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X. Kapitel: Kriegs-Psychosen.
Band VII.
I. Geistesstörung nach Verletzungen.
A. Nach Verletzung oder Erschütterung des Kopfes.
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Traumatische Einwirkungen, welche den Kopf treffen,sind nach gegenwärtiger Anschauung in zweifacher Weisezur Entstellung von Psychosen beizutragen im Stande: ent-weder kann der verletzende Einfluss durch die Schädel-decken hindurch, mit oder ohne Kontinuitätstrennung der-selben, eine unmittelbare Wirkung auf die Hirnhäute oderdas Gehirn selbst ausüben und durch direkte Alterationdes Centralorgans zur Entwickelung einer psychischenStörung führen, oder es kann eine am Kopfe stattgehabteNervenverletzung durch peripherischen Reiz in der Folgedas Entstehen einer reflektirten Psychose herbeiführen.Bei letzterer handelt es sich, abgesehen von den Fällen,in welchen bei prädisponirten Individuen durch Affektionder höheren Sinnesnerven das Auftreten von Hallucinationenbedingt wird, um Reizerscheinungen, welche durch dasHineinwachsen eines Nerven in eine Narbe, durch Zerrungund Druck des Nerven, zuweilen durch Neurome herbei-geführt werden; auch eingeheilte Fremdkörper (Schrot-körner etc.) sind als ursächliche Momente solcher periphererReize beobachtet worden.
Eine speziell die reflektirten Psychosen nach Kopf-verletzung betreffende Abhandlung hat Koeppe 1 ) ver-öffentlicht. Derselbe bringt die Beschreibung einer Reihevon Beobachtungen, in welchen die Richtigkeit derauf Reflexpsychose gestellten Diagnose durch erfolg-reiches operatives Eingreifen bewiesen wurde. DieserAutor nimmt an, dass gewiss viele Fälle, in denen nachKopfverletzungen Geisteskrankheiten aufgetreten sind undals deren ätiologisches Moment man eine Gehirnerschüt-terung ansah, bei genauer Berücksichtigung der Anamneseund Untersuchung des Kopfes auf Narben sich als reflek-tirte Psychosen erweisen würden. Hierbei dürfte wohlauch zu berücksichtigen sein, dass bei peripherischerNervenreizung am Kopfe und Hirnerschütterung, welchebeiden Momente bei Kopfverletzung sehr häufig vereintsind, die Erschütterung des Gehirns zur reflektorischenPsychose besonders disponiren mag, somit ein Zusammen-wirken beider Momente wohl stattfinden kann. Bei denvon Koeppe citirten Kranken bestanden stets Familien-oder individuelle oder beiderlei Anlagen zu Geistes-störungen. Es traten von dem betheiligten Nerven ausdie Erscheinungen der traumatischen Neuralgie ein, die
') Koeppe, Kopfverletzungen als Ursache reflektirter Psychosen.Deutsches Archiv für klinische Medizin. Band 13, S. 383 u. ff.
sensiblen Störungen wurden schwerer und heftiger, re-flektorisch kamen motorische Paresen und Paralysen, auchepileptische Anfälle zu Stande. Koeppe ist der An-sicht, dass zum Ausbruch reflektirter Psychose erblicheoder individuelle psychopathische Prädisposition Bedingungsei und betont, dass man andererseits nicht jede schmerz-hafte Narbe bei einem Geisteskranken als Ursache desIrreseins auffassen dürfe, ebensowenig wie bei Epilepsie.Dass aber die Entstehung der Geistesstörung nicht aufeinfacher Fortleitung eines entzündlichen Prozessesberuhe, beweise der sofortige Erfolg nach Durchschneidungoft schon eines Nervenastes.
Kahlbaum hat eine Gruppe von Erscheinungen, wiesie nach Kopfverletzungen sowie nach Geschwülsten, Ent-zündungen etc. vorkommt, als besondere Krankheitsformunter dem Namen „Cephalosie" geschildert. Der Verlaufdieser Krankheitsform wird als ein häufig sehr lang-samer beschrieben, so dass Jahre zwischen der Kopf-verletzung und dem Ausbruch der wirklichen Geistes-störung liegen können. Meist entwickele sich zunächstReizbarkeit, auffahrendes Wesen, Zornesmuth. Dazu findensich Kopfschmerzen, Neigung zu Kongestivzuständen, Wider-standslosigkeit gegen jeden psychischen Reiz, auffallendeExaltation nach dem Genüsse selbst kleiner Mengen alko-holischer Getränke ein. Mit der Zeit treten ohne äussereVeranlassung Wuthausbrüche und die heftigsten Tobsuchts-anfälle mit Zerstörungssucht auf. Endlich entwickeln sichin den meisten Fällen epileptoide Anfälle. 1 )
v. Krafft-Ebing 2 ) macht bezüglich dieser Krankheits-form die Bemerkung, dass zu derselben junge Männer undauffallenderweise gerade junge Soldaten eine besondersstarke Disposition haben.
An der Hand einer kasuistischen Zusammenstellungtrennt v. Krafft-Ebing 3 ) die psychischen Erkrankungen
! ) Die so geschilderte Symptomengruppe der Cephalosie fandHeck er (ein Fall von Irrsinn nach Kopfverletzung, Deutsche medi-zinische Wochenschrift 1876, No. 23) bei einem in Untersuchungshaftbefindlichen Soldaten, welcher im 11. Lebensjahre durch Auffalleneines Bleistückes eine Verletzung des rechten Stirnbeines erlittenhat. Patient bot seit jener Zeit die allmälig wachsenden Erschei-nungen der Cephalosie dar, die sich schliesslich in einer mit epilep-toiden Anfällen beginnenden Mania transitoria kundgab.
a ) v. Krafft-Ebing, Die transitorischen Störungen des Selbst-bewusstseins etc. Erlangen 1868.
8 ) v. Krafft-Ebing, Ueber die durch Gehirnerschütterung undKopfverletzung hervorgerufenen psychischen Krankheiten. Erlangen 1868.