

17.

Für die Epistelworte: „insuper et vincula et carceres, andere habenKetten und Gefängniss erduldet" entrollt uns das fünfte Gewölbe zunächstdas Bild des mit durch Ketten gefesselten Händen im Gefängniss sitzendenPetrus (Ap.-Gesch. 12, 4). Derselbe ist angethan mit blauem, bis zu dennackten Füssen reichendem Untergewande und einem gelben Ueberwurf, dessenSaum mit reicher Goldborte besetzt ist. Die Architectur des Gefängnisses mitdem Kleeblattbogen und den niedlichen Vierpassfenstern mahnt an diejenigedes Kapitelsaales. Zu beiden Seiten wird das Gefängniss von je zwei Bewaff-neten bewacht, deren Rüstungen sehr von einander abweichen, aber offenbarderjenigen der frühmittelalterlichen Soldtruppen conform sind. In der Anbringungvon vier Wächtern dürfen wir wohl eine Hindeutung auf die vierfache Wacheerblicken, an welche Petrus durch Herodes ausgeliefert wurde.

18.

Die Steinigung des Protomartyr S. Stephanus bewahrheitet den weiterenSatz der Epissel „alii lapidati sunt, andere sind gesteinigt worden". Denbegeisterten Bekenner seines Glaubens an Christus sehen wir in der Mitte desBildes in langer, weitärmeliger, mit reicher Goldborte gezierter Dalmatica nieder-knieend. lieber ihm erscheint in kreisrunder, vergoldeter Gloriole der stehende 3 )Heiland mit dem Kreuznimbus, segnend erhobener Rechten, dem Buch des Le-bens in der Linken. Zu ihm blickt in seligem Entzücken der Heilige auf underhebt betend beide Hände. Die hinter ihm stehenden Schergen schicken sichin überaus lebhaften und lebenswahren Bewegungen bereits an, den Akt derSteinigung zu vollziehen, indem sie, um die Wucht des Niederfalls zu vermeh-ren, die schweren Steine mit beiden Armen hoch über ihre Häupter erheben.Vor ihm steht der jugendliche Saulus, dem die überflüssigen Gewänder zurAufbewahrung übergeben waren, und der sich an den Heiligen wendet, in seinerGeberde das Wort der Apostelgeschichte (7,59) bewahrheitend: erat consentiensneci eius.

Taf. XI.

19.„Alii secti sunt, andere sind zersägt worden" heisst es im Texte derEpistel weiter, und als Beleg dafür gibt uns der Künstler eine Darstellung des Marty-riums, das einer jüdischen, im Talmud enthaltenen und von den Kirchenvätern adop-tirten Sage zufolge dem Propheten Isaias von dem König Manasses bereitet wurde,

1) Die weiteren auf Taf. XI noch abgebildeten Nr. 19 und 20 sowie diejenigen von Taf. XIIsind an der ihnen nach dem Gang der cyclischen Darstellungen gebührenden Stelle beim fünften undsechsten Gewölbe weiter unten besprochen.

2) Vgl. Reichensperger a. a. 0. S. 108.

3) Offenbar mit Bezug auf Act. Apost. 7, 55: ecce video coelos apertos et Filium hominisstantem a dexteris Dei.

weil er sein Drohamt bis in die Zeit dieses Königs hinein fortgesetzt hatte, wobei derletztere als Vorwand die angeblich abgöttische Aeusserung des Propheten be-nutzte: „Ich sah Gott auf einem Throne sitzen". Der Prophet habe sich nundurch Anrufung des h. Namens in einen Baum verwandelt, derselbe sei aber aufManasses Befehl zersägt worden, wobei Blut herausspritzte. Dieser Sage gemässsehen wir in der Mitte unseres Bildes den Baum, vor demselben aber, offenbarder grösseren Deutlichkeit wegen, den Propheten selbst mit auseinander gespreiz-ten Armen und Beinen an zwei Stangen angebunden. Zwei Henkersknechtesind beschäftigt, mit einer grossen Holzsäge den Heiligen von oben nach untenzu zersägen 1 ) und mit diesem grausamen Geschäfte bereits soweit vorge-schritten, dass der Künstler die beiden Kopf hälften bis zur Schulter von einandergetrennt und gleichsam auseinanderfallend darstellt! Bei der Restauration hatder Prophet ein etwas gar jugendliches, fast mädchenhaftes Antlitz erhalten,doch deutet bei Ramboux, wo sie weit kräftiger gehalten ist, die Behandlungder hinteren Gesichtshälfte auf das frühere Vorhandensein eines Bartes.

20.

Das letzte Bild dieses Gewölbes zeigt uns als Beleg für die Worte:„alii tentati sunt, andere sind versucht (geprüft) worden", die Erniedrigung desfrommen Dulders Job. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet sitzt der Geprüfteda, auf seinen Krückenstock sich stützend. Vor ihm steht scheltend und ihnob seiner Ergebung in Gottes Fügung höhnend sein Weib, das ihm auf einemSpruchband die Worte entgegenhält: „Benedic Deo et morere! Preis Du nurGott und stirb!" Auf diese, seine gläubige Geduld und Einfalt verhöhnende An-rede antwortet der Prophet Job mit dem Hinweis, dass sie wie eine Thörin rede,denn, so heisst es hinwiederum auf seinem Spruchband (Job II, 10): si bonasuseepimus de manu Dei, mala quare non suseipiamus? In der Gewölbecke,rechts vom Beschauer, sieht man die drei treuen Freunde Job's, Eliphaz, Baldadund Sophar, in ihren Geberden Trauer und Theilnahme, entsprechend den wei-teren Worten des Propheten: exclamantes ploraverunt.....et sederunt cum eo

in terra. Job II, 12. 13.

Sechstes Oewölbe. (Feld 21—24.)

Taf. XII.

21.

„In occisione gladii mortui sunt, sind durch's Schwert getödtet worden."Als Zeugnissgeber für diesen Ausspruch des Apostels sehen wir auf unseremBilde zwei Heilige, von denen einer bereits das Martyrium erduldet hat. Dasabgeschlagene Haupt liegt neben seinem Leichnam, während die Hände nochwie zum Gebet gefaltet sind. Der mit einer kurzen braunrothen Tunica undenganschliessender Hose bekleidete Henker ist nach vollbrachter Blutthat ebenim Begriff, das Richtschwert mit einem Tuche abzuwischen, um es für die neueHinrichtung zu reinigen, deren Vollziehung der andere Heilige voll gläubigenVertrauens noch erwartet. Das Fehlen jeder Inschrift erschwert die Deutungdieser Darstellung sehr, doch dürfte H. Reichensperger Recht haben, wenn er 2 )darin das Martyrium des Petrus und Marcellinus erblickt, an welchen der späterzum Christenthum bekehrte Dorotheus unter Diocletian's Regierung die Hinrich-tung durch das Schwert vollzogen hat. Diese Deutung erhält eine von Reichens-perger nicht weiter beachtete, aber gewiss nicht zu unterschätzende Unterstützungdurch die abweichende Kleidung, in welcher der Künstler die beiden Heiligendargestellt hat. Die bereits enthauptet am Boden liegende Gestalt ist angethanmit langem, albenartigem Gewände und kurzem Ueberwurf, die andere, nochdes Martyriums harrende Person trägt dagegen die deutlich erkennbare, vornoffene, mit reicher Goldborte eingefasste 3 ) Planeta, das Gewand der Priester.Da nun vom Martyrologium Petrus nur als Exorcist, Marcellinus dagegen alsPriester bezeichnet wird, so müssen wir diesen in der noch dastehenden Figur,den Petrus aber in dem bereits Enthaupteten erblicken. Die Beziehung desPetrus und Marcellinus zu den Kirchen des Rheinlandes ist eine alte. IhreGebeine brachte Einhard, nachdem er sich dieselben mit List und Mühe in Romverschafft hatte, im Jahre 827 4 ) zunächst nach Michilinstadt im Odenwald, dannvon dort nach Mulinheim, wo er ihnen zu Ehren die später Seligenstadt ge-nannte Benedictiner-Abtei gründete und die Geschichte dieser, von zahlreichenWundererscheinungen begleiteten Translation wenige Jahre später verfasste 5 ).

Taf. XIII. und XIV.

22.

„Circuierunt in melotis, in pellibus caprinis, egentes, angustiati, afflicti, sindeinhergegangen in Pelzen und Ziegenfellen, Mangel leidend, bedrängt, misshandelt."Der Künstler fasst diese Stelle als die Lehrpredigt für die durch den Glaubenan künftige Belohnung in einem besseren, von Versuchungen nicht mehr gefähr-deten Jenseits geleitete irdische Entsagung und fleischliche Abtödtung auf. In derlinken Ecke des nördlichen Gewölbefeldes führt er uns demgemäss zunächst den heil.Hieronymus, den beredten Preiser des Einsiedlerthums vor, der, nur mit einem Len-

1) Schäfer, Handbuch der Malerei vom Berge Athos, S. 13G.

2) a. a. 0. S. 104.

3) Nach der Ramboux'sehen Zeichnung im Kölner Museum geht der Zierstreifen nicht überden rechten Arm, ist überhaupt von der Halsverzierung abwärts nicht doppelt, sondern das Pallium-artige eine Ende hängt über den linken Arm herab, unter welchem es nicht hervorkommt.

4) vgl. Einhardi annales ad a. 827.

5) Literatur bei Potthast, Wegweiser durch die Geschichtswerke S. 798.