Band VII.
II. Abschnitt: Krankheitserscheinungen.
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Hessen, konnte in 9 Fällen über hereditäre Einflüsse Aus-kunft gegeben werden, aber immer mit negativem Re-sultat. Als anderweitig prädisponirendes Moment für diePsychose lässt sich bloss im Falle XIV eine Insolation an-führen, doch mag auch beim Kranken XCI das 4 Jahrezuvor überstandene „nervöse Fieber" mitgewirkt haben.Auch Moeli zählte unter jenen 17 psychischen Komplika-tionen 8 Fälle, bei denen „das hervortretendste Symptomeine deutliche geistige Schwäche war, welche sich vorAllem in einer Abnahme des Gedächtnisses kund gab.Während die Mehrzahl der Kranken dabei ein apathischesVerhalten wahrnehmen liess, eine Theilnahmlosigkeit, welchezuweilen von den Angehörigen als auffällige Veränderungdes Charakters gegen früher bezeichnet wurde, währenddie gleichzeitige intellektuelle Schwäche ihrer Beobachtungentgangen war, zeigten einzelne ein abweichendes Ver-halten. So trat ab und zu eine unmotivirte heitere Stim-mung auf, welche jedoch in der Regel nicht von Dauerwar; einer der Kranken war vorübergehend unruhig, wollteaus dem Bette, schien zu halluciniren. Bei einem anderenKranken war 2 Monate vor der Aufnahme ein Anfall vonBewusstlosigkeit ohne Nachfolge einer bleibenden Läh-mung aufgetreten. Was das Verhalten der Sprache be-traf, so fand sich einmal eine deutliche, der paralytischenSprachstörung analoge Beeinträchtigung, einmal war die-selbe nicht in gleichem Maasse ausgesprochen und eindrittes Mal war nach Aussage der Angehörigen die Sprachevorübergehend undeutlich gewesen, während der Beobach-tung jedoch ohne Abnormitäten". Die 10 übrigen FälleMoeli's gehörten unter die progressiven Paralysen. Dieauffallend häufige Kombination der Tabes mit dem paraly-tischen Irresein ist bekanntlich durch Westphal in dasrichtige Licht gestellt worden. Einerseits tritt diese Formder psychischen Erkrankung nicht. ■ selten der bereitslängere oder kürzere Zeit bestehenden Riickenmarksaft'ektionbei, andererseits beginnt sie mit ihr zugleich oder geht ihrvoraus. In den beiden letzten Fällen ist wieder dasWestphal'sehe Zeichen zur Erkennung der bis in denLendentheil herabreichenden grauen Degeneration derIlinterstränge von ausschlaggebender Bedeutung. AlsParalytiker unter den 15 psychisch gestörten Tabikern ausder Zahl der Kriegsinvaliden werden 4 (XIV, XXVI,XLII, XCII) bezeichnet. Der Kranke XIV zeigte bereitsvor dem Feldzuge Spuren von Zerstreutheit, Tiefsinn undAbwesenheit, erst im Januar 1871 traten lanzinirendeSchmerzen und ein Jahr nachher Koordinationsstörungenauf. Fast gleichzeitig mit den ersten Symptomen der Tabesentwickelte sich in den Fällen XXVI und XLII die psy-chische Veränderung. Endlich bei dem letzten Patienten(XCII) fiel der Beginn der Geistesstörung in das zehnteKrankheitsjahr.
Funktionsstörungen der Blase, welche den Tabi-kern höchst lästig und unbequem w r erden, einen Haupt-gegenstand ihrer Klagen bilden und darum wohl selten
der Aufmerksamkeit des Arztes entgehen, wurden in G7 {,'der Gesammtfälle aus dem Feldzuge beobachtet. Bern-hardt notirte sie in 74.07 {r> Erb in 81 JJ. Am häufigstenkommt es bei der Tabes zur Inkontinenz. Diese be-stand unter jenen 67 Fällen aus dem letzten Deutsch-Französischen Kriege 62mal, nur 5mal war Retentionvorhanden. Daneben geschieht bei 11 Kranken einesBlasenkatarrhs Erwähnung. Das zeitliche Auftreten derBlasenstörungen anlangend, so wurde im Falle L XXIIIbeieits 3 Monate nach dem vermeintlichen Beginn derspinalen Erkrankung Incontinentia urinae konstatirt. DerFall XC bleibt wegen des zweifelhaften Anfangsterminsder Tabes ganz ausser Betracht. Bei den übrigen65 Kranken fielen die paretischen Erscheinungen seitensder Blase 1 mal in das erste, öinal in das zweite unddritte, 9 mal in das vierte und fünfte, 8mal in das sechsteund siebente, 6mal in das achte und neunte, Sinai in daszehnte und elfte, 8mal in das zwölfte und dreizehnte und20mal in das vierzehnte Krankheitsjahr. Auch diese An-gaben können aber auf Genauigkeit keinen Anspruchmachen, da ihr Resultat meist durch die Anamnese undnur selten durch objektive Untersuchung gewonnen wurde.
Dies gilt in noch höherem Maasse von den Funktions-behinderungen des Mastdarms, welche sich bei20 Kriegsinvaliden fanden. Sie wurden unter die Symptomeder Tabes aufgenommen 2mal nach 3jähriger, 2mal nach4jähriger, 3mal nach öjähriger, 3mal nach 8- resp. 9jähri-ger, 2mal nach 1 Öjähriger, 2mal nach 12jähriger und6mal nach 14jähriger Krankheitsdauer. Doch lässt sichaus den Zahlenangaben wohl mit Sicherheit der Schlussziehen, dass Parese des Darms weit seltener als Blasen-schwäche in der Tabes aufzutreten pflegt.
Alterationen der sexuellen Funktionen, welcheBernhardt bei Männern in 43.7 g, Erb in 78.4 Jj einerUntersuchungsreihe von Tabesfällen nachwies, sind in derFeldzugskasuistik erschöpfend nicht besprochen, mögen siesich auf gesteigerte oder verminderte Potenz beziehen. Dersonst beobachteten Häufigkeit von Impotenz entsprechen dieAngaben in den Invalidenlisten, nach denen nur 20 Tabikeran sexueller Schwäche verschiedenen Grades litten, nicht.Für die Thatsache, dass trotz langjähriger und weit vor-geschrittener Tabes die Potenz ganz ungeschwächt erhaltensein kann, liefern die letztjährigen Befunde in der Tabellemehrfache Beispiele.
Dem Symptome der Ataxie musste bei der Sichtungdes Feldzugsmaterials eine um so entscheidendere Bedeu-tung beigelegt werden, als, wie oben betont, eine erheb-liche Anzahl von Kranken auf das Vorhandensein desWestphal'schen Zeichens nicht geprüft werden konnte.Nur ein Fall (VIII) ist in die Kasuistik aufgenommenworden, welcher, der Hinterstrangsklerose unzweifelhaftangehörend, weder im Jahre 1878 noch im Jahre 1884Koordinationsstörungen erkennen liess. Doch ist daran zuerinnern, dass manchmal erst nach längerer Krankheits-