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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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X. Kapitel: Kriegs-Psychosen.

Band VI 1.

Der Ausgang ist aus dem vorliegenden Material nurbei 168 der obigen 316 Kranken ersichtlich. Von diesen168 sind:

gestorben............ 10

an Irren-Anstalten überwiesen..... 17

dienstuntauglich bezw. invalide entlassen . 12

in die Ileimath beurlaubt......10

geheilt............. 119

Summa 168.

Die übrigen 148 sind nachweislich aus Feldlazarethenevakuirt, ohne dass es gelang, aus dem inzwischen zuvielen besonderen Zwecken nach anderen Gesichtspunktengeordneten und verstreuten Zählkarten-Material ihr weiteresSchicksal zu ermitteln. Die 10 in die Heimath Beurlaubtendürfen wohl den Geheilten zugerechnet werden.

Einen Anhalt für das, was an den auf dem Kriegs-schauplatze ausgebrochenen eigentlichen Psychosen') dasCharakteristische gewesen sein mag, geben zwei kurze Mit-theilungen in der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie.In einer derselben berichtet Dr. J. in einemFeldbrief ausFrankreich" 2 ) wie folgt:

Interessante psychische Fälle habe ich nicht gesehen.Geisteskranke kamen zur Genüge vor, es war nichtsAnderes denn expansive Manien mit ausgesprochenem,Sie verzeihen den Ausdruck, monomanem Grössenwahn,oder, was häufiger, den greifbarsten Zeichen derlauernden, der hereinbrechenden Paresis, volleDementia paralytica; Verfolgungswahn basirt aufoder verbunden mit Gehörstäuschungen. Eine Melan-cholie habe ich nicht gesehen, 3 ) dagegen eine Maniaambitiosa larvirter Typhus. Leider sind alle meineBeobachtungen nur flüchtige Augenblicksbilder."

In der elften ordentlichen Versammlung des psychia-trischen Vereins zu Berlin am 15. Juni 1871 äusserte sichLaehr 4 ) über die bezüglichen Verhältnisse in nachstehenderWeise:

Schon Koster hat in einem sehr beachtenswerthenAufsatze darauf 5 ) aufmerksam gemacht, welche Opfer derKrieg den Irren-Anstalten direkt zugeführt habe. Mehr oderweniger werden wir aber Alle, namentlich aber die, die an

J ) Betreffs der unter dem NamenFatigatio" zusammengefasstencharakteristischen vorübergehenden Depressionszustände siehe S. 168dieses Bandes.

2 ) Allgem. Zeitschr. f. Psych. Band 27, S. 7G2.

3 ) Vergl. oben, wonach in Feldlazarethen Melancholie als dieunverhältnissmässig häufigste Diagnose notirt ist. Mag auch häufiglediglich ein melancholisches Stadium irgend einer Erkrankungsformals Melancholie bezeichnet worden sein, so dürfte doch das gänzlicheFehlen der letzteren in dem Beobachtungskreise des Verfassers desFeldbriefes schwerlich eine Verallgemeinerung zulassen.

4 ) Allgem. Zeitschr. f. Psych. Band 28, S. 338.

r ') Gemeint ist der Koster'sche AufsatzMilitaria'' im Irren-freund 1871.

Lazarethen fungirten, wahrgenommen haben, welche grosseZahl psychischer Störungen sich unter den jenen zuge-führten körperlich Kranken und Verwundeten offenbarte.Wir bereicherten in ihnen unsere Kenntnisse mit derBeobachtung der Anfangsstadien der Psychosen, die ebennur mehr mit diesen Krankheitsformen vertrauten Aerztenin die Augen fielen, weil die Kranken noch keine Ver-worrenheit offenbarten und in dem Lazarethregimedie Bedingungen ihrer Wiedergenesung fanden.Aber bei Manchen brachen plötzlich heftige Er-scheinungen hervor, welche die Uebersiedelung in eineIrren-Anstalt nothwendig machten; die geistige undpsychische Erschöpfung in Folge der Strapazenliess die Dem. paral. zahlreicher auftreten, undmancher unmotivirte Selbstmord') liess nur muthmaassen,dass eine schon früher bestandene Störung in einem akutenAnfalle ein rasches Ende herbeiführte."

Danach scheint mindestens ein erheblicher Theil auchder während des Krieges zum Ausbruch gekommenenPsychosen bereits diejenigen Merkmale an sich getragen zuhaben, welche Nasse schon nach dem Feldzuge von 1866 8 )als charakteristisch für die Kriegs-Psychose hinstellte undbei den seiner Beobachtung zugänglichen, nach demDeutsch-Französischen Kriege erkrankten Heeresangehörigenwiederfand. 3 )

Diese Merkmale sind nach Nasseder gemeinsameZug auffallender psychischer Schwäche, welche un-beschadet der verschiedenen Erscheinungsformen des Irre-seins sich in der Energielosigkeit, Unbesinnlichkeit,Theilnahmlosigkeit, Oberflächlichkeit der Affekte, Vergess-lichkeit, Gedächtnissschwäche, dem häufigen Wechsel derWahnvorstellungen und oft gänzlichem Mangel lixirterWahnideen, partiellen Lähmungen und dem raschenund sicheren Uebergang in psychische Erschöpfungkennzeichnete. Es liegt sehr nahe fügt Nasse weiterhinzu, die Ursachen für dieses tiefe Ergriffensein desCentral-Nervensystems in der Intensität und in der be-sonders raschen Folge der aufregenden und schwächendenEinflüsse des Krieges, wie sie in gleicher Fülle kaum unterallen anderen Lebensverhältnissen vereint gedacht werdenkönnen, zu suchen."

Dass bei der Mehrzahl der kürzere oder längere Zeitnach dem Kriege Erkrankten sich von vornhereinSchwächezustände bemerklich machten und Paralysewenngleich nicht immer das klassische Bild derselben

!) Au dieser Stelle sei erwähnt, dass bei der gesammten mobilenDeutschen Armee während des Kriegsjahres nur 30 Todesfälle durchSelbstmord bekannt geworden sind. Diese geringe Ziffer steht durch-aus im Einklänge mit anderweitigen Beobachtungen, nach welchen eineentschiedene Verminderung der Selbstmorde in Kriegs-und überhaupt politisch erregten Zeiten nicht wohl bezweifeltwerden kann. (Vergl. u. A. Morselli, Der Selbstmord.)

) Allgem. Zeitschr. für Psych. Bd. 27, a. a. 0.

3) Allgem. Zeitschr. für Psych. Bd. 30, a. a. 0.