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X. Kapitel: Kriegs-Psychosen.
Band VII.
Die Häufigkeit progressiver Paralyse nach Kopf-verletzung ist von psychiatrischer wie chirurgischer Seite(Schule, v. Bergmann u. A.) gleichmässig betont worden.
Unter den nachstehend mitgetheilten 13 Fällen vonGeistesstörung nach Verletzung oder Erschütterung desKopfes beziehen sich vier (1 bis IV) auf Schussver-letzung am Kopfe, einer (V) auf Verwundung durchSäbelliiebe, acht auf Gehirnerschütterung (ohne er-hebliche äussere Verletzung), und zwar einer (VI) durchPrellschuss an den Helm, einer (VII) durch Kolben-schlag auf den Helm, fünf (VIII bis XII) durch Unfallmit Pferden, endlich einer (XIII) durch nicht näherbezeichnete Ursache.
Was die Formen der Erkrankung betrifft, so findensich die von den oben genannten Autoren geschildertenKrankheitsbilder sämmtlich vor. Fall I ist ein in der Litte-ratur mehrfach citirtes Beispiel jener reflektirten Psychosen,wie sie Koeppe beschreibt; desgleichen dürfte Fall 111 indiese Kategorie zu rechnen sein. Auch die unter dem Namen„Cephalosie" zusammengefasste Symptomengruppe spiegeltsich mehrfach wieder (siehe insbesondere Fall IV und VII).Ebenso fällt es nicht schwer, die nachstehenden Kranken-geschichten mit Ausnahme von No. II, bei welcher diespäteren Angaben über den offenbar individuell schonvorher belasteten Mann Lücken aufweisen, auf die vonv. Krafft-Ebing aufgestellten Gruppen zu vertheilen.Zur ersten Gruppe (primäre psychische Schwäche) wären
Fall VII und XI, vielleicht auch XII, zu zählen; zurzweiten, bei welcher nach Einwirkung des Traumas einStadium prodromorum vor Ausbruch der eigentlichen Psy-chose gefordert wird, gehört die Mehrzahl der nach-stehenden Beobachtungen (I, IV, VI, VIII, IX, X); Fall V,eventuell auch Fall X1I1 endlich dürfte der dritten Gruppezuzurechnen sein, bei welcher durch das Trauma die Wider-standsfähigkeit der Psyche' so weit geschwächt wird, dassspätere Einflüsse geeigneten Boden zur Erweckung geistigerStörungen vorfinden.
Die Mehrzahl (neun) der in dieser Gruppe aufgeführtenKranken (I, II, III. IV, VI, VIII, IX, X, XIII) zeigtelängere oder kürzere, zum Theil sehr heftige Aufregungs-zustände; bei vier der oben erwähnten Fälle (1, 11,
VIII, X), ebenso bei dem unter VII beschriebenenKranken, sind Hallucinationen, bei fünf (II, IV, VIU,
IX, X) Verfolgungsideen ausdrücklich konstatirt. Nichterwähnt sind Exaltationszustände ausser bei den vonprimärer psychischer Schwäche Befallenen (siehe oben)nur bei dem unter No. V aufgeführten Kranken.
Auf die Krankengeschichte X sei die Aufmerksamkeitdeshalb gelenkt, weil sie durchaus dein von Kahlbaum 1 )aufgestellten, freilich von anderer Seite noch bestrittenenKrankheitsbilde der Katatonie 2 ) entspricht. Sämmtlichu
!) Siehe Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie, Band 32, S. 117.2 ) Yergl. betreffs des katatonischen Irreseins auch Brosius,Die Katatonie (Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie, Band 33, S. 770).
Kasu
Lau-fende
No.
Charge.
Alter zur Zeit
des Krieges.
Civilberuf.
Anamnestische Daten.
Hereditäre
und individuelle
prädisponirende
Momente.
3.
Reservist.19 Jahre.Böttcher.
Keine Heredität.Selbst früher gesund.
Ort, Zeit und Art der Verletzung.Bemerkungen zur Verletzung.
4.
Erlitt in der Schlacht an der Hallue am 23.Dezember 1870eine Schussverletzung am Kopf, deren Narben nachJahren noch sichtbar waren. — Die eine Narbe war linien-förmig im äusseren Drittel der linken Augenbraue, die an-dere sternförmig etwa 4/a cm oberhalb und 2 cm vor demäusseren Gehörgange zu finden. Aus dem Schusskanalwurden ziemlich fest im Knochen sitzende Bleistücke ex-trahirt. Während des Aufenthalts im Lazareth stetsSchmerzen geringen Grades, welche aber mit fortschreiten-der Heilung abnahmen. Im Februar 1871 traf Patientwieder bei der Kompagnie ein, konnte jedoch keinenHelm tragen, hatte Schmerzen in den Narben beiBewegung des Kiefers. Im September 1871 anscheinendgesund vom Militär entlassen.
Zeit,
zu welcher die
Geistesstörung
unzweifelhaft
hervortrat.
5.
Oktober 1872.