ESSEN.
33
mit dem Löwen. Sie schreiben, den Griffel in der Rechten, Marcus und Lucas in der LinkenDintcnfässer haltend, das Buch auf die Attribute gelehnt, sitzend auf architektonischen Sesseln;derjenige des Marcus wird freilich durch das Gewand verhüllt. Die Geburt des Gottes-kindes findet zu Unterst ihre naive Darstellung. Maria liegt in einem sorgfältig bedecktenBette, die Hände in antiker Weise zum Gebet erhoben, während eine Wehmutter die Deckeüber ihr lüftet, gleichsam als wollte sie das Kindlein hervornehmen. Dieses liegt be-reits in Windeln eingewickelt links neben dem Bette in der Krippe und scheint zuschlafen, während Ochs und Esel sich ehrerbietig dabei einfinden. Den ganzen Vor-gang sammt den beiden unteren Evangelisten schliesst oben querdurch eine wellen-artige Andeutung ab, welche die Bodenfläche für die darüber befindliche Kreuzigungbildet. Die Kreuzigung ist ziemlich im ältesten Typus gehalten. Christus bärtig, mitoffenen Augen, einem bis zu den Knieen reichenden Schurze, ohne Dornenkrone undNimbus, welcher überhaupt auf tler ganzen Elfenbeinplatte nirgends erscheint; die Füsseneben einander auf ein Stehbrett gestützt, und diese ohne Nägel. Die aus den Wolkenreichende Hand Gott Vaters hält über dem Haupt des Gekreuzigten an drei Schnüren dieKrone. 54 In kleineren etwas carikirten Figuren an beiden Seiten die zwei Kriegsknechte,der eine die Lanze in die Seite stechend, der andere auf einer Stange den Essigschwammemporreichend. In grösseren Figuren, je zwei an einer Seite, die äussersten ein Buch haltend,wohl Maria und Johannes, die dem Kreuze zunächst, die eine in einem Kelche das Blutauffangend und mit der Linken die Siegesfahne haltend, Analogien gemäss die strei-tende Kirche 55 , während die andere, auf den Heiland deutend, eine Siegespalme tragend,dann nur die triumphirende Kirche sein kann. Zu äusserst an beiden Seiten die Schacher,lebend, mit offenen Augen und ebenfalls mit langem Schurz; sie sind ans Kreuz gebunden,die Hände auf dem Bücken. 56 Der Ausdruck hat einige Andeutung ihres Wesens, indem derbärtige rechts mild und ergeben, der links trotzig erscheint. Vier'offenbar in ihrer Bedeu-tung zusammengehörige Figuren schliessen den Vorgang der Kreuzigung ab. Sie entsteigenmit lebhafter Geberde dem Boden. Zwei unter den Kreuzen der Schacher, zwei über den-selben. Ueber dem verstockten Schacher entsteigt die Figur einem gefängnissartigenThurme, über dem reumüthigen taucht eine solche aus der Tiefe empor mit triumphirendausgebreiteten Armen. Die Schwierigkeit der Deutung für diese vier Figuren liegt in derSonderung, welche eine derselben durch den Thurm in ihrer Bedeutung zu erhalten scheint.Zwei Erklärungen liegen uns in ungezwungener Nähe. Entweder sind es im Anschluss andie Tradition, wonach Golgatha an der Stelle des Paradieses lag, die Personificationen dervier Ströme des letzteren, oder es sind die Todten, die um die dritte Stunde nach der
54. Aehnhehe Darstellung: Oesterreich. Jahrb. II. 249 und 132; und Taf. XXXVII. 3 unseres Werkes,
dann Lohde: Dom v. Parenzo Taf. 4. und vielfach hei Ciampini: Mnn. vet.
55. Wie hei einem Bamberger Elfenbein: Förster, Geschichte der Deutschen Kunst, I. p. C3. Ebenso auf
d. Gebetbuch d. h. Elisabeth v. Thüringen: Österreich. Jahrbuch B. II. p. 249 ; an der Lieb-frauenkirche zu Trier, an einem Altar zu Soest, zu Hildesheim u. s. w.
56. Gebunden sind auch die Schacher bei Agincourt XXVII. 5.
5