Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
429
Einzelbild herunterladen
 

Band VII.

I. Geistesstörung nach Verletzungen.

429

Art und Verlauf der Geistesstörung.

(i.

Im September 1871 erneute Lazarethaufnahme, weil sich inzwischen Zeichen von Irrsinngezeigt hatten. Dabei Klagen über Schmerzen hinter dem rechtenOhr, häufig Blutansammlungim linken Nasenloch, Herabsetzung des Sehvermögens auf dem linken Auge. Das Schluckenfester Speisen war erschwert; bei geringen Anstrengungen Schwindelgefühl. Im Oktober 1871nach Deutschland evakuirt. Weiterhin traten deutliche Zeichen psychischer Schwäche zu Tage; derGesichtsausdruck wurde starr und theilnahmlos, die Erinnerung an den Unglücksfall völlig erloschen, dasGedächtniss überhaupt wesentlich geschwächt, die Denkfähigkeit ausserordentlich vermindert. Die Ant-worten waren anfangs noch logisch, erfolgten aber langsam und schleppend; die Pupillen reagirtenfast gar nicht und waren starr erweitert.

Bald nachher bildete sich übertriebenes Selbstgefühl aus. Pat. steckte sich hohe Ziele undglaubte sich durch Mangel an Anerkennung gekränkt. Anfang August 1874 erkrankte Pat. unter den Sym-ptomen des Typhus. Dann stellte sich allgemeine Geistes Verwirrung ein, welche am 13. August 1874 dieUeberführung in eine Anstalt nothwendig machte. Hier anfangs tobsüchtige Aufregung, Grössen-ideen. Bald aber trat zunächst äusserliche Ruhe ein, während die Grössenideen und das gesteigerteSelbstbewusstsein seine Gedanken noch beherrschten. Nach '/^jährigem Aufenthalt in der Anstalt schwandenauch diese, Symptome rapide.

Ausgang.Bemerkungen.

Verblödung.

Im November 1874

in völlig normalem

Geisteszustände

entlassen.

Verletzungen.

ohne dass ein ursächliches Verkältniss zwischen beiden be-steht, wird eine dritte Kategorie angenommen werden müssen.Bei dieser schafft muthmaasslich eine Verletzung (nament-lich eine derartige, welche ein langes Krankenlager, späteresSiechthum, Xahrungssorgen etc. bedingt), lediglich durchkörperliche Schwächung und deprimirende Affekte gleichjeder andern Krankheit, welche analoge Folgezuständeherbeiführt, entweder eine Disposition zu Seelenstörungenoder steigert bei bereits vorhandener Disposition eine solcheoder veranlasst selbst den Ausbruch des unzweifelhaftenwirklichen Irreseins.

Unter den nachstehend aufgeführten 17 Kranken, beiwelchen geistige Störung auf eine nicht den Kopf be-treffende Verletzung folgte, handelte es sich 13mal (XIVbis XXVI) um Verwundung durch Kriegswaffen, jelnial um Verletzung durch Hufschlag (XXVII), durcheine Schiene (XXVIII), um einen Leistenbruch (XXIX),

um Entzündung des Hodens und Samenstranges nach Ver-heben (XXX).

Der betroffenen Körpergegend nach sind sowohl Wundendes Rumpfes als solche der oberen und unteren Extremitätenvertreten. Verletzung oder sekundär-traumatische Erkran-kung des Rückenmarks scheint in den KrankengeschichtenXIV und XV zur späteren Gehirnaffektion überzuleiten.

Der überwiegenden Mehrzahl nach waren die in Redestehenden Verletzungen schwerer Art. Lange Eiterungen,heftige Schmerzen oder traurige Folgezustände sind in9 Fällen (XIV, XV, XVI, XVIII, XX, XXI, XXIII, XXVund XXVI) ausdrücklich hervorgehoben.

6 mal (XVIII, XIX, XXI, XXV, XXVII und XXX)kam die geistige Störung noch während des unmittelbarauf die Verletzung folgenden Krankenlagers oder gleichdanach zum Ausbruch; 2mal (XX und XXIX) währendspaterer durch die Verletzung bedingter Krankheiten;