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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
469
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Band VII. IV. Geistesstörung ohne nachweisbares Vorausgehen einer bestimmten körperlichen oder geistigen Einwirkung.

469

Lau-fende

No.

1.

Charge.

Alter zur Zeit

des Krieges.

Civilberuf.

2.

Anamnestische Daten.

Hereditäre

und individuelle

prädisponirende

Momente.

3.

Zeit,

zu welcher die

Geistesstörung

unzweifelhaft

hervortrat.

Krankengeschichte.

5.

Ausgang.

Be-merkungen.

6.

LXXX1X.

Lieutenant.32 Jahre.

Unbekannt.

Frühjahr1871.

Tod im

März 1873.

Pat. erkrankte im November 1870 zu Reimsmit Verdauungsstörungen, welche lange Zeit an-hielten. Pat.wurde stiller und lebte vollständig zurück-gezogen. Im März 1871 wurde er krankheitshalber nach Berlin beurlaubt. Er litt an Melancholie, welche mit Angst-zufällen und zeitweise auftretenden Sinnestäuschungen verbunden war. Seine Wahnvorstellungen nahmenihren Ausgang von vermeintlichen Unterleibsleiden. Auf Anfälle heftiger Aufregung folgte ein stilles Hinbrüten, auswelchem er durch keinen Zuspruch zu erwecken war. Die rechte Pupille zeigte sich erweitert. Eine zwecks Invalidisirungbefohlene militärärztliche Untersuchung fand im Juni 1872 statt. Hierbei fand sich die rechte Pupille im Zustand mittlererWeite auf Lichtreiz und Akkommodation reaktionslos, von ovaler Form; Augenhintergrund normal. Gleichzeitig bestandLungentuberkulose.

X.

Unteroffizier.

Unbekannt.

November1870.

Die Kompagnie befand sich am 5. November1870 auf Feldwache. Patient als der jüngste Unter-offizier wurde häufiger zum Patrouillengehen undPostenaufführen herangezogen als die älterenKameraden. Diese vermuthen, dass er hierin mög-licherweise eine Zurücksetzung erblickt habe. Andem genannten Tage fand eine sehr lebhafte Kanonadeaus dem Fort statt. Patient rief einen anderenUnteroffizier an und äusserte sich gegen denselbenin einer unverständlichen Weise, ebenso später gegen die Offiziere. Am 7. November wurde er in ein Feldlazarethgebracht und dort an Geisteskrankheit (Melancholie?) behandelt, später jedoch auf Veranlassung des Chefarztesvon seinen Angehörigen in die Heimath abgeholt. Ein civilärztliches Attest bescheinigt, dass er dann langeanunbestimmten Affektionen des Gehirns und Rückenmarks mit Lähmung der Unterextremitäten"gelitten habe.

Im August 1871 hatte Patient ein blühendes gesundes Aussehen, Muskulatur und Fettpolster gut entwickelt.Am Respirations- und Cirkulationsapparat fand sich keine krankhafte Veränderung, Appetit und Verdauung, Nieren -und Blasenfunktionen normal. Der Untersuchte stand mit gespreizten Beinen und suchte nach einer Stütze,um sich zu halten. Beim Gehen am Stocke schleifte er die Füsse am Boden. Er klagte über Schmerzund Schwäche in den Beinen.

Schon Ende Oktober desselben Jahres muss aber in der Gebrauchsfähigkeit der Unterextremitäten eine erheb-liche Besserung zu konstatiren gewesen sein, denn es findet sich seine Anerkennung als Ganzinvalide ohne Beein-trächtigung der Erwerbsfähigkeit in den Akten ausgesprochen.

XCI.

Musketier.29 Jahre.

Unbekannt.

Als ruhig, fleissig undnüchtern geschildert.

Frühjahr1871.

Pat. zeigte nach Aussage eines Unteroffiziersschon im Winter 1870 ein gestörtes Wesen. Besondersfiel an ihm ein starrer Blick, ein häufiges unmoti-virtes längeres Vorsichhinsehen und ein eigen-thümliches, durch die geringsten Veranlassungen inScene gesetztes Lachen auf. Nach Beendigung desFeldzuges trat Pat. bei einem Tüncher in Dienst,musste von diesem aberwegen seiner offenkundigenGeistesstörung" entlassen werden. Im Jahre 1872wurde er an häufig wiederkehrendem Schwindel, Unsicherheit bei Bewegungen und Muskelschwäche ärztlichbehandelt. Höchst wahrscheinlich w T aren es diese Zustände, die einen übrigens ohne wesentliche weitere Folgen ab-gelaufenen Fall von einem Gerüst veranlassten. Einige Zeit später machten sich Erscheinungen allgemeiner Haut-wassersucht bemerklich, welche zu erklären der behandelnde Arzt sich ausser Stande sah. Im Jahre 1873 stelltensich zeitweise die Symptome von Melancholie ein, verbunden mit hartnäckigen Verdauungsbeschwerden. Nach einervorübergehenden Besserung wurde 1875 eine anhaltende Aufregung, heftige Reizbarkeit, Mangel an Schlaf be-obachtet. Dieser Zustand blieb 1876 und 1877 unverändert. Neu hinzu traten nervöse Schmerzen in den unterenExtremitäten. Als Pat. im Dezember 1884 militärärztlich untersucht wurde, entwickelte er auf die Frage, wieer sich befinde, sofort eine krankhafte Schwatzhaftigkeit, welche von den lebhaftesten Gestikulationen und einerbeständigen Unruhe begleitet war. Es war unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand zulenken oder ihn nur wenige Minuten bei einem solchen zu fesseln. Aus allen wirren Reden und Klagen ging jedochhervor, dass der Kopf der leidende Theil sein müsse. Eine ihn begleitende Schwester führte als besonders hervor-stechende Beschwerden Schmerzen im Kopfe und in den Gliedern, Schwindel und Schlaflosigkeit an. Somatisch erwiessich Pat. als gesund.