Zehntes Kapitel.Kriegs-Psychosen.
Vorbemerkung.
Häufigkeit und allgemeiner Charakter der Kriegs-Psychosen. — Veröffentlichungen über Geisteskranke
aus dem Deutsch-Französischen Kriege.
Die früher sehr allgemein gehegte Annahme, dassgrosse politische Umwälzungen und Kriege vorzugsweisegeeignet seien, das Seelenleben der mit nur minder wider-standsfähiger Psyche Begabten zu trüben, somit die Zahlder Geisteskranken in der Bevölkerung des betreffendenLandes überhaupt zu vermehren, ist neuerdings vielfachin Zweifel gezogen 1 ) und namentlich nach dem Deutsch-Französischen Kriege durch die umfassenden, über ganzFrankreich ausgedehnten Erhebungen Lanier's, 8 ) welchemsich Witkowski 3 ) auf Grund des beschränkten Materialseiner einzigen, freilich grossen Irren-Anstalt (Stephansfelde)durchaus anschliesst, anscheinend bei der Mehrzahl derpsychiatrischen Autoren geradezu in die gegenteilige Vor-stellung umgewandelt worden. Nach Lanier sind in derZeit vom 1. Juli 1870 Ins 31. Juli 1871 den FranzösischenIrren-Anstalten 1300 Kranke weniger zugegangen als in derkorrespondirenden Periode 1869/70; gegen Ende des Jahres1871 aber stieg die Zahl der Aufnahmen wiederum pro-gressiv an und bot 1872 den abnormen Zuwachs von2785 Kranken dar, während 1873 die Zunahme sich nur
!) Eine Zusammenstellung sich -widersprechender Aeusserungenverschiedener Autoren siehe bei „Nasse, Bemerkungen über Geistes-störungen bei Militärpersonen in Folge des Krieges von 1866".(Allgem. Zeitschr. für Psych. Band 27, S. 517), desgl. bei „ Fröhlich,Ueber Psychose beim Militär' 1 '. (Allgem. Zeitschr. für Psych.Band 36, 8. 308.)
z ) Lanier, De l'influence des grandes commotions politiqueset sociales sur le developpement des maladies mentales. (Annalesmedico-psychologiques. VIII — XI.) Siehe auch das Referat in Allgem.Zeitschr. für Psych. Band 33, S. 65.
3 ) Witkowski, Ueber Entstehung von Geisteskrankheiten imElsass im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen von 1870/71.(Archiv für Psych, und Nervenkrankh. Band 7, S. 80.)
noch auf 872 belief, was fast einem mittleren Verhältnisentspricht.
Wie zweifelhaft es gleichwohl bleibt, ob jene Minder-zahl der Anstaltsaufnahmen während der Kriegsperiodeals Ausdruck einer wirklichen Verminderung der Er-krankungen angesehen werden darf, erhellt aus denGründen, welche Lunier selbst zur Erklärung der Ver-ringerung in der Zahl der Aufnahmen anführt. Nach demgenannten Autor kommen hauptsächlich folgende Einflüssein Betracht:
1) Die Störung, welche durch die Kriegs-ereignisse in der Handhabung des Anstalts-dienstes stattfand.
2) Grössere Strenge bei der Aufnahme.
3) Veränderte Richtung in dem geistigen Zustandeeiner Anzahl prädisponirter Individuen.
4) Zeitweilige Verminderung des Alkoholmissbrauchesin gewissen Gebieten.')
5) Die Verminderung des Bestandes, welcher nochein Jahr lang unter der Norm blieb, soll endlich theil-weise bedingt gewesen sein durch den akuten Cha-rakter der im Kriegsjahre zur Beobachtung ge-kommenen Psychosen, welche rasch zu tödtlichemEnde oder zur Heilung führten, während die spätererasche Zunahme des Bestandes zum Theil demchronischen Charakter bezw. der Unheilbarkeitvieler im Jahre 1872 und später Aufgenommenenzugeschrieben wird.
] ) Diese angebliche Verminderung wird von Anderen durchausbestritten. Siehe bei Witkowski, a. a. 0.