Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
423
Einzelbild herunterladen
 

Band VII.

I. Geistesstörung nach Verletzungen.

423

Art und Verlauf der Geistesstörung.

6.

Zeitweise starke Paroxysmen. Patient wurde aufgeregt, heftig, zornig, glaubte sichverfolgt, schlief schlecht, hatte Gesichts-, Gehörs- und Geruchs-IIallucinationen.

Bei einer Untersuchung im April 1871 fand sich eine 2 1 /-' Zoll lange, in der Mitte tiefeingezogene Narbe am linken Scheitelbein, rechtsseitige Parese, Beeinträchtigung desGehörs- und Gesichtssinnes links; Gedächtniss und Denkvermögen verringert; Kopfniemals schmerzfrei.

20. Juli 1872: Periodischer Schwindel; Gedächtniss träge; Narbe bei Berührungschmerzhaft; Störung des Seh- und Hörvermögens links.

9. Juli 1875: Zustand etwas gebessert: namentlich treten Schwindelanfälle nicht mehr auf.

Patient wurde am 1. Mai 1877 als Hausdiener bei einer Königlichen Behörde angestellt, nach-dem er während einer Probedienstleistung durch Eifer und gute Führung sich die Zufriedenheit seinerVorgesetzten erworben hatte.

Am 2. Juni 1877 Selbstmordversuch durch Aufschneiden der Pulsadern. Enormer Blut-verlust. Aufnahme in eine Anstalt. Die geistige Störung, in welcher der Selbstmordversuch stattfandund welche von nun ab unzweideutig hervortrat, wurde als Folge der Kopfverletzung angesehen.

Will nach erfolgter Entlassung aus dem Lazareth an stetem Kopfschmerz, Schlaf-losigkeit und Schwindel gelitten haben. Im Jahre 1872 zeigte Pat. laut polizeilichen Attests Neigungzum Trunk und musste zwei Mal wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt bezw. wegen Körper-verletzung bestraft werden. Im Januar 1877 richtete er eine von Verfolgungsvorstellungen undVerwirrtheit zeugende Eingabe an das Bezirkskommando Berlin. Bei einer daraufhin im März des-selben Jahres vorgenommenen Untersuchung liess sich ein Zustand von Aufregung und Gedanken-flucht konstatiren, verbunden mit Grössenideen. Objektive Merkmale der Verwundungfanden sich am Schädel nicht. Pat. wurde invalidisirt, weil man annahm, dass die Eindrücke desFeldzuges, speziell auch die bei der Verwundung erlittene Hirnerschütterung, eine vielleicht schon vor-handen gewesene psychische Anomalie, welche jedoch seine militärische Ausbildung noch ermöglichthatte, bis zu ausgesprochener Psychose gesteigert haben.

Später gerieth Pat. in gerichtliche Untersuchung, wurde jedoch aus der Untersuchungshaft ineine Irren-Anstalt übergeführt. Der ärztliche Direktor derselben stellte im September 1878 folgendesAttest aus:

Der p. p. leidet an Geistesstörung, welche sich durch einen Zustand von Verwirrtheit undAufregung äussert. Er ergeht sich in mancherlei Wahnideen, welche daraufhinauslaufen, dass manihn verfolge, in seinen Rechten gekränkt und seine Verdienste nicht genügend gewürdigthabe, behauptet, dass er seiner Bravour vor dem Feinde halber habe Offizier werden müssen, dass ihmdas Eiserne Kreuz 1. Klasse gebühre und glaubt auch in der Anstalt Gegenstand vielfacher Verfolgungenzu sein. Häufig klagt er über Kopfschmerzen, die er seit einer im Feldzuge 1870/71 erlittenenKopfverletzung, deren Spuren nicht mehr nachweisbar sind, zurückbehalten habe, ist dann besondersaufgeregt und bedarf deshalb der Anstaltspflege."

Ausgang.Bemerkungen.

Aufnahme in eineAnstalt.

Das Leiden wurdeals zweifellos durch dieSchussverletzung ent-standen erachtet.

Nach einem Anstalts-Attest aus dem Juni 1879musste Pat. häufig wegenhochgradiger Er-regung isolirt werden.Der Inhalt seiner Wahn-vorstellungen war imWesentlichen der neben-stehend geschilderte.

Pat. wird in dem er-wähnten Attest als un-heilbar erachtet.