Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
404
Einzelbild herunterladen
 

404

IX. Kapitel: Grane Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.'

Band Vll.

auch noch dadurch aus, dass die Paralyse ganz plötzlichin Scene ging, während sonst eine langsame Entwickelungdie Regel bildet. Soviel sich aus der Kasuistik ersehen lässt,war die Affektion der Augenmuskeln durchweg eine ein-seitige und nur in dem einzigen Falle (III), in welchem eineOphthalmoplegia externa, d. h. eine Lähmung sämmt-licher äusseren Augenmuskeln mit vollkommener Bewegungs-losigkeit des Eulbus, beschrieben wurde, eine symmetrische.Diese in der Geschichte der Tabes nicht gerade häufigwiederkehrende Lähmungsform ergreift überhaupt in denmeisten Fällen die Muskeln beider Augen in entsprechenderReihenfolge gleichzeitig, kommt nur selten einseitig vorund tritt gewöhnlich unter dem Bilde der Parese in denspäteren Krankheitsstadien in die Erscheinung.

Da das im Deutschen Reiche gültige Pensionsgesetzden Invaliden eine Verstümmelungszulage gewährt, wennbei nicht voller Gebrauchsfähigkeit eines Auges das andereerblindet ist, so lässt sich denken, dass ein aus der Kasuistikdieses Kapitels berechneter Prozentsatz der im Gefolge derTabes entstehenden Amaurosen auf Grund von Sehnerven-atrophie der Wirklichkeit entsprechen oder doch äusserstnahe kommen muss. Unter Hinzuzählung der Fälle vonAmblyopie, welche bei dem Mangel anderer greifbarerUnterlagen auch ohne ophthalmoskopischen Nachweis aufdie begonnene oder in der Weiterentwickelung begriffeneOptikusdegeneration zurückzufahren sind, beläuft sich dieserProzentsatz auf 29 Jj. Er übertrifft den von Bernhardt,Erb, Gowers, Moeli gefundenen und zwischen 10 bis 15 J}-schwankenden um das Zwei- bis Dreifache, dagegen steht erdemjenigen Cyon's, der unter 203 Fällen 60 mit Amblyopieund Amaurose ermittelte, ziemlich nahe. Die graue Ent-artung des Sehnerven, wohl die traurigste Komplikationder Tabes, eröffnet nicht ganz selten die Krankheitsscene,ohne dass lanzinirende Schmerzen, Ermüdungsgefühl, nochsonst ein subjektives oder objektives Symptom der Tabesvorhanden sind. Nur das Westphal'sche Zeichen bestehtzugleich oder gesellt sich alsbald zur Sehschwäche, zurErblindung hinzu und erst später folgt das Heer der übrigenKrankheitserscheinungen. Gerade in diesen gar nicht rarenFällen kommt der diagnostische Werth der verlorenen Seh-nenreflexe so recht zu vollem Bewusstsein. Vor der West-phal'schen Entdeckung tappte man oft Jahre lang imDunkeln, ehe der Zusammenhang der Sehnervenentartungmit der bekannten spinalen Erkrankung als unumstösslicherkannt wurde. Dies lehrt auch die Geschichte der Tabesaus dem Feldzuge. Bei sechs (VIII, XV, XXIX, XXX,L, XCVIU) Kranken setzte das Leiden mit Beeinträchti-gung des Gesichtssinns ein. Drei unter ihnen (VIII, XV,L) hatten zunächst über nichts Anderes zu klagen, als überAbnahme des Sehvermögens, Schmerzen fehlten vollkommen.Sie traten zwar im Falle L nicht lange nach dem Beginnder Sehstörungen ein. diese bildeten aber bei den beidenanderen Patienten Jahre lang die ausschliesslichen Be-schwerden, so dass bei dem einen (XV) erst 1876 die

Diagnose auf Tabes gestellt werden konnte. In der Hälfteder Fälle (XXIX, XXX, XCVIII) waren gleichzeitig vonAnfang an Schmerzempfindungen, einmal mit dem Sitz imKopfe, zu konstatiren. Der Eintritt der Optikus VeränderungHess sich bei den restirenden 23 Kranken nicht mit Sicher-heit in bestimmte Jahre verlegen, nachgewiesen wurde sie1 mal (II) im 3., 3 mal (XL, XLIV, XLVIII) im 4., 2mal(XXIV, LXXXIII) im 5., 3 mal (XLV, LXX, XCV) im8., lmal (X) im 10., 1 mal (LXXXII) im 11., 3 mal im12. (XXXVIII, LXXX, LXXXVII), 6 mal (III, IV, VII,XLVIII, LXXIX, XCIX) im 14. Krankheitsjahre. Im Be-ginn verräth sich die Affektion des Sehnerven durch Farben-blindheit (XCIX), durch Skotome (XLV), welche in un-regelmässiger Weise das Sehfeld unterbrechen, und durchEinengung des Gesichtsfeldes (XCIX), später erst erkenntman an der weisslichen oder bläulich-grünlichen Verfärbung,dem Perlmutterglanze der Papille, sowie an der Verschmäch-tigung der Retinalarterien die ausgesprochene Atrophie.Im Allgemeinen fängt das Leiden einseitig an, schreitetlangsam fort und auf das andere Auge über, bleibt manch-mal Jahre lang stationär, führt aber meist vor dem tödt-lichen Ende zur völligen Blindheit. Dieser Verlauf bringtes mit sich, dass bei den Untersuchungen in denjenigenStadien, in welchen der atrophische Prozess auf beidenSeiten noch nicht völlig abgeschlossen ist, der Grad derAmblyopie des einen Auges von dem des anderen ver-schieden ist. Man vergleiche die Fälle II, VIII, XV, XL,LXXXIII, LXXXV, XCIV. Ja, es ereignet sich, dass daseine Auge bereits durch Sehnervenschwund ganz erblindetist, während das andere noch normale Sehschärfe besitzt.Freilich ist dieser Befund ein ungewöhnlicher, der Prozessgreift meist in rascher Folge auf das zweite Auge über.Der Fall LXXIX, in welchem innerhalb vier Jahren einekomplete Atrophie des rechten Optikus sich ausgebildethatte, ohne dass der linke Sehnerv in irgend einer Weisemit affizirt wurde, steht in der Kasuistik dieses Kapitels ganzvereinzelt da. Die Zeit, welche zwischen dem Anfang derSehstörung und der Amaurose liegt, ist keineswegs für alleKranken eine annähernd gleiche. Die atrophische Degene-ration verläuft manchmal äusserst schnell, manchmal sehrlangsam, bleibt mitunter auch kürzere oder längere Zeitauf demselben Stadium stehen, um dann von Neuem ihremEndziel entgegenzugehen. Althaus behandelte 1884 einenKranken, auf dessen rechtem Auge die Atrophie 1872 be-gonnen, aber seitdem keine weiteren Fortschritte gemachtund das linke Auge ganz verschont hatte, obwohl andereTabessymptome neu erschienen waren. Aus denjenigenFällen der Feldzugsübersicht, welche bestimmte An-gaben über den Eintritt der .Sehschwäche und derErblindung machen, lässt sich für die Invalidendie Dauer des ganzen Prozesses auf 2 bis 8 Jahre fest-setzen. Die meisten (4) Kranken erblindeten im Laufe vonzwei Jahren, einer im dritten, drei im vierten, einer imsechsten, einer endlich im achten Jahre des Optikusleidens.