Band VII.
II. Abschnitt: Krankheitserscheinungen.
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Augen sitzend die Füsse platt auf den Boden stellen odersitzend die Beine so übereinander schlagen zu lassen, dassdie Kniee sich decken, und zum Anschlagen den Perkussions-bamnier zu wählen. Wenn nicht, so lässt man den Ex-ploranden auf einem Tische Platz nehmen und den Unter-schenkel mit dem Fusse frei in der Luft pendeln oderbalancirt den Unterschenkel mit seinem ganzen Gewichteauf der in der Kniekehle untergeschobenen linken Hand.Jetzt überzeugt man sich durch Zufühlen von dem richtigenAngriffsorte und klopft mit einem kurzen Schlage desHammers die Sehne des Quadriceps an, nöthigenfalls anden verschiedensten Stellen. Mühevoller wird die Unter-suchung und das Urtheil getrübt bei Personen, welche denhemmenden Willenseinfluss zu gebrauchen vermögen undwirklich gebrauchen. Bei ihnen entscheidet man nichtfrüher, als man die Muskeln frei von dem Einfluss desWillens weiss und den Versuch häufiger wiederholt hat.Am vortheilhaftesten ist es alsdann, in horizontaler Lagedes Untersuchten bei leichter Flexionsstellung der Beineim Kniegelenke mit aufgesetzten Sohlen, wodurch diePatellarsehnen erschlaffen und die Tibia vom Femur sichentfernt, die Probe anzustellen. Dass dieselbe, um innegativem Sinne beweisend zu sein, auch bei entblösstemUnterkörper vorgenommen werden muss, liegt auf derHand. Nur das Greisenalter scheint von der allgemeinenRegel eine Ausnahme zu machen, da die Kniephänomenehier auch bei relativ gesunden Personen nicht so seltenvermisst werden. In dieser Beziehung kann Verfasser denErfahrungen von Möbius durchaus beistimmen.
Wie nicht zu bezweifeln ist, dass die Aufhebung derPatellarreflexe als erstes und einziges Symptom denBeginn der Tabes zu verrathen im Stande ist, so ist esauch gewiss, dass das Westphal'sche Zeichen längereZeit ganz isolirt im sogenannten Initialstadium fort-bestehen kann, um sich erst später mit anderen Ivrankheits-zeichen zu verbinden. Ja es ist die freilich wohl selteneMöglichkeit gegeben, dass vor Eintritt neuer Erscheinungendas tödtliche Ende erfolgt. Ein diesbeweisender Fall istvon Westphal mitgetheilt worden. Bei einem KrankenHess sich ausser völligem Fehlen des Kniephänomens an-fänglich kein objektives Zeichen eines Leidens des Nerven-systems konstatiren. Erst zwei Jahre später wurde dieDiagnose einer spinalen Erkrankung durch den Beginneiner doppelseitigen Opticusatrophie wahrscheinlicher ge-macht. Abermals zwei Jahre darauf starb Patient in eineminaniakalischen Grössendelirium, nachdem sich in derZwischenzeit bei Fortbestand des bezüglichen Reflex-verlustes weder Ataxie noch Gehstörungen, noch Schmerzeneingestellt hatten. Nur die Entleerung der Blase sollteleichtere Störungen gezeigt haben. Bei der Sektion ergabnun die mikroskopische Untersuchung eine Degenerationder Hinterstränge, durch die ganze Länge des Marks sicherstreckend und von verschiedener Verbreitung. Auch diefortgesetzte klinische Beobachtung solcher Personen, welche
Sanitäts-BericM über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
ohne nachweisbare andere Erkrankung kein Kniephänomengehabt haben, vermochte die schon friüizeitig von West-phal ausgesprochene Vermuthung, dass es sich dann umTabes handle, zu einer wissenschaftlichen Thatsache zuerheben. Eine passende Gelegenheit, diese Thatsache durchneue Erfahrungen zu bestätigen und zu bekräftigen, bietetsich in den Militärverhältnissen, in welchen der Gesundheits-zustand einzelner Soldatenklassen auf eine Reihe von Jahrenleichter als sonst zu überwachen ist.
Die Diagnose der Tabes im neuralgischen Stadiumstiess vor der Westphal'schen Entdeckung häufig aufdie grössten Schwierigkeiten. Mögen die lanzinirendenSchmerzen auch durch ihre Verbreitung, ihre Abhängigkeitvon atmosphärischen und anderen Schädlichkeiten, ihrperiodisches Auftreten, ihre wechselnde Lokalisation Ver-dachtsmomente genug bedingen, charakteristisch für Tabessind sie nicht, sie kommen vielmehr auch ohne tabischenUrsprung nicht selten vor. Bewiesen wird die tabischeHerkunft erst mit dem Nachweis des Westphal'schenZeichens. Dafür sind die bisherigen Erfahrungen ent-scheidend. Aehnlich verhält es sich auch mit allen übrigenbekannten Einzelsymptomeu, da sie für die Frühdiagnosenur im Verein mit dem Fehlen der Sehnenreflexe positiveSchlüsse erlauben. Die Sätze Raynaud's, wonach - derblosse Ausfall des Patellarsehnenreflexes nicht, eher nochfür sich allein das periodische Auftreten von lanzinirendenSchmerzen mit umschriebener Hauthyperästhesie und ein-seitiger Mydriasis spastica zur Diagnose genügt, und wonachder Verlust der Sehnenphänomene erst dann für eine früh-zeitige Erkennung der Tabes zu verwerthen ist, wenn ermit temporärer Diplopie oder mit Pupillenstarre, mitMyosis, mit progressiver Sehnervenatrophie oder mit lan-zinirenden Neuralgien, mit diffuser Analgesie an den Glied-maassen erscheint, kehren die Thatsachen um.
Selbst ein ganz abgerundetes Krankheitsbild nach demfrüheren Schema bewahrte vor lrrthümern nicht. So zogsich der Wehrmann 0. während des Krieges bei nasserWitterung auf Vorposten eine Erkältung zu. Die Folgedavon war, dass er Kreuzschmerzen, Ziehen und Kälte-gefühl in den Beinen bekam. Trotz passender Pflegebesserte sein Zustand sich nicht, der Kranke musste viel-mehr nach monatelanger Behandlung invalidisirt werden.Nach der Schilderung Nothnagel's waren vorhanden:Gürtelgefühl, Kreuzschmerzen, blitzende Schmerzen in denUnterextremitäten, ataktischer Gang und herabgesetzte Sen-sibilität, ein Symptomenkomplex, der ihn bewog, die Krank-heit ausdrücklich als Tabes zu bezeichnen. Ein Schlagauf die Patellarsehnen und die Kenntuiss von der Bedeutungdes Erfolgs hätte den Glauben au diese Diagnose mindestensstark erschüttern müssen. Bei einer im Jahre 1878 vor-genommenen Untersuchung zeigte sich denn auch, dass derKranke an multipler Sklerose litt. Die Patellarreflexewaren bedeutend verstärkt, es bestanden Muskelkontrakturenin den Flexoren der Unterschenkel, beiderseits Fuss-
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