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IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VIT.
welche durch das fühlbare Knarren bei Bewegungen nichtals intakt gelten können, geht aus der Beschreibung desweiteren Krankheitsverlaufes unmittelbar hervor. EineBeobachtung, die eine traumatische Entstehung dieserForm von Arthropathie wahrscheinlich macht, ist in derTabelle nicht zu finden. An eine solche lässt sich auchdeswegen kaum denken, weil ja die verschiedenen Extremi-täten gleichzeitig ergriffen werden. Als eigentümlich darfnoch darauf hingewiesen werden, dass im Falle LXVI2 Jahre nach dem muthmaasslichcn Anfang der Tabes dieAffektion der Hand-, Knie- und Fassgelenke unter denErscheinungen des akuten Rheumatismus vor sich ging,den ferner auch imLXXlX. Falle die aufgezählten Symptome:Schwellung, Röthung, Fieber, vermuthen lassen. Inwieweithier eine interkurrente von dem Spinalleiden unabhängigeErkrankung vorlag, ist bei der ungenügenden Darstellungder Begebnisse schwer zu sagen. Bezüglich der Fieberbe-wegungen sei aber daran erinnert, dass Charcot, Rosen-thal u. A. um die Zeit der lanzinirenden Schmerzanfälleim neuralgischen Stadium Erhöhungen der Körperwärmemehrfach ermittelt haben. Der nächstliegende Grund fürdas Initialfieber bei den Kranken E. M. (XXI11) undC. L. (L1II) ist indessen wohl in der einmaligen heftigenErkältung zu suchen, welche auf Beide eingewirkt hatte.Dagegen wäre gegen die Annahme, dass im Falle XXXVIdie Tabes selbst mit einer Steigerung der Eigenwärme ein-gesetzt habe, nichts einzuwenden.
Noch ist des Zusammenfallens der Gelenk-affektionen mit gastrischen Krisen zu gedenken.Buzzard fand unter .HO Fällen tabischer Gelenkleiden14 mit crises gastriques und versuchte das häufigeZusammenvorkommen dieser differenten Symptome damitzu erklären, dass die Gelenkaffektion auf Läsion einestrophischen Centrums beruhe, welches in der Nähe derVaguskerne in der Medulla liege und in Folge periodischerReizung Gastralgien herbeiführe. Diese Erklärung kannkaum befriedigen. Buzzard's Zählung widersprechen auchdie gegenseitigen Verhältnisse in der Feldzugsübersicht.Denn wenn auch unter den 18 Fällen tabischer Arthropathien7 sind, welche Angaben über gastrische Krisen machen, sotreffen beide Affektionen in ihrer Entstehung und ihremAblaufe doch nur in 1 Falle (LVIIl) zeitlich zusammen.In den Fällen XIII, XXXVIII, LXIV, LXXTX folgten denGelenkleiden erst nach Jahren die Magenkrisen zu einerZeit, in welcher mit einer einzigen Ausnahme (XI11)artikulare Störungen vollkommen fehlten, und in den FällenXXXIII und LXXXV1I lag zwischen den primären Gastral-gien und dem späteren Auftreten der Gelenkschwellungenein 4 bezw. 5 jähriger freier Zwischenraum. Die neuereTabesliteratur ist nicht arm an Publikationen, welcheweder die Häufigkeit der Koinzidenz beider Erscheinungen,noch die Buzzard'sche Theorie ihrer Ursache anzuerkennenvermögen.
Die Erkrankung der kleinen Fussgelenke und derFusswurzelknochen führt zuweilen zu einer merkwürdigenVerunstaltung des Fusses, die dadurch charakterisirt ist.dass derselbe unförmlich verkürzt und gewöhnlich amInnenrande, seltener am Rücken bucklich aufgetrieben ist.DieDifformität wurdezuerst von Charcot-Före beschrieben,von ihnen den Veränderungen der grösseren Gelenke gleich-gestellt und als „tabischer Fuss" (pied tabetique) be-zeichnet. Ein ähnlicher aber nicht identischer Zustand, dadas Tarso-Metatarsalgelenk unbetheiligt war, hatte sich imFalle LXXXVII der Kasuistik entwickelt. Der rechteFuss zeigte sich verkrüppelt. Die grosse Zehe sprang mitdem Ballen am inneren Fussrande stark hervor und warganz nach aussen gerichtet. Sie nahm die Plantarseite einund wurde von den anderen Zehen bedeckt. Die 2., 3.und 5. Zehe war krallenförmig nach der Fusssohle ver-bogen. Die Kapitula ihrer Metatarsalknochen hoben sichkugelförmig unter der Haut ab. Es bedarf des Hinweises,dass an der bezüglichen Unterextremität bei dem konstitu-tionell syphilitischen Manne noch andere schwere Gelenk-und Knochenveränderungen im Laufe der Tabes erschienenwaren.
Ungleich seltener als zu Gelenkaffektionen führt dieneurotische Alteration des Knochengewebes unter Mit-wirkung geringfügiger Gelegenheitsursachen wie brüskerBewegungen, stärkeren Gebrauchs, eines unbedeutendenStosses oder Falles oder unter Beihülfe nervöser Mnskel-zuckungen die sogenannten Spontanfrakturen derTabikerherbei. Diese pathologische Knochenbrüchigkeit, seit 1873durch Weir Mitchell bekannt und richtig gedeutet, hatihren Lieblingssitz an den Unterextremitäten und hier vor-nehmlich an den Oberschenkeln. P. Bruns vermochte, imJahre 1882 aus der Literatur 30 Fälle zusammenzustellen.In der Mehrzahl derselben hatten sich mehrfache, 2 bis tiFrakturen nach einander an verschiedenen Extremitätenereignet. Gelegentlich beobachtete man sie gleichzeitigneben Gelenkveränderungen. So berichtet Charcot (Gazettedes hopitaux 1875) über eine 42jährige tabische Patientin,bei welcher zuerst eine Luxation des rechten, dann des linkenOberschenkels, darauf eine Fraktur des letzteren, weiterhinein Bruch des linken, demnächst des rechten Vorderarmsund endlich gar noch eine Luxation des linken Oberarmsstattfand. Die Spontanfrakturen entstehen gewöhnlich imataktischen Stadium der Tabes, in dem die Sensibilitäts-störungen meist derart sind, dass geringfügige mechanischeBeschädigungen dem Patienten ganz entgehen. 10 Jahrewaren verflossen, als im Falle LXXV1 der Kasuistik beiGelegenheit einer geringen Kraftanstrengung mit dem linkenBeine, wie die Geschichtserzählung lehrt, eine Fraktur desOberschenkels dieser Seite am grossen Rollhügel erfolgte.Die Diagnose eines Querbruchs des Femur hat freilich durcheine neuerdings (1884) vorgenommene Untersuchung eineUnterstützung nicht erfahren, sicherlich war aber der Tro-chanter major abgesprengt, da er sich deutlich unter Reibe-