GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINES.
Denn während der gothische Stil schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts im süd-licheren Rheinlande selbstständig aufgetreten war, zeigt sich derselbe nur im Uebergangean der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbauten romanischen Kirche zu Werden^und dem ebenso spät entstandenen Schrein des heil. Suitbert zu Kaiserswerth. 4 Für dasfehlende Mittelglied des frühgolhischen Stiles entschädigte uns die gewaltige voll markigenLebens aufblühende Zeit spätgothischer Kunst. Die ganze Kraft der Entwicklungsfähigkeithatte sich in sie ergossen. Ihre reichste Blüthe war die Holzschnitzschule von Calcar. 5Wir bedauerten es damals, dass wir nicht im Stande waren, mit dem Ruhme dieser Schule,welche durch die burgundisch - clevischen Heirathen und die ihnen folgende burgundischePracht an den Niederrhein gekommen war, um das auf Burgunds Wünsche zum Herzogthumerhobene Land und besonders dessen neuen Bischofssitz Calcar auszuschmücken, und imfernen Danzig namenlos verklang, die Schläfen eines mit Namen zu nennenden Meisters zubekränzen.
dieselben gar nicht getrennt betrachten sollte. Die Gerresheimer Kirche dürfte aber woldie altere sein. Die Annahme, dass am Niederrhein die romanische Kunstweise fast bis zurspäthgothischen dauerte, zeigte schon der Ziegelthurm der Mariinskirche zu Emmerich undwürde am schlagendsten die Crypta der Pfarrkirche zu Heinsberg beweisen, wenn es sicli erhellenHesse, dass jene Urkunde hei Lac. I. 436, welche schon im 12. Jahrhundert eine Kirche in Heins-berg kennt, sich wirklich auf einen andren Bau, nämlich den der Schlosskapelle, bezieht,und somit die Crypta der golhischen Kirche noch im 13. Jahrhundert entstanden wäre, wasuns als ein bewusster Archaismus hier so wenig wie anderwärts wundern würde. Vergl.Organ für christliche Kunst 111. 143, 155, 160, 175, ISO; IV. 11. Fast in allen Kirchen lässlsich ein erster romanischer TufTbau erkennen, welcher in einem spätgothischen Ziegel-Umbaueverschwand. Zu dieser Behauptung der frühern Einleitung wollen wir nur eine Anzahl dort nichtgenannter Kirchen anfuhren. Ziemlich erhalten haben sich noch einige einfache romanischeKirchen zu Wassenherg, Birgelen und Ophoven; romanische Thlirme besitzen noch die Kirchen zuNieder-ßarmen, Jülich, Britnen und Uedem, lelzere beiden aus dem 13. Jahrhundert und dieKirchen spätgothisch umgebaut. Die Herrenabtei Hamborn besitzt noch wenige romanischeSäulchen mit Eckblättern eines Kreuzganges aus dem 13. Jahrhundert, ist aber im Ganzenspätgothisch umgebaut. Nur vermauertes Tuffmalerial des ersten romanischen Baues zeigen diespätgothischen Kirchen zu Vorst, Straelen, Pulken, Weeze, Kaldcnkirchen, Vierssen, Dahlen,Wickerath u. s. w. Diese spätgothischen Kirchen folgen meist dem früher angedeuteten Typus,schieben, wie auch wieder in Heinsberg, Straelen und Goch, die Seitenschiffe vor bis indie Wesllinie des vorliegenden Thurmes, und entwickeln sich oft zu imposanter Grossartigkeit,wie in Goch, in der Willibrordkirehe zu Wesel und zu Erkelenz, wenngleich letztere Kirchewesentliche Verschiedenheiten hat.
3. Lohde und Stiller: Die Abteikirche zu Werden, Berlin 1857.
4. Siehe Tafel XXX samml Text. Das Andauern romanischer Typen beweisen vorzüglich die Taufsteine,
vergl. Text zu Tafel XXII, 1. Für Goldschmiedearheiten vergl. Text zu Taf. XXIV u. V.
5. In Bezug auf die mit der Holzschnitzerei Hand in Hand gehenden übrigen Zweige der Bildnerei, z. ß.
die reichen spätgothigen Goldschmiedearheiten, und bei den Steinscnlptiiren besonders die eigen-tümliche Entwickclung der Sacramenlshäuschen, müssen wir bis zu der die Püblication he-schliessenden rheinischen Kunstgeschichte auf den Text zu den einzelnen Gegenständen selbstverweisen. Für die Sacramenlshäuschen vergl. das Betreffende zu Taf. XXXI. Schöne eiserneBeschläge finden sich zu Xanten, Straelen, Dülken und Vierssen.