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Band VII.
Vorbemerkung: Häufigkeit und Charakter der Kriegs -Psychosen. — Veröffentlichungen über Geisteskranke.
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Das Unzutreffende der früher meist als selbstverständlichgehegten Annahme, dass während und nach grossen Kriegensich die Irrenhäuser mit solchen Kranken füllen, derenHallucinationen und Wahnideen vorwiegend Kanonendonner,Leichen, Schlachtenscenen etc. zum Gegenstande haben, istneuerdings allseitig erkannt und würde — wenn es nichtlängst geschehen wäre — durch die hier vorliegendenKrankengeschichten widerlegt werden. Wohl aber mag esnicht überflüssig sein, noch besonders darauf hinzuweisen,dass auch in denjenigen Fällen, in welchen die Zeitereignisseallerdings den zufälligen Hintergrund für die Delirien ab-geben (wie z. B. in den Krankengeschichten No. LXXIVund XCVI in der Kasuistik dieses Kapitels), dadurchallein noch keineswegs die Entstehung der Geisteskrank-heit durch die Ereignisse bewiesen wird. Wie Wit-kowski (a. a. 0.) vermuthet, dass bei Beurtheilungder 1700—1800 Erkrankungen, welche nach Lunier'sErhebungen in Frankreich durch den Krieg hervorgerufensein sollen, vielfach dieses trügliche Merkmal als maass-gebend angesehen worden sei, so scheint dies auch beieinigen Deutschen Autoren in allzu einseitiger Wahrnehmungder Interessen der Kranken der Fall gewesen zu sein. Dassder Einfluss des Krieges als ätiologischen Momentes selbstbei I leeresangehörigen auch nicht überschätzt werden dürfe,ist in Verhandlungen psychiatrischer Gesellschaften von be-rufenster Seite mehr als einmal betont worden.')
Die Frage, ob Kriegs-Psychosen eine besondere Formgeistiger Erkrankung ausmachen, ist damit jedochkeineswegs erschöpft. Uebereinstimmend zwar äussern sichdes Weiteren alle Psychiater dahin, dass unter den währenddes Krieges und nach demselben im Heere und ausserhalbdesselben psychisch Gestörten alle zu anderen Zeitenbeobachteten Erkrankungsformen und nur solche,welche auch in Friedenszeiten die Irren-Anstalten füllen,dargeboten haben. Die bereits früher wesentlich aufGrund des Inhaltes der Delirien von FranzösischenIrrenärzten aufgestellte, besondere Form einer „Folie patrio-tique", deren Wiederbelebung unter dem Namen „Surexci-tation patriotique" nach dem Deutsch-Französischen Kriege(siehe bei Lunier) versucht wurde, hat allseitige Zurück-weisung erfahren. Als neuen Belag dafür, wie wenig über-haupt die Ursache des Irreseins die Art desselben beein-flusst, führt Lunier den Umstand an, dass unter den in Folgedes Krieges Erkrankten die Formen mit Aufregung häufi-ger konstatirt wurden als diejenigen mit Depression, obwohldie Ursachen hauptsächlich deprimirender und schwächenderNatur gewesen seien.
Die meisten Autoren aber empfingen auch den entschie-denen Eindruck, dass trotz aller Uebereinstimmung der Sym-ptome bei Kriegs- und Friedenserkrankungen im Verlauf
') Vergl. z. B. die Verhandlungen der zwölften Versammlung derSüdwestdeutscheu Irrenärzte. (Allgem. Zeitschr. f. Psych. Band 36,S. 481)
und Ausgang der ersteren ein besonderer Charakter nichtzu verkennen sei.
Es scheint, dass dabei unterschieden werden musszwischen denjenigen Erkrankungen, welche während derDauer eines Krieges, und denjenigen, welche nach einemsolchen zum Ausbruche gelangen. Schon oben ist angeführt,dass Lunier die Abnahme des Bestandes im Kriegsjahrezum Theil dem akuten Charakter der in der Kriegs-periode beobachteten, das spätere Anwachsen desBestandes dem chronischen Verlauf bezw. der Un-heilbarkeit der späteren Psychosen zuschreibt. Aehn-lich scheinen die Eindrücke Deutscher Irrenärzte gewesenzu sein. So spricht insbesondere Nasse 1 ) von den „auf demKriegsschauplätze enstandenen akuten Fällen, die zum Theilmit plötzlicher Erschöpfung des Nervensystemseinen rapiden und meist ungünstigen Verlauf nahmen",während Arndt 2 ) im Anschluss daran hervorhob, dass „dieübelste Prognose diejenigen Fälle abgeben, in welchendie Krankheitserscheinungen erst spät und nach ver-hältnissinässig geringen Ursachen eintreten, weil siedas Produkt einer schon lange existirenden und sehr tiefgreifenden Ernährungsstörung sind, welche bereits starkzu Lähmung hinneigt". Ebenso führt Loechner 3 ) 10 Jahrespäter auf Grund seiner in Klingenmünster gemachtenBeobachtungen aus, dass „Form und Prognose sichganz auffällig mit der Länge der seit dem Kriegeverflossenen Zeit verschlechterten".
Ueber die während des Krieges bei der Armeepsychisch Erkrankten liegen sowohl in den Akten als inder Litteratur nur sehr spärliche Nachrichten vor. Inersteren beschränken sich die Notizen meist auf Erwähnungdes Vorkommens überhaupt oder auf eine kurze Hervorhebungdes Inhaltes besonders auffälliger Wahnvorstellungen. 4 )Bei den vorhin erwähnten 316 Geisteskranken, welche nach-weislich den Lazarethen zugingen, findet sich 244 mallediglich die Bezeichnung „Geistesstörung" oder ein ana-loger, ganz allgemein gehaltener Ausdruck, welcher keinerleiAufschluss über die Form der Erkrankung giebt. Unterden übrigen 72 lautet die Diagnose
44 mal Melancholie (darunter lmal Heimweh),17 mal Tobsucht,11 mal Wahnsinn,
Summa 72.
*) Nasse, Ueber Irresein bei Militärpersonen nach dem Feld-zuge von 1870/71; a. a. 0. S. 63.*) a. a. 0. S. 83.
3 ) Loechner, Ueber Psychose beim Militär nach Feldzügen.Allgem. Zeitschr. f. Psych. Band 37, S. 1.
4 ) Einige Krankengeschichten aus Feldlazarethen siehe in derKasuistik; bei anderen Fällen sind die Notizen aus Feldlazarethenmit benutzt.