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IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VII.
die in der Tabeslitteratur zerstreuten Beobachtungen vonapoplektiformen Zufällen sammelte, hält nur die lang-dauernden Lähmuugszuständc für ein Zeichen einer zurTabes getretenen Komplikation oder vorangegangenerSyphilis. Unter den 100 kriegsinvaliden Tabikern wirdbei 11 Kranken (IV, VII, VIII, IX, X, XVJI, XIX,XXV, LX, LXXXV1I, XC1V) von plötzlich eingetrete-nen Lähmungserscheinungen berichtet. Einer (LXXXVII)von ihnen war konstitutionell syphilitisch, drei andere(VIII, XVII, XXV) hatten einfache Schanker gehallt.Dies Verhältniss spricht nicht zu Gunsten der Fournier-schen Theorie. Sie wird auch von Bernhardt, welchererst kürzlich den Gegenstand im Archiv für Psychiatrieund Nervenkrankheiten bearbeitete, nicht bestätigt.
Charakteristisch für die tabischen, gleichwie für die indieselbe Kategorie fallenden, apoplektifonnen Anfälle beimultipler Sklerose ist ihre flüchtige Natur, das schnelleVerschwinden der durch sie herbeigeführten Störungen.Dadurch lässt sich eine gröbere Läsion des Hirns voll-kommen ausschliesseu. Im Gegensatze zu dieser Läh-mungsform, welche als ein Eigensymptom der Tabesaufzufassen ist, finden sich bei der Hinterstrangsklerosezuweilen cerebrale, durch Gefässerkrankungen entstandeneund daher als Komplikation zu deutende Hemi-plegien. Ihre bleibende oder längere Dauer unter-scheidet sie von den rein tabischen Arten. Auch diedurch Uebergreifen des sklerotischen Prozesses auf dieSeitenstränge hervorgerufenen spinalen Lähmungen sinddurch ihre allmälige Entwäckelung und durch ihren Fort-bestand leicht zu trennen. Die apoplektiformen Anfällekommen in allen Stadien der Tabes vor und leiten manchmal den ganzen Krankheitsprozess ein. Im Falle IV warein Bewusstlosigkeitsanfall das erste Symptom, die lanzini-renden Schmerzen folgten ihm nach. Bald nach denInitialerscheinungen im Jahre 1871 wurde ein gleicherZufall in den Fällen LX und XC1V, hier mit vorübergehen-der Sprachstörung, aber ohne jede andere Lähmungs-erscheinung kombinirt, beobachtet. Die Kranken VII, VIII,IX, X, XVII, XIX, XXV, LXXXVII erlitten die Anfälleerst in späteren Perioden der Tabes. Der schwere, mitBewusstseinsverlust gepaarte Insult trat in der überwiegen-den Mehrzahl der Fälle, nämlich bei 8 Kranken, im Ver-laufe ihres Leidens, soweit er verfolgt werden konnteeinmal auf. Wiederholte Attaquen hatten nur diePatienten IX, XIX und XXV zu bestehen. Zweimal gingdem Eintritt des Anfalls eine angestrengte Körperarbeitvorauf: beide Tabiker (VII, LXXXVII) brachen währendeines Uebungsmarsch.es zusammen. Dass aber eine über-mässige Muskelthätigkeit keine wesentliche Bedingung fürdas Zustandekommen des Insultes ist, geht daraus hervor,dass der Kranke XVJI, während er bettlägerig war, voneinem apoplektiformen Zufall heimgesucht wurde. Ausder XXV. Krankengeschichte ist ersichtlich, dass die An-fälle auch in Form von vorübergehender Paraplegie ohne
Verlust des Bewusstseins erscheinen können. Das häufigsteSymptom des Anfalls ist aber die Bewusstlosigkeit, inzweiter Linie kommen die Sprachstörungen und dann erstdie Lähmungserscheinungen, welche gewöhnlich halbseitigesind. Nur ein Fall (IX) der Kasuistik gedenkt im An-schluss an einen apoplektiformen Anfall einer linksseitigenParese von mehrtägiger Dauer, ein zweiter (X) einerunvollkommenen Lähmung sämmtlicher Extremitäten,schweigt aber über die Zeit ihres Bestehens. Alle übrigenKrankengeschichten enthalten nichts von Hemi- oder Para-plegien.
Störungen der Sprache bis zum völligen Verlustewurden in drei Fällen (X, XIX, XCIV) konstatirt.
Von Mendel ist darauf hingewiesen, dass sich beiTabikern mit apoplektiformen Anfällen später Demenz resp.Paralyse entwickeln könne. Eine psychische Störungin der Dauer von drei Wochen schloss sich auch imFalle XVII direkt an die Bewusstlosigkeit an. Der Krankewar verwirrt, sprach unverständliche und ungereimte Worte,kannte seine Frau und Kinder nicht, zeigte eine grosseUnruhe und machte Fluchtversuche. In einem zweiten Falle(XVII) folgten wiederholten schlagartigen Zufällen, wiedie Geschichtserzählung lautet, Gehörs- und Gesichts-täuschungen, zuerst von 2—3tägiger Dauer, später aberfortbestehend, so dass Patient nicht schlafen konnte, ohneLicht keine Kühe hatte, immer nur Gestalten sah und Ge-spräche hörte. Ob dieser Zustand mit der Zeit in einebestimmte Form von Psychose übergehen oder rückgängigwerden wird, kann erst die weitere Beobachtung desKranken lehren.
Geistige Störungen der verschiedensten Art ge-sellen sich aber meist ohne voraufgegangene apoplekti-forme Anfälle der Tabes in ihren einzelnen Perioden beioder sind bereits vorhanden, ehe die charakteristischenSymptome der spinalen Erkrankung sich erkennen lassen.Oft besteht grosse Depression, weinerliche Stimmung(XXI), Theilnahmlosigkeit, hypochondrisches und melan-cholisches Wesen (XLV, LXHI, LXXIX). Dieser Zustandwird zuweilen unterbrochen von Exaltationsperioden(XCVH1), von Unruhe und Erregbarkeit (LXVI,LXXXVIH). Einzelne Kranke werden vergesslich, apathisch(LXXXIII) und versinken allmälig in Blödsinn (XXXII,LV). Nach Topinard's Ansicht leidet etwa jeder zehnteTabiker an Gedächtnissschwäche, und Simon erklärt, dassalle von ihm beobachteten Kranken den Eindruck einermassigen Dementia gemacht haben. Moeli, der dies an-giebt, hat selbst unter 89 Tabikern 17mal Geistesstörunggefunden, für die ein anderes bestimmtes ätiologischesMoment nicht nachzuweisen war. Auf die Zufälligkeit derKoinzidenz wird von manchen Seiten zwar grosses Gewichtgelegt, allein es Hesse doch allen Erfahrungen wider-sprechen, wollte man die direkte Abhängigkeit der Psychosevon der Tabes in Zweifel ziehen. Bei den 15 Tabikernder Tabelle, welche geistige Veränderungen erkennen