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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)

Band VII.

Bald waren den günstigen Veränderungen therapeu-tische Maassnahmen, der Gebrauch von Soolbädern,kohlensäurehaltigen Bädern, Kaltwasserkuren vor-aufgegangen, bald waren sie ohne jedes Zuthun zu Standegekommen. In einem Falle (XVI) hatte man auch die Ner-vendehnung ausgeführt. Ungeachtet derselben verbessertesich sechs Monate später das Gehvermögen, zugleich kehrtenaber die Schmerzanfälle, welche um die Zeit der Dehnungnicht bestanden hatten, in früherer Stärke und längererDauer zurück. Dass im Uebrigen der Krankheitszustandirgend einen günstigen Einfluss durch die Operation erfahrenhabe, lässt sich aus dem letztjährigen Befunde nicht er-sehen. Die meisten Kranken überliessen sich nach jahre-langen vergeblichen Heilversuchen ihrem Schicksal; ein-zelne trieb es von einem Krankenhaus ins andere, einzelneerwarteten Hilfe ihrer trostlosen Lage durch Brunnen-und Badekuren und drängten Jahr für Jahr dazu, aufStaatskosten zu denselben zugelassen zu werden. Amgebräuchlichsten waren die Bäder zu Oeynhausen, dem-nächst kamen Wiesbaden, Teplitz, Warmbrunn, Nauheim,Baden-Baden, Landeck und Aachen in Verwendung. AuchKaltwasserkuren und Sandbäder wurden versucht. Einehervorragende Rolle in den öffentlichen Krankenhäusernund Militärlazarethen spielte der konstante Strom, einKranker unterzog sich neuerdings einer Kur mit demelektrischen Pinsel nach Rumpf. Von Medikamentenwurden benutzt: Jodkalium, Höllenstein, Strychnin,Mutterkorn. Im Falle XCVI1 entschloss man sich, daPatient als konstitutionell Infizirter die Tabes acquirirthatte, zu einer Inunktionskur. Sie führte aber eine Ver-schlechterung des Allgemeinbefindens, eine Zunahme derAtaxie und der lanzinirenden Schmerzen herbei. Beiläufigerwähnt sei, dass die schädliche Wirkung des Quecksilbersauf die Ataxie auch vom Verfasser in mehreren anderenFällen beobachtet wurde. Die Erfahrung Benedicts, dassdie Formen der Tabes mit prodromaler Sehnervenatrophiesowie mit prodromalen gastrischen Krisen oft prognostischnicht ungünstig seien, da die Erscheinungen bis auf diePupillarsymptome und das Fehlen des Kniephänomensverschwinden oder wenigstens stationär bleiben könnten,wird durch die Kasuistik nicht bestätigt.

Eine Heilung der Tabes wird im Falle XX der tabel-larischen Uebersicht höchst wahrscheinlich. Als charakte-ristische Symptome der Krankheit, welche mit rheumatoidenSchmerzen in den Beinen begonnen und einen langsamenFortgang genommen hatte, fand Fräntzel im Jahre 1878Ataxie in den Beinen im Gehen und Liegen bei un-veränderter motorischer Kraft, Brach-Rornberg'schesSymptom, Herabsetzung sämmtlicher Qualitäten der Sensibi-lität und vollkommene Einbusse des Kniephänomens.Nach einer schon im Jahre 1880 deutlich nachweisbarenVerbesserung einzelner Erscheinungen konnte OberstabsarztStricker im Jahre 1884 Zeichen einer Erkrankung dersensiblen Bahnen nicht mehr entdecken. Die Sensibilität

war völlig intakt; Parästhesien bestanden nicht, ebenso-wenig Schmerzanfälle, ausgenommen periodisch wieder-kehrende Stirnkopfschmerzen. Auch von Ataxie liesssich nicht eine Spur entdecken, die Kniephänomenezeigten eine lebhafte Erhöhung, daneben trat rechtsbei forcirter Dorsaliiexion das Fussphänomen auf. DiePupillen erschienen von gleicher mittlerer Weite undguter Reaktion, Blase und Mastdarm funktionirten nor-mal. Nur das Gehen war insofern verändert, als Patientden rechten Fuss ein wenig nachschleifte und das Beinim Knie nur eine Kleinigkeit beugte. Nach dem Ausfalldieser Untersuchung konnte es sich jetzt vielleicht umeine unbedeutende Störung in den motorischen Bahnenhandeln, eine Tabes musste vollkommen ausgeschlossenwerden. Dass der ganze Verlauf des Falles auch in denzwischenliegenden Jahren nicht unter ein und derselbenärztlichen Kontrole gestanden hat, beeinträchtigt in etwasseinen Werth. Ebenso musste Bedenken getragen werden,einige wenige andere, von den untersuchenden Militär-ärzten als Tabes gedeutete und geheilte Fälle aus denInvalidenlisten in die Kasuistik aufzunehmen, da die Be-dingungen, welche in der Vorbemerkung an die Entschei-dung über die Heilungsfrage gestellt wurden, hier nichterfüllt sind. Das schliesst jedoch nicht aus, einige Bei-spiele an dieser Stelle anzuführen. Ein 22jähriger Gefreiterim Hannoverschen Füsilier-Regiment No. 73 litt nachAusweis des ursprünglichen Invaliditätsattestes gleich nachdem Feldzuge anTaubheit der Extremitäten, Schmerzenbei Druck auf die Wirbelsäule, schwankendem Gang undSchwanken beim Stehen mit geschlossenen Augen, anAbnahme der Schmerzempfindung, so dass eingestocheneNadeln nur undeutlich gefühlt wurden, an Filzgefühl unterden Fusssohlen, erschwertem Urinlassen, Sehschwäche undFlimmern vor den Augen sowie an Ohrensausen". DieDiagnose wurde auf Tabes gestellt. Im Jahre 1873 war eineso bedeutende A^erbesserung aller Erscheinungen eingetreten,dass man bereits Zweifel an dem Fortbestehen der Krank-heit hegte, und 1875 musste der Untersuchte, da er, vonKlagen frei, keine objektiven Zeichen der spinalen Affektionmehr darbot, auch seiner Beschäftigung als Landwirth un-gestört nachging, für gesund erklärt werden. Oberstabs-arzt Lex berichtete über den Zustand eines Husaren-Unteroffiziers, welcher während der Belagerung von Verdungrossen Strapazen und heftigen Erkältungen ausgesetztgewesen war, in einem Atteste Folgendes:Die ab-gemagerten Unterextremitäten ermüden beim Gehen schnellund zeigen bis zu den Knieen hinauf eine bedeutendeAbschwächung der Hautempfindung. Dabei werden sievon periodischen Schmerzen durchfahren. An den Fuss-sohlen bestehen abnorme Sensationen, an der Brust einGefühl von erdrückendem Zusammenschnüren. Bei Aus-schluss der Kontrole des Sehakts wird das Gleichgewichtdes Körpers nur mit Mühe erhalten." Lex erklärtedas Leiden für Tabes und für unheilbar. Aber schon