Band VII.
Vorbemerkung: Häufigkeit und Charakter der Kriegs-Psychosen. — Veröffentlichungen über Geisteskranke.
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Rechnet man hinzu, dass — wie Witkowski mitRecht hervorhebt — wohl zweifellos eine verhältnissmässiggrosse Anzahl von Geisteskranken auf den Schlachtfeldernund Barrikaden, Einzelne auch in der Gefangenschaft ihrEnde gefunden haben, so wird man die Frage, ob Kriegedie Zahl der Irren in der Bevölkerung überhauptvermehren, trotz der L unier'sehen Ermittelungen über dieVerminderung der Anstaltsaufnahmen nach wie vor füreine offene ansehen dürfen. Die oben erwähnte ausser-ordentliche Zunahme auch der Anstaltskranken im Jahre1872 deutet jedenfalls darauf hin, dass höchstens derAusbruch des Irreseins durch die veränderte Richtung,welche der Seelenzustand prädisponirter Individuen währendder Dauer politisch-kriegerischer Erregung erhalten mag,hintangehalten wird, dass aber dem Nachlass des Affektesum so sicherer die Explosion der bis dahin latent geblie-benen psychischen Erkrankung folgt.')
Im Gegensatz zu der Neigung, die Vermehrung derGeisteskrankheiten in der Bevölkerung während kriege-rischer Zeitläufte zu bezweifeln, findet sich in Verhand-lungen psychiatrischer Gesellschaften und anderen Ver-öffentlichungen meist die TJeberzeugung ausgesprochen, dass,wie schon das Soldatenleben überhaupt, so noch mehr dasKriegsleben der Heeresangehörigen allerdings dazu an-gethan sei, zu psychischen Störungen Veranlassung zugeben und dass solche sowohl während der kriegeri-schen Ereignisse als namentlich nach Ablauf der-selben verhältnissmässig häufig zur Entwicklung undAusbildung kommen. Dieser Auffassung hat insbesondereArndt 2 ) auf der Naturforscher-Versammlung zu Leipzigim Jahre 1872 im Anschluss an einen Vortrag Nasse's 3 )beredten Ausdruck und eingehende Begründung verliehen.
Ziffernmässig sind freilich auch Arndt's, auf eigenerErfahrung und gründlichster Erwägung aller Verhältnissehissende Darlegungen nicht völlig einwandsfrei zu beweisen.Von Angehörigen der mobilen Preussischen Armeesind in derjenigen Periode, auf welche die Kriegsstatistiksich bezieht (d. h. vom 16. Juli 1870 bis 30. Juni 1871),316 Mann nachweislich wegen Geistesstörung in Lazaretheaufgenommen worden, d. h. 53.5 auf Hunderttausend derDurchschnittskopfstärke oder 37.2 auf Hunderttausend aller
*) Ebenfalls schon von Witkowski (a. a. 0.) ist der Wider-spruch betont worden, welcher darin liegt, dass nach Lunier's Zu-sammenstellungen in einer Zeit, in welcher die psychischen Er-krankungen sich vermindert haben sollen, bei nicht weniger als 1700bis 1800 Irren die Entstehung ihres Leidens direkt auf die politischenEreignisse zurückgeführt wird, — ohne Zweifel häufig lediglich posthoc ergo propter hoc, oder wegen des durch die Zeitumstände beein-flussten Inhaltes der Delirien.
2 ) Bericht über die psychiatrische Sektion der Naturforscher-Versammlung zu Leipzig im August 1872. (Allgem. Zeitschr. fürPsych. Band 30, S. 64.)
3 ) Ueber Irresein bei Militärpersonen uach dem Peldzuge von1870/71. Ebendaselbst, S. 62.
mobil Gewordenen. In der Friedensarmee') stellte sichder Zugang an Geisteskranken während des 16jährigenZeitraumes von 1867 bis 1883 wie folgt:
Zusammenstellung
des Zuganges an Geisteskranken in der Preussischen
Friedensarmee während der Jahre 1867 bis 1883/84.
(Mit Ausschluss des Kriegsjahres.)
Kopfstärke.
G eisteskranke
Jahr.
in
absoluter
Zahl.
auf 100000
derKopfstärke.
1867 .........
1868.........
1869.........
1870/71=!) ......
1872.........
1873/74^)......
1874/75 .......
1875/76.......
1876/77.......
1877/78.......
1878/79.......
1879/80.......
1880/81.......
1881/82 .......
1882/83 .......
1883/84 .......
253 230250 376248 746267 674283 235298 876311 609327 254330 646327 271327 298
330 430
331 747355 794
382 193
383 021
163
131
128
232 3 )
263
116
65
77
73
85
82
94107120137130
64.452.3
51.5
65.492.938.820.923.522.126.o25.128.432.333.735.833.9
Durchschnitt
313 088
125
39.9
Danach hat es freilich den Anschein, als ob dem allmäli-gen Abklingen einer durch den Feldzug von 1866 bedingtenSteigerung der Geisteskrankheiten in der Armee eine neuein dem 2.Halbjahr 1871 und demJahr 1872 gefolgt sei, welcheschon 1873 wesentlichen Nachlass zeigt, während 1874 derZugang weit unter den Durchschnitt sinkt, um alsdannlangsam aber stetig wieder anzusteigen. Der Durchschnittder Jahre 1867 bis 1869, welcher offenbar einem Ver-
J ) In den Jahren nach 1871 einschliesslich des XIII. (Königl.Württembergischen) sowie des XIV. und XV. Armeekorps, von 1882auch einschliesslich des XII. (Königl. Sächsischen) Armeekorps.
Die Zahlen für Geisteskranke beziehen sich sowohl bei dermobilen als bei der Friedensarmee lediglich auf diejenigen, beiwelchen die Geistesstörung entweder den Grund zur Krankführungabgab oder doch ärztlicherseits als die eigentliche Krankheit er-kannt ward; nicht einbegriffen sind darin diejenigen, bei denen zuschwereren körperlichen Verletzungen oder Krankheiten sich späterein psychisches Leiden gesellte.
2 ) Mit Ausschluss des Kriegsjahres, also 1. Halbjahr 1870 und2. Halbjahr 1871.
3) Davon 98 im 1. Halbjahr 1870, 134 im 2. Halbjahr 1871.
4 ) Vom Jahre 1873 an beginnt das Rapportjahr mit dem 1. April.