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Schärfe des Schwertes entronnen 4 *, das Martyrium des heiligen Aemilianus.Wir haben bereits oben die Vermuthung ausgesprochen, dass die wenig bekannteLegende dieses Heiligen nur um desswillen Aufnahme in unseren Bildercyclusgefunden, weil derselbe der Namenspatron des als Erbauer in dem Kapitelsaalebestatteten Abtes Aemilius von Brabant war, und dürfen daraus den weiterenSchluss ziehen, dass der klösterliche Maler mit dieser Darstellung seinem nochlebenden Abte eine Huldigung habe darbringen wollen, zu welcher die Ideenahe genug lag. In keines der uns zugänglichen „Leben der Heiligen" undauch nicht ins römische Brevier ist die Legende des h. Aemilianus aufgenommen,über welche die Bollandisten ] ) berichten, dass, als der in Klein-Armenien geboreneHeilige in Italien den Martertod erleiden sollte, und er zur Entgegennahme desTodesstreiches bereits an einen Oelbaum festgebunden war, das Schwert des zumStreiche ausholenden Lictors sich wie Wachs umgebogen und ihm kein Leidzugefügt habe; erst später sei er, und zwar auch durch Enthauptung, des Mar-tyriums für den Glauben gewürdigt worden. Zu dieser Schilderung passt ganzgenau die Darstellung unseres Bildes 2 ). Die Mitte desselben nimmt der Oelbaumein, an dessen unterem Ende eine mit dem Nimbus gezierte und mit kurzemLeibrock bekleidete männliche Person auf der Erde knieend und mit beidenArmen festgebunden erscheint. An der einen Seite des Baumes, dem Heiligenzugewandt, steht der Henker, in enganliegendem Wamms mit aufgestülptenAermeln, die Lenden mit einem an den Seiten aufgenommenen Schurz bekleidet.Schon hat er das Schwert zum Streiche erhoben — um ihn ja recht wuchtig zumachen stemmt er seine Linke auf die Hüfte —, aber alles Mühen ist vergeblich,eine höhere Gewalt biegt das gezückte Schwert wie Wachs um, er vermag mitsolcher Klinge den Urtheilsspruch nicht zu vollstrecken. Erstaunt und voll Freudesehen dies Wunder die drei an der anderen Seite des Bildes hinter dem Heiligenstehenden Genossen, in welchen Reichensperger die Liktoren 3 ) erblickt, die sichin Folge des Wunders zum Christenthum bekehrten. Die Schriftreste in demunteren Rande vermögen wir nicht zu vervollständigen.
Taf. IX.
10.
Das zweite Feld dieses Gewölbes, das zehnte des ganzen Cyclus, dientdem Ausspruch zur Erklärung: r convaluerunt de infirmitate, sind von ihrer Krank-heit geheilt worden". An der einen Seite des Bildes liegt, lang gestreckt aufniedrigem, schön drapirtem Ruhebett, eine mit der Königskrone geschmückte,männliche Figur in gelblichem Untergewande, mit dunkler Decke bedeckt. DieArme streckt sie wie zum Empfangen einem ihr entgegeneilenden bärtigenManne mit Nimbus zu, der ihr eine Verkündigung auf einem Spruchbandedarreicht. Auf letzterem lesen wir die Worte:
C • ECE • ADIT!AM • SVR • DIES.TVOSQVINDECI-A\NOS.offenbar eine entstellte Wiedergabe der Worte bei Isaias 38, 5: ecce ego adji-ciam super dies tuos quindecim annos. Danach haben wir also auf Grund dieserSehriftstelle in der liegenden Figur den tödtlich erkrankten König Ezechiaszu erblicken, der voll gläubigen Vertrauens sich an Gott wandte, ihn um Ver-längerung seines Lebens anrufend, nachdem der Prophet ihm sein baldiges Endevorhergesagt und ihn ermahnt hatte, sein Haus zu bestellen. Da Isaias (38, 2)ausdrücklich berichtet, dass der König mit zur Wand hingewendetem Gesichtunter Thränen zum Herrn gefleht, hier aber der König von der Wand abgewen-det liegt, so ist es gewiss, dass wir in unserem Bilde nicht dies Gebet, sondernbereits dessen Erhörung zu erblicken haben, wie sie sofort in dem an den Pro-pheten gerichteten Auftrag liegt: geh und sag dem Ezechias: Dies spricht derHerr, der Gott deines Vaters David: ich habe dein Gebet gehört und deineThränen geschaut; siehe, ich werde deinen Tagen noch fünfzehn Jahre hinzu-fügen! Der Augenblick, wo der König diese freudige Kunde aus dem Mundedes Propheten vernimmt, ist hier im Bilde dargestellt und auch wieder in nurbruchstückweise erhaltenem leoninischen A'erse in der Randschrift geschildert,von welcher wir noch die in der Ramboux'schen Pause fehlenden Worttheilejetzt sehen:
. . . GV . PR......ORAT REO . T . ADDID T . ANNOS,
die wahrscheinlich ursprünglich lauteten:
DVm PRopheta ORAT REgi deus ADDID(i)T ANNOS*).
11.
Als bewährter Zeuge für die Worte: „fortes facti sunt in bello, sindstark geworden im Streite" tritt im folgenden Gewölbefeld Samson auf, der ge-waltige Held. Seine reckenhafte Gestalt füllt die ganze Scheitelhöhe des Gewölbes,wild flattert das lange Haar, er schreitet rüstig aus, sodass Ueberwurf und Unter-gewand hinterwärts fliegen, mit der erhobenen Rechten aber schwingt er den Esels-kinnbacken, den er ergriffen hatte, nachdem ihm durch ein Wunder die Fesselnvon den Händen gefallen, mit welchen gebunden er ins Lager der Philister geführtworden war. Zur Rechten und Linken sehen wir zahlreiche mit Schwert undSchild und Panzer Bewaffnete in den verschiedensten Lagen todt übereinandergethürmt, und es kann gar kein Zweifel sein, dass der Künstler hier den mitGottes Hilfe über seine mächtigen Feinde triumphirenden Samson darstellenwollte, wie er freudig ausruft: in maxilla asini, in mandibula pulli asinarumdelevi eos et percussi mille viros, Tausend Männer hab ich mit dem Eselskinn-
1) Acta Sanctorum Tom. III. Febr. p. 160, vgl. Reichensperger a. a. 0. S. 115.
2) Vergl. Wessely, Ikonographie Gottes etc. Lpz. 1874, S. 53.
3) Der Stab in der Hand des einen zu hinterst stehenden Liktors, den Reichenspergera a. 0. S. 114 zur Unterstützung dieser Ansicht anführt, hat sich bei der Restauration als Gewand-falte ergeben.
4) Aus einer auf meinen Wunsch von Hrn. Hauptmann a. D. Gerlach in Brauweilervorgenommenen Untersuchung ersehe ich, dass vor dem ersten Worte DV(m) noch mehrere Buchstabensich befinden, darunter ein deutliches L.
backen getödtet und so Rache genommen dafür, dass mein Weib in meiner Ab-wesenheit einem Anderen zur Frau gegeben worden! Es liegt etwas Majestätischesin diesem Bilde, eine dramatische Bewegung, wie sie nur der echte Künstler zuschaffen vermag, und die auf jeden Beschauer einen frappirenden Eindruckmachen muss. Die Schriftspuren des unteren Randes:
.....VS . . . . OR PVONE-MIRABILIS-AVITOR
fehlen bei Ramboux und sind jedenfalls zu lesen:
.....VS . . . . OR . PVGNE MIRABILIS AVCTOR.
12.Im letzten Felde dieses Gewölbes ist die Stelle versinnbildet: „castraverterunt exterorum, haben die Heerschaaren der Fremdlinge in die Flucht ge-schlagen". Auch dieses Bild verräth in seiner fein durchdachten Compositiondie Hand eines tüchtigen Meisters. Es schildert uns im Anschluss an I Reg.11, 1 ff. den ersten Sieg Sauls, nämlich jenen über die Ammoniter, welche dieStadt Jabes in Galaad unter Anführung des Naas belagert und schändlicheDrohungen gegen die Bewohner ausgesprochen hatten. Diese aber hatten eiligstzu Saul nach Gabaa gesandt, welcher auch, vom Geiste Gottes getrieben, sofortbereit war, ihnen die erbetene Hilfe zu gewähren. Rasch sammelte er mit Umsichtund Entschiedenheit ein grosses Heer, das von ihm in drei Abtheilungen getheiltwurde, und brach gegen die Ammoniter auf. Unser Bild zeigt uns eine tapfereReiterschaar, an ihrer Spitze offenbar Saul selber, wie er beim Morgengrauenmitten in das Lager eindringt (ingressus est media castra in vigilia matutina). DieAmmoniter hatten den Ueberfall, und zwar zu so früher Stunde, gewiss nicht erwartet.Im hintersten Zelte ist Einer noch beschäftigt, die Sandalen anzulegen, aus demmittleren enteilt ein Bote, auf dessen Spruchband das Wort OPVS sichtbar ist,im vordersten aber treten fünf überraschte und nur leicht bewaffnete Männerder wackeren Schaar entgegen, deren Anführer Einen von ihnen durch einenLanzenstich tödtet, als er eben das Schwert ziehen will. Die Folge dieser Ueber-rumpelung war einerseits die völlige Niederlage und Zerstreuung des ammoni-tischen Heeres, andererseits aber die auf Samuels Rath in Galgala vollzogeneSalbung Sauls zum Könige. Die Buchstabenseste des untern Randes ersehe manauf der Tafel.
Viertes Oewölbe. (Feld 13-16.)
Taf. X.
13.
Das erste Feld des unmittelbar über dem Eingang befindlichen viertenGewölbes zeigt uns die Illustration der Worte: „acceperunt midieres de re-surrectione mortuos suos, Weiber haben wiederbekommen ihre auferstandenenTodten". Die Erklärung des Bildes kann kaum zweifelhaft sein. Vor einem inreicher Architectur erscheinenden Hause steht in langem, fliessendem Gewändeund rothem Ueberwurf ein bärtiger Mann, den Heiligenschein ums Flaupt, dieFüsse unbekleidet. In der Linken hält er eine Buchrolle, mit der Rechten führter einen munter vorausschreitenden Knaben, der nach ihm sich umschaut; erübergibt diesen einer mit Hast herankommenden Frau, die, sonder Zweifel, dasWeib ist, welches in dem Knaben ihren lieben Auferweckten wiederbegrüsst.Auf die Erweckung des Jünglings von Naim passt die Darstellung nicht, weilder Mann, der ja dann der Heiland selber sein müsste, den gewöhnlichen Hei-ligenschein und nicht den Kreuznimbus hat. Durch die Buchrolle in Verbindung mitdem Nimbus dürfte die fragliche Hauptfigur viel eher als ein Prophet gekenn-zeichnet erscheinen, und es steht nichts im Wege, in unserer Darstellung; jenebekannte Erweckung eines Jünglings zu erblicken, welche der Prophet Elias beiseiner Ankunft in Sarephta vollzog (III. Reg. 17, 17—24). Nachdem dort derProphet das Wunder mit dem Mehlgefäss und Oelkrug in demilause derWittwegewirkt, starb plötzlich deren Sohn. Der Prophet erbat sich die Leiche desKnaben und betete dann voll gläubigen Vertrauens zu dem Herrn, dass er wiederLeben in den Todten zurückkehren lasse. Das Gebet des Propheten wurde erhört,er übergab den wieder lebendig gewordenen Knaben seiner erfreuten Muttermit den Worten: Dein Sohn lebt, en vivit filius tuus 1 )'
14.
Das Bild des folgenden Gewölbefeldes zeigt mit der Unterschrift: „aliidistenti sunt, andere sind gefoltert worden" einen älteren Mann mit dem gewöhn-lichen Nimbus und ohne jede Spur von Wundmalen an eine crux immissa mitHänden und Füssen festgebunden. Zu beiden Seiten stehen bewegte Gruppenvon Männern und Weibern, deren Geberden Staunen und Verwunderung bekunden.Es liegt nahe, hier mit A. Reichensperger an das Martyrium des h. Simeon, denSohn des Cleophas und also verwandt mit Jesus, zu denken, der 120 Jahre alt,als Bischof von Jerusalem unter Trajan als Verwandter Jesu ergriffen und nachErduldung vielfacher Qualen ans Kreuz gebunden wurde, während alle Umstehendensich verwunderten, dass ein so alter Mann solche Qualen muthig und standhaftim Glauben erdulde 2 ).
15.
Als Erläuterung zu den weiteren Textworten: „non suscipientes redemp-tionem, ut meliorem invenirent resurrectionem, (andere) haben die Befreiung
1) Reichensperger a. a. 0. S. 110 sieht in der Darstellung die Vertreibung Ismaelsund seiner Mutter Hagar aus dem Hause Abrahams. Abgesehen davon, dass die Composition uns nichtgestattet, an ein gemeinsames Fortgehen der Frau und des Knaben von dem Manne zu denken, vielmehroffenbar Frau und Knabe resp. Frauengestalt und Mann einander entgegenkommend dargestellt sind,würde auch die Vertreibung Hagar's nicht zu jenen Textworten passen, die nach dem im ganzen Cyclusbefolgten Anschluss an den Wortlaut des Hebräerbriefes in unserem Gewölbefelde zu erläutern waren.
2) Kugler (in den Nachtrügen zur 1. Auflage seiner Kunstgeschichte) hatte sich durchden ersten Anblick verleiten lassen, in unserem Bilde die Kreuzigung Christi zu erblicken, ein Irrthum,der in den späteren Auflagen selbstverständlich verschwand.