■■■
Band VII. IV. Geistesstörung ohne nachweisbares Vorausgehen einer bestimmten körperliehen oder geistigen Einwirkung.
473
Lau-fende
No.
1.
XCIX.
Charge.
Alter zur Zeit
des Krieges.
Civilberuf.
Einjährig-Freiwilliger
20 Jahre.
stud. phil.
Anamnestische Daten.
Hereditäre
und individuelle
prädisponirende
Momente.
Vater soll an Epi-lepsie gelittenhaben.
Zeit,
zu welcher die
Geistesstörung
unzweifelhaft
hervortrat.
Krankengeschichte.
5.
Patient wurde in der Nacht vom 13. zum 14. De-zember nach Angabe eines mit ihm einquartiertenFreundes, nachdem er schon Nachmittags ein un-bestimmtes Unwohlsein verspürt hatte, unterKrämpfen bewusstlos. Nach dem Erwachen warer sehr erregt und gegen seine Umgebungfeindlich. Bei seiner Aufnahme in einem Feld-lazareth wurde notirt: Gesicht geröthet, Blick un-stät, kein Fieber. Patient behauptet, dass er und Mit-glieder seiner Familie wegen Vergehen gegen dieSittlichkeit die Todesstrafe erleiden müssen. DieVerbrechen seien so ungeheuerlich, dass die Todtendeu Gräbern entstiegen seien. Er glaubt, seinenGrossvater zu sehen, hört Stimmen, Gesang seinerAngehörigen, und sucht demselben nachzugehen.Behandlung: Chloralhydrat, warme Bäder mit Ueber-giessung.
Am 21. Dezember beginnt er an der Richtigkeitseiner Vorstellungen zu zweifeln, am 24. Dezemberist er vollkommen klar und verständig.
Ausgang.
Be-merkungen.
Geheilt,
Lieutenant.21 Jahre.
Hat mehrere Schlachtenund Belagerungen mit-gemacht.
Von einem Gefangenentransport Mitte September1870 zu seiner Eskadron zurückgekehrt, zeigte Pat.sich ganz im Gegensatz zu seinem früheren Verhaltenöfters sehr schweigsam, mürrisch, von grossemMisstrauen gegen Kameraden und Untergebene be-seelt. Dieses Misstrauen, welches er offen aussprach,Hess ihn in der geringsten Unannehmlichkeit eineihm absichtlich von Anderen zugefügte Chikane er-blicken. Auch wurde ein hoher Grad von Egoismusbei ihm bemerkt, wie solcher früher seiner Natur nichteigen schien. Er war sich nicht mehr klar über diegewöhnlichen Rechtsbegriffe und die Nothwendigkeitder Rücksichtnahme auf Andere. Es äusserte sichdies den Kameraden gegenüber in der allerschroffstenWeise bei Quartier- und Verpflegungsangelegenheiten.Er wurde mit der Zeit immer wunderlicher, dannsteigerten sich die zeitweiligen Erregungszuständezu Tobsuchtsanfällen, so dass er einer Irren-Anstalt übergeben werden musste. Sein Zustand nahmden Charakter der „ allgemeinen Verrücktheit"an. Mit der Zeit wurde er ruhiger, die heftigen Affektemachten einem ruhigeren Zustande Platz, währenddessen er sich in einem beschränkten Kreise vonWahnideen bewegte. Diese waren vorwiegend hy-pochondrischer Natur. Er verweigerte oft dieNahrungsaufnahme, vermied es, andauernd zusprechen, hielt sich dann Monate lang fortwährendim Freien auf, suchte seinen Körper durch Dauerläufezu stärken. Jede seiner Bewegungen trug etwaskrankhaft Bizarres an sich, ebenso die Artikulation,in der er seine Worte hervorbrachte.