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X. Kapitel: Kriegs-Psychosen.
Band VII.
Lau-fende
No.
1.
LXXVI.
Charge.
Alter zur Zeit
des Krieges.
Civilberuf.
Proviant-meister.
43 Jahre.
Anamnestische Daten.
Hereditäre
und individuelle
prädisponirende
Momente.
3.
Vater hat in seinenletzten Lebensjahren anKrämpfen und leich-teren geistigen Stö-rungen gelitten. Ge-schwister gesund.
Kräftige Konstitution,früher immer gesund,führte ein ruhigesgleichmässiges Leben,war von gutmüthigemCharakter, sehr pünkt-lich und gewissenhaft.
Zeit,
zu welcher die
Geistesstörung
unzweifelhaft
hervortrat.
4.
Herbst 1875.
Krankengeschichte.
Die aufreibende Wirkung seiner verantwortlichenThätigkeit als Feldproviantmeister eines Armeekorpsmachte sich — wie ein amtliches Schriftstück be-kundet — schon während des Krieges geltend. Nachseiner Rückkehr aus dem Kriege bemerkte seine Frau anihm ein in sich gekehrtes verstimmtes Wesen.Die ihm obliegende, mit vielen Schwierigkeiten undMühen verknüpfte Arbeit der Kriegsrechnungslegung,namentlich das nächtliche Arbeiten, strengten seinenGeist noch mehr an, er wurde heftig, aufbrausend.Zwar that er immer seine Arbeit, war aber in seinemWesen sichtlich verändert. Im Sommer 1875 stelltensich Schwindel, Benommenheit des Kopfes ein,die Sprache wurde stockend, die Artikulation un-
Ausgang.
Be-merkungen.
6.
Progres-siveParalyse.
Tod im Au-gust IST 7.
genau. Eine Kur in Mai'ienbad blieb ohne Erfolg.-----------------
Bald darauf wurde Pat. redselig, geschäftig, machte grosse Pläne, hielt sich für einen glücklichen Menschen. Dieihm zu Theil werdende Anerkennung für seine tadellose Rechnungslegung brachte ihn vollends um alle Besonnenheit.Er erwartete jetzt eine Dotation von 400 000 Thalern etc. Im November 1875 musste er in eine Irren-Anstalt auf-genommen werden. Hier zeigte er sich anfänglich aufgeregt, ängstlich, widerspenstig, hatte allerlei Wahnideen,machte Nachts einen Angriff auf einen anderen Kranken. Die Artikulation wurde immer schlechter, die heraus-gestreckte Zunge zitterte, die Muskelkraft nahm ab, bei geschlossenen Augen schwankte er. Schliesslich nahmen dieLähmungserscheinungen immer mehr überhand.
LXXVIT.
W
LXXVITI.
Yizefeldwebel.26 Jahre.
Wehrmann25 Jahre.Oekonom.
Bruder geistes-krank. — 1862 infi-zirt. 1868: Inunk-tionen,heftigeKopf-schmerzen, Abdu-censlähmung, Jod-
kalium.
Soweit bekannt, aus Frühjahrgesunder Familie. 1871.
Selbst früher stets geund. Geringe geiBegabung, dürftige Schulbildung
auf •
s t i g e
brausendes Wesen
Zeigte sich nach seiner im November 1869 erfolgtenEntlassung aus dem aktiven Militärdienst mehr undmehr unwillig und untauglich zu körperlicher wiegeistiger Beschäftigung; die Aufforderungen dazu wieser mit wirren und heftigen Worten zurück. Rücktenichtsdestoweniger 1870 mit ins Feld, machte ins-besondere die Schlacht bei Gravelotte—St. Privat unddie Einschliessung von Metz mit. Später wurde erwegen wunder Füsse nach Deutschland evakuirt.
Nach dem Feldzuge stellte sich schnell Kräfte-verfall, Schlaflosigkeit und Stirndruck ein.Patient fürchtete selbst, geisteskrank zu werden, undbegab sich in eine Anstalt für Gemüthskranke. Hierwurden somatisch keine krankhaften Erscheinungenkonstatirt; psychisch traten Angstzustände auf; erfühlte sich krank, die Gedanken verliessen ihn, zeit-weilig wurde er heftig und gewaltthätig, Appetitund Schlaf waren leidlich. Im weiteren Verlaufe derKrankheit hallucinirte er lebhaft. Allerhand hypo-chondrische Vorstellungen fanden sich ein: erhabe seinen Magen verloren, habe Nichts mehr alsdie Beine und Arme. Allmälig wurde er apathischund auch körperlich schwächer, sank mehrmalsum, forderte ein Messer, um sich das Leben zu nehmen.In diesem Zustande wurde er nach einer Irren-Anstaltübergeführt, hielt sich dort abwehrend gegen jedeUntersuchung, hallucinirte, ging oft Nachts nicht indas Bett.
In den heimischen Lazarethen traten deutlicheZeichen von Geistesschwäche und krankhafterErregbarkeit hervor. Ende Mai 1871 wurdePatient in eine Irren-Anstalt aufgenommen. Dortverhielt er sich in der ersten Zeit andauernd tob-süchtig und fast völlig verwirrt, zerstörte Alles,was er erreichen konnte, schwatzte, sang, sprangumher, war höchst unreinlich. Dieser Zustanddauerte bis Februar 1874. Später wurde er ruhigund reinlicher, ging mit blödsinnigem Lächeln umher,sprach uuzusammenhängende, unsinnige Dinge vorsich hin.
Wurde imMärz 1874todt imBett ge-funden.
Ver-blödung.