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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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X. Kapitel: Kriegs-Psychosen.

Band VII.

In der nachstehenden tabellarischen IJebersicht beziehensich die Krankengeschichten XXXI bis XL auf Psychosennach Typhus; auch in der unter Gruppe I dieses Kapitelsaufgeführten Krankengeschichte XIII findet sich Erkrankungan Typhus konstatirt, welche anscheinend eine durch Gehirn-erschütterung bedingte beginnende Geistesstörung zu raschemAusbruch brachte, während eine bei Fall XCII (Gruppe IVdieses Kapitels) notirte typhöse Erkrankung wohl ohnenachweisbaren Einfluss geblieben ist. Eine Beobachtung, beiwelcher sich an einen Typhus psychische Epilepsie an-schloss, ist auf Seite 175 dieses Bandes (Fall XIV) mitgetheilt.Auch in der Litteratur sind bereits einige Kriegs-Psychosennach Typhus veröffentlicht. 1 ) Das gänzliche Fehlen oder dochäusserst seltene Vorkommen von Paralyse nach Typhus(nach Kraepelin soll eine Beobachtung dieser Art vonDelmas bekannt sein) wird von allen Autoren hervor-gehoben. Dadurch gewinnen vielleicht die nachstehendenKrankengeschichten XXXII und XXXVII an Interesse,obwohl bei ersterer die Bestätigung der Prognose, beiletzterer der Nachweis der Kontinuität zwischen dergeistigen und der körperlichen Erkrankung fehlt.

Im Gegensatz hierzu haben unter den sechs in dertabellarischen Uebersicht mitgetheilten Psychosen nachRuhr (XLI bis XLVI) nicht weniger als drei (XLI, XLIIund XL1V), von denen mindestens die beiden ersteren inentschiedenem ursächlichen Zusammenhange mit der Ruhrzu stehen scheinen, den Charakter der Paralyse an sichgetragen, allerdings sämmtlich bei Personen, welche schonihrem Lebensalter nach erfahrungsgemäss der Gefahr para-lytischen Irreseins in höherem Maasse unterworfen sind.

Ein geheilter Fall von Geistesstörung nach Ruhr istauf Seite 234 dieses Bandes beschrieben. Auch die beiArndt (a. a. 0.) unter No. 1, 2 und 9 aufgeführten Krankenhatten an Ruhr gelitten.

Einer besonderen, nach Pocken ebenso wie nachTyphus beobachteten Form der Geistesstörung wurde schonoben gedacht. Mit Bezug auf die nachstehend unterNo. XLV11 aufgeführte Krankengeschichte (Paralyse nachPocken) sei erwähnt, dass auch die von Westphal (a. a. 0.)bezeichneten Fälle als leichte Varioliden verliefen.Nach Kraepelin soll auch bei den Psychosen währendund nach Pocken die Prädisposition wenig in Betrachtkommen, der überaus rasche Verlauf der verschieden-artigsten, in allen Stadien der Erkrankung auftretendenFormen nur selten die Aufnahme in eine Anstalt noth-wendig machen.

Was über die Häutigkeit und den Verlauf bei Pocken-Psychosen während des Feldzuges und bei Kriegs-invaliden zu ermitteln war, ist aus Seite 47 und Bei-lage 5 des VI. Bandes dieses Berichtes ersichtlich. Auchauf Seite 244 dieses (VII.) Bandes ist bei Fall II einerVerminderung des Intellektes gedacht.

') Siehe insbesondere Jolly (a. a. 0.), Fall 6 und 9; beiStoevesandt (a. a. 0.), Fall 14.

Betreffs der Geistesstörungen, welche die Cerebro-spinal-Meningitis begleiteten oder ihr folgten, sieheSeite 284, betreffs der tabischen Psychosen Seite 406dieses Bandes.

Ausser Typhus, Ruhr und Pocken finden sich in derKasuistik dieser Abtheilung noch Tuberkulose (XLVIIIbis L), Rheumatismus (L bis LH), fieberhafterMagenkatarrh (LI11), Herzleiden (L1V), Ohren-leiden (LV), Sonnenstich (LV1) als diejenigen Krank-heiten verzeichnet, welche das Seelenleiden bedingt oderzum Ausbruch gebracht haben. Wenn auch alle diese undandere Krankheiten in der Aetiologie psychischer Affektionenwohlbekannt sind, kann doch nicht bei sämmtlichen ebenbezeichneten Krankengeschichten der ursächliche Zusammen-hang als zweifellos hervortretend angenommen werden. Beidem unter No. LIII aufgeführten Kranken scheint das Seelen-leiden selbst nicht bloss eine Disposition zu solchemsogar schon vor der körperlichen Erkrankung bestandenzu haben.

Sonnenstich bezw. Hitzschlag wird auch vonBartens 1 ) anscheinend als Ursache der Geistesstörungbei einem erblich belasteten, nach dem Deutsch-FranzösischenKriege psychisch erkrankten Deutschen Soldaten angesehen.Da bei diesem zwischen dem Hitzschlag und dem Ausbruchder Geisteskrankheit mehr als ein halbes Jahr verstrich,welches durch das Kriegsleben ausgefüllt war (auch eineleichte Verwundung ist erwähnt), so dürfte in diesem Falletrotz der unzweifelhaften Bedeutung, welche der Hitzschlagfür die Entstehung von Psychosen besitzt, der Zusammen-hang ein äusserst unsicherer genannt werden müssen. 2 )

Noch bei verschiedenen anderen Krankengeschichtenin der Kasuistik dieses Kapitels sind körperliche Affektionenangegeben. Mit Ausnahme der unter No. LXXXII undLXXXVII aufgeführten Kranken, bei denen spezifischeHirn-Affektion die Entstehung der Psychose in der Thatbedingt oder doch wesentlich begünstigt haben mag, erschienjedoch in allen diesen Fällen die körperliche Erkrankungals ein so untergeordnetes Moment, dass ihre Einreihungin andere Gruppen bevorzugt ward. Die in Betracht kom-menden Krankheiten und Krankengeschichten sind: Magen-und Darmkatarrh (XCII), rheumatische Beschwerden(LXX und XCVIII), Magenkatarrh und Arthritis(LXVII), Tuberkulose (LXXXIX), Pocken (XCVIII).

Bei Fall LVIH könnte an ein durch die Explosionhervorgerufenes Ohrenleiden wohl gedacht werden.

In einem besonderen Verhältniss zu den Geistes-störungen stehen offenbar die anderweitigen anatomischen

1 ) Bartens, Einfluss strahlender Wärme auf die Entstehungvon Geisteskrankheiten. (Allgem. Zeitschr. für Psych, etc. Bd. 34,S. 296 ff., Fall 2.)

2 ) Li der auf Seite 322 dieses Bandes unter No. XIV mit-getheilten Krankengeschichte ist unter den prädisponirenden Momenten,welche einer tabischen Psychose vorausgingen, ebenfalls Sonnensticherwähnt.