Druckschrift 
2 = Abth. 1, Bildnerei (1860)
Entstehung
Seite
124
Einzelbild herunterladen
 

124

AACHEN.

4.

Diese 2Va' lange, 1 l /i' breite und 1'/V Lohe schwarze Holzkiste ist durch die Artund den Charakter ihrer Verzierungen ebenso interessant wie merkwürdig. Letzere bestehensäinmllich aus stark vergoldetem Kupfer und sind zumeist mit schönem email champlevegeschmückt im reichsten romanischen Stile. Besonders prächtig ist das Schloss mit denbeiden sich daran schliessenden Hauptbeschlägen, Greife und geflügelte Sirenen schmückenderen Felder. Die beiden Schlosshaken sind mit blau emaillirten Schuppen bedeckt und endenin Hundeköpfen. Aber neben der reichen Eleganz des Schlosses fesseln uns besondersdie Medaillons, welche alle Seiten des Kastens schmücken. Diese emaillirten Medaillonszeigen auf den schmalen Seiten und der Hinterseite auf blauem Emaillegrunde in goldigenZeichnungen Kampfscenen zu Fuss und zu Pferde und Ritterfräulein, beritten und zu Fuss,mit dem Falken auf der Hand. Die Medaillons des Deckels und der Vorderseite sindanderer Art. Sie bestehen aus vier stets wiederkehrenden emaillirten Wappen, deren injedem Medaillon sich eins befindet und das immer von drei ciselirten und reich vergoldetenEidechsen aufgenommen wird.

Wenn jegliches kirchliche Geräth des Mittelalters daran zu erkennen ist, dass es inseiner künstlerischen Ausschmückung doch irgend einen Gegenstand des kirchlichen Lebens-kreises zur Anschauung bringt, so können wir auch annehmen, dass da, wo der Schmuckjede sacrale Bedeutung ausschliesst, nur von einem weltlichen Zwecke die Rede sein kann.Der wesentlichste Schmuck dieser Kiste besteht nun offenbar in jenen vier Wappen, welcheArt der Ausschmückung sie als einen zum persönlichen Gebrauch des Wappenträgers die-nenden Besitz erscheinen lässt. Wie kommt aber der zum Haushalt eines weltlichen Grössendienende Gegenstand in die Kirche? Vielfache Urkunden belehren uns, dass die KaiserOtto III., Friedrich III. und Richard von Cornwallis und Andere den Kirchen, worin sie ge-krönt wurden, ihre Krönungsgewänder schenkten. Es geht aus diesen Schenkungen hervor,dass jene Gewänder nicht zu den Reichsinsignien gehörten, sondern das persönliche Eigen-thum der Geschenkgeber waren, und somit auch von denselben auf ihren feierlichen Zügenzu den Krönungskirchen mitgebracht werden musslen. Unsere Kiste dürfte desshalb wolzweifellos der Reisebehälter eines zur Krönung nach Aachen gekommenen Kaisers sein, derdenselben mit seinem Inhalte später nach geschehenem Gebrauche der Kirche unserer liehenFrau schenkte. Von Wilhelm von Holland wissen wir es nun nicht durch den Belag einerUrkunde, wie bei Friedrich IIb, Richard von Cornwallis und Carl V. 230 , dass er seine Krö-nungsgewänder der Marienkirche weihte, aber wir wissen nach den Urkunden der genann-ten Kaiser, dass es gemäss eines alten Gebrauches geschah, und somit wird auch Wilhelmdiesem Gebrauche gefolgt sein. Denn dass Wilhelm von Holland seine Krönungsinsignien

230. Quix, -Cod. dipl. IM. 135. p. 98, schenkt Friedrich II. 1222 seine Gewander der Kirche.Urk. 192 geschieht dassclhe von Richard von Cornwallis. Vgl. Meyer, Arch. Gesch., p. 290.Carl V. schenkte seine Gewänder der Kirche, Lac. IV. 521.