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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)

Band VII.

in das Bild der Taljes die Erscheinungen der amyotrophischenBulbärparalyse gemischt hatten. In dem darauffolgendenFalle (IV) wird erst eine spätere Untersuchung lehren, ohwirklich die Vermuthung an eine beginnende fortschreitendeAtrophie gerechtfertigt war. Ihrer Herkunft nach zweifelhaftbleibt in der unter VI wiedergegebenen Krankengeschichtedie Atrophie der linken Unterextremität mit bedeutenderAbmagerung des Oberschenkels und herabgesetzter elek-trischer Erregbarkeit, obwohl die eigenthttmliche Lokali-sation mehr zu Gunsten einer peripherischen Affektionspricht. Auch in diesem Falle kann nur fortgesetzte Beob-achtung zur Erkenntnis« des eigentlichen Krankheitssitzesführen. Die Atrophie der Fussmuskeln im Falle IX, welchedurch den Schwund der mm. inteross. eine Klauenstellungder Zehen mit Hyperextension der ersten und Flexion derübrigen Phalangen zur Folge gehabt hatte, war scheinbarvier Jahre lang stationär. Erst durch anatomische Unter-suchung wird die Entscheidung leicht sein, ob an dersymmetrischen Muskelentartung eine Degeneration dergrossen Ganglienzellen im Lendengrau Schuld hatte, oderob peripherische Prozesse im Spiele waren. In den FällenXI, XXI und XXIX hat der letztjährige Status bloss vonder Thatsache einer Atrophie an den Händen Notiz ge-nommen und sich auf die Angabe ihres Sitzes beschränkt.Die achte und letzte (XC1V) Beobachtung endlich vergisstnicht, zu erwähnen, dass durch die geschwundene Zwischen-knochenmuskulatur die linke Hand jene Formveränderungerlitten hat, welche als Klauenhand (inain en griffe) für dieprogressive Muskelatrophie von fast pathognostischemWerthe geworden ist.

Hiermit sind die trophischen Symptome bei den Tabes-fällen aus dem Feldzuge so ziemlich erschöpft. Ihr all-gemeines Häungkeitsverhältniss aus den hier gewonnenenTraditionen auch nur annähernd zu berechnen, verbietetsich von selbst. Denn es kann als feststehend betrachtetwerden, dass Ernährungsstörungen der Gewebe bei dentabischen Invaliden theils ihrer Bedeutungslosigkeit, theilsihres periodischen Auftretens wegen von den untersuchen-den Militärärzten nur zum kleineren Theile beobachtet underwähnt sind. Bei dieser Sachlage auf den Gegenstandnoch weiter einzugehen, entspricht nicht den Zwecken desBerichtes.

Von den Pupillarsymptomen der Tabes ist diefehlende Reaktion der Pupillen auf Licht bei erhaltenerReaktion auf akkommodative Impulse unstreitig das wich-tigste. Man kann die Erscheinung im gewissen Sinne mitdem Westphal'schen Zeichen in Analogie bringen, inso-fern die Willkürbewegung erhalten, die Reflexbewegungverloren gegangen ist. Unzweifelhaft steht sie ihm aberin der Häufigkeitsskala der tabischen Störungen, namentlichder Jnitialsymptome, erheblich nach. Die theilweise Un-erregbarkeit der Pupillen ist nach dem Vorschlage Erb's alsreflektorische Pupillenstarre" oder dem Entdeckerzu Ehren als Argyll-Robertson'sches Zeichen in die

Terminologie der Tabes aufgenommen worden. Vincent'sUntersuchungen waren es besonders, welche die Bedeutungdes Phänomens für die Ilinterstrangsklerose klarlegten.Unter 51 Tabesfällen seiner Beobachtung reagirten diePupillen nur 4 mal in normaler Weise, dagegen 40 mal nichtauf Licht, wohl aber auf Akkommodation und 7 mal wederauf Beleuchtung, noch auf Konvergenzstellung. Seitdemwerden in den Veröffentlichungen über Tabes in grösserenZahlenreihen Angaben über das Verhalten der Pupillenkaum vermisst. Erb fand unter 84 Tabikern 13 mal nor-male, 12 mal sehr schwache, träge, unausgiebige Lichtreaktionund 59mal reflektorische Starre. Bernhardt konstatirtedie Unerregbarkeit auf Licht in 48.4 $ seiner Gesammtfälle.Auch in der Feldzugskasuistik ist dem Symptom die ge-bührende Aufmerksamkeit geschenkt, leider meist erst inden späteren Krankheitsstadien, so dass über den Werthdesselben als Initialerscheinung der Tabes auf Grund dermilitärärztlichen Erfahrungen ein begründetes ürtheil nichtgefällt werden kann. Dies ist um so mehr zu bedauern,als die Gelegenheit, die Tabes in ihren ersten Anfängenzu beobachten, nur selten geboten ist. Indessen scheintdoch soviel erwiesen zu sein, dass die Pupillenstarre zuden frühesten Symptomen der Tabes gehören kann. Inder vorstehenden Tabelle erhält man bei 51 Fällen überdas Reaktionsvermögen der Pupillen Auskunft. Darunterkonnte 41 mal reflektorische Starre, 5 mal normale aus-giebige und prompte, 5mal geringe und träge Reaktionnachgewiesen werden. Normale Reaktionsfähigkeit war inden verschiedensten Krankheitsperioden, in einem Falle imzweiten, in einem anderen im achten, in den drei übrigenim vierzehnten Jahre der Tabes anzutreffen. Ein noth-wendiges Attribut selbst in relativ spätem Stadium derTabes ist die reflektorische Starre deswegen keineswegs.Das konnte auch Erb bestätigen, denn er sah sie in einemFalle sogar bei einer Krankheitsdauer von 19 Jahren fehlen.In jenen 5 Beobachtungen unter den Invaliden, bei denendie Pupillen schlecht, träge und gering reagirend gefundenwurden, lag die Zeit der Augenuntersuchung in den Jahren1874, 1882 und 1884. Zu erörtern bleibt noch, ob dieReaktionsfähigkeit plötzlich, schnell oder allmälig verlorengeht. Hierüber wird sich Bestimmtes nur selten durchglücklichen Zufall ermitteln lassen, doch sprechen für dasVorkommen eines langsamen Uebergangs aus derträgen Reaktion in die vollständige Starre die Notizen imFalle V, wonach Patient bei seiner ersten Untersuchungdurch den Verfasser dieses Kapitels nach 18 jährigem Be-stände der Tabes gering reagirende, bei einer wiederholtenUntersuchung zwei Jahre später aber auf Licht reaktions-lose Pupillen zeigte.

Die Weite der Pupillen bei der reflektorischen Starrekann eine sehr variable sein. Unter den 40 positivenFällen Vincent's befanden sich 23 mit gleichzeitiger Myosis,6 mit Mydriasis und 11 mit normaler Pupillenweite. Erbsah bei seinen 71 Kranken mit mehr oder weniger voll-