III. Geistesstörung nach anderweitigen bestimmten
Unter denjenigen, nicht in Verletzung oder körper-licher Erkrankung bestehenden Momenten, welche mit mehroder weniger Wahrscheinlichkeit als Ursachen der Ent-stehung oder des Ausbruches von Kriegs-Psychosen sichaufdrängen, nehmen der Schreck und der Vorposten-dienst bei Belagerungen eine dominirende Stellungein. Jede dieser beiden Einwirkungen tritt unter den 14nachfolgenden Krankengeschichten fünfmal (LVII bis LXIund LXVI bis LXX) bedeutungsvoll hervor.
Der dauernd verderbliche Einfluss, welchen heftigerSchreck für sich allein auf das Centralnervensystem unterUmständen zu entfalten vermag, ist in diesem Bande bereitsmehrfach') Gegenstand der Erörterung geworden. Dass erauch Geistesstörungen hervorzurufen oder zur Explosion zubringen im Stande ist, dafür finden sich Beispiele, welcheim Zusammenhange mit den Kriegsereignissen anCivilpersonen beobachtet sind, namentlich bei Witkowski(a. a. 0.) und bei Kohts. 2 ) Auch in der Kranken-
! ) Vergl. insbesondere S. 1 und 292.
2 ) Kohts, Ueber den Einfluss des Sehreckens beim Bom-
geschichte 14 bei Stoevesandt (a. a. 0.) ging ausserTyphus ein durch Eisenbahnunglück veranlasster heftigerSchreck dem Ausbruch der Psychose bei einem DeutschenSoldaten voran. Deutlicher als im letzteren Fall dürfte dasin Rede stehende Moment in den oben bezeichneten Kranken-geschichten der hier folgenden Kasuistik hervortreten, ob-wohl — wie bereits an früherer Stelle erwähnt ward —bei No. LVII, LVIII und L1X eine gleichzeitige mecha-nische Einwirkung (Gehirnerschütterung), bei No. LVIIIauch eine körperliche Affektion (Ohrenleiden) nicht ganzausgeschlossen erscheint. Witkowski betont, dass min-destens zuweilen eine direkte Einwirkung des Schreckensauf die Gehirnsubstanz selbst wird angenommen werdenmüssen, da die mikroskopische Untersuchung in einigensolchen Fällen die Integrität der Gefässe erwiesen hat.
Beobachtungen von Geistesstörung bei Schreck-Epilepsie sind auf Seite 299 (Fall VII) und 300 (Fall XI)dieses Bandes mitgetheilt, desgleichen wurde in der nach-
bardement von Strassburg auf die Entstehung von Krankheiten.(Berliner klinische Wochenschrift 1873. No. 24 bis 27.)
K a s u
Lau-fende
No.
1.
Charge.
Alter zur Zeit
des Krieges.
Civilberuf.
2.
Anamnestische Daten.
Hereditäre
und individuelle
prädisponirende
Momente.
3.
Ort, Zeit und Art des besondereneinwirkenden Momentes.
Bemerkungen zu demselben.4.
Zeit,
zu welcher die
Geistesstörung
unzweifelhaft
hervortrat.
5.
LVII.
Eeservist.
24 Jahre.
Weber und Band-arbeiter.
Aus gesunder Familie.
Durchaus normale
geistige und körperliche
Entwickelung.
Während der Einschliessung von Paris flog eineGranate dicht am Kopfe des Pat. vorbei und ex-plodirte in seiner nächsten Nähe, ohne ihn zuverwunden.
Frühjahr 1871.
LVIII.
Eeservist.
26 Jahre.
Stellmacher.
Aus gesunder Fa-milie. — Selbst körper-lich und geistig gutentwickelt.
Als klares Krankheitsbewusstsein eingetreten war,gab Patient selbst als ätiologisches Moment an, in derSchlacht bei St. Quentin am 19. Januar 1871 sei in seinerunmittelbaren Nähe eine Granate geplatzt; erselbst sei dabei zur Erde geworfen worden und habeseitdem ein lästiges Knattern in den Ohren em-pfunden.
1871.