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IX. Kapitel: Graue Entartung tler Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VII.
den Gedanken an vorzeitige atheromatöse Prozesse derAorta nahe. Balacakis glaubt, dass sich Aorteninsuffizienzausschliesslich bei solchen Tabikern finde, welche früheran Rheumatismus oder Lues gelitten haben. Eine ausdem Material dieses Kapitels geschöpfte Unterstützungjener Ansicht ist nicht vorhanden. Die Häufigkeitder gedachten Klappenaffektion anlangend, so warenRosenthal und Berger in der Lage, 7 Fälle kennen zulernen, während Bernhardt in seinen Beobachtungen biszum Jahre 1881 die Koinzidenz zu bestätigen keine Ge-legenheit gehabt hatte. Nach einer Aeusserung Vulpian'ssoll aber Charcot schon früher auf dieselbe aufmerksamgeworden sein. In der französischen Literatur vermochteGrasset bis 1880 15 Fälle von Tabes mit Herzleiden auf-zufinden, von denen 8 nach dem Tode anatomisch untersuchtwurden. Hierbei stellte sich 3 mal Aorten- und 1 malMitralis-]Insuffizienz heraus. Anjel, der ein diastolischesGeräusch über der Aorta bei einzelnen Tabikern nur beiBewegungen, bei anderen allerdings auch in der Ruhe hörte,stellt die A /T ermuthung auf, dass das Phänomen auf eineralienirten reflektorischen Irritabilität des Herzmuskelsberuhe, denn er hatte bei einer Anzahl von Tabeskrankennach einer anstrengenden Thätigkeit der Unterextremitätenauffällige Veränderungen in dem Tonus der Wadenmuskulaturgesehen. Einen bestimmten Aufschluss, wie gross derProzentsatz von Herzerkrankungen, speziell von Klappen-fehlern, unter den 100 Tabikern der vorgestellten Tabelleist, erhält man nicht, da die Aufzeichnungen über dasVerhalten des Gefässapparates nur auf einen kleinerenTheil der Krankengeschichten beschränkt sind. Dort, wosie vorhanden sind, rühren sie fast immer aus den inBerlin erhobenen Befunden her. Hier musste in 22 Fällen— manche Untersuchungen konnten sich aus äusserenGründen auf die Organe des Thorax nicht ausdehnen —die völlige Intaktheit des Herzens, besonders des Klappen-apparats, ausgesprochen werden. (1, VI, VIII, IX, XXXII,L, LIX, LXI, LXH, LXIU, LXIV, LXV, LXV1, LXVII,LXV1I1, LXIX, LXX1, LXXV, LXX1X, LXXXVI1,XCIV, XC1X). Im Widerspruche mit den Erfahrungenobiger Autoren, wonach unter den Herzaffektionen beiTabes die Aortenfehler am häufigsten sind, befindet sichAlbespy. Er hat in einem Drittheil der KrankheitsfälleVeränderungen an der Mitralklappe, Insuffizienz derselbenoder Verengerung des Ostium venosum sinistrum gefunden.Die Ueberzeugung, dass Rheumatismus in diesen Fällenvorangegangen sei, theilt er nicht; er hält die Aetiologiefür unaufgeklärt.
Als vasomotorische Störungen sind sowohl dassubjektive und objektive Kältegefühl, wie es besondersauffallend im XL1I. Falle hervortritt, als auch die Hyper-idrosis zu deuten, die in den Fällen XXXIII, LXV1II,LXXV, LXXV11, der Beachtung nicht entging. Für einfrühzeitiges Phänomen auf sympathischem Gebiete wird vonverschiedenen Forschern auch das Verschwinden der Fuss-
schweisse (XVIII, LXVI, LXIX) gehalten, während andereAutoren es nur für die Aetiologie 1 ) der Tabes heranziehen.Von einseitigem Schwitzen, welches E. Remak undG. Fischer beobachtet haben, sowie von partieller odertotaler Anidrosis hat das Material aus dem Feldzuge einbeweisendes Beispiel nicht beigebracht. Möglich wäre esaber, dass das im I. Krankheitsfalle unter den Symptomendes Jahres 1880/81 erwähnte periodische Oedem an denMalleolen von einer Alteration der Gefässinnervation ab-hängig gewesen sei. Ob ein ähnlicher Zusammenhang auchfür die kurz vor dem Tode konstatirte Schwellung derBeine bei dem Kranken XC11 zugelassen werden darf, istdagegen mehr als fraglich.
Unter den trophischen Störungen ziehen die der Tabeseigenthümlichen Arthropathien ihrer Funktionsbehin-derung wegen bei den Invalidenuntersuchungen die Auf-merksamkeit der Militärärzte am ehesten auf sich. VonCharcot im Jahre 1868 zuerst beschrieben, sind dieseGelenkaffektionen namentlich in Frankreich der Gegenstandeingehender Untersuchungen geworden. Dort unterscheidetman benigne und maligne Formen und versteht unter denersteren Schwellungen der Gelenke durch Ergüsse, dievollkommen aufgesogen w y erden und keinerlei Veränderungenan Knochen und Weichtheilen hinterlassen, unter den letz-teren Schwellungen der Gelenke mit späterer Deformitätderselben. Wenn auch, wie Westphal erklärt, ein Ueber-gang von der gutartigen in die bösartige Form hier undda vorkommen mag, indem durch eine häufige Wiederkehrder Anschwellungen definitive Veränderungen in den Ge-lenken hervorgebracht werden, so scheint dieser Modusdoch nicht die Regel zu sein. Wenigstens lässt er sichin jenen 18 Fällen von tabischer Arthropathie (IV, V, VII,XIII, XXV, XXVI, XXXIII, XXXVIII, XL, LV1, LVIIJ,LXIV, LXV, LXVI, LXVIII, LXXV1I,LXXIX,LXXXVII),welche die Kriegskasuistik enthält, nicht ein einziges Malnachweisen. Nach Charcot hat etwa jeder zehnte TabikerAussicht, dieser Gelenkkomplikation zu verfallen, die Bern-hardt für relativ selten hält. Der Meinung des letztge-nannten Autors widersprechen aber die Ergebnisse derUntersuchungen aus dem Feldzugsmaterial. Was die Ent-stehungsweise der malignen Art betrifft, so hat es sich alsRegel herausgestellt, dass ohne direkte Veranlassung beiungestörtem Allgemeinbefinden plötzlich ein Erguss in dasGelenk stattfindet und seine Umgebung meist auf weitereStrecken anschwillt. Die diffuse Schwellung ist hart, prall,schmerzlos und wird nach und nach ohne weiteres Zuthunrückgängig. Der Gelenkerguss bleibt jedoch Wochen,Monate lang stationär, um dann allmälig abzunehmen oderin seltenen Fällen ganz zu verschwinden. Immer aber restirteine mehr oder weniger erhebliche Gestaltveränderung undabnorme Beweglichkeit des Gelenks (Luxatio, Subluxatio).Ursache der Gelenkerkrankung ist nach Charcot's Auf-
J ) Vergl. S. 390 dieses Bandes.