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IX. Kapitel: Graue Entartung der Rinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VIT.
ZAveiter Abschnitt.Krankheitserscheinungen.
Um typisch genannt zu worden, muss heutzutage einTabesfall das Westphal'sche Zeichen an sich tragen.So (signe de Westphal) haben, dem Deutsclien Entdeckerzu dauernder Erinnerung, zuerst die Franzosen den Aus-fall der Patellarsehnenreflexe kurz bezeichnet. Die Be-deutung dieses negativen Symptoms, dessen weitreichenderWerth von allen Neuropathologen einstimmig anerkanntwird, ist aber — wie eine Durchsicht der zahlreichen, vonMilitär- und Civilärzten über Invalide aus dem Deutsch-Französischen Kriege ausgestellten Atteste deutlich er-kennen lässt — trotz seiner zehnjährigen Bekanntschaftnoch keineswegs Gemeingut der gesammten ärztlichen Weltgeworden.
Und doch giebt es kein zweites diagnostisches Merk-mal, welches dem von Westphal gefundenen auch nurannähernd an Werth gleich käme. Sensibilitätsstörungenund Ataxie, Ermüdungsgefühl und Muskelspasmen, Pupillen-veränderungen und Doppeltsehen, lntestinalbeschwerdenund Incontinenz sind Einzelerscheinungen, die für sichallein und gemeinsam miteinander die graue Degenerationan den Hintersträngen wohl mehr oder minder wahr-scheinlich machen, aber nie mit Sicherheit beweisen können.Erst der Verlust des Kniephänomens stempelt die Sym-ptome zu tabischen und setzt die anatomische Läsion ge-wisser Bezirke des Lendenmarks ausser jeden Zweifel.
Durch seine Konstanz nimmt das Westphal'scheZeichen unter allen objektiven Symptomen den ersten Platzein. Bernhardt notirte es in 95.6$, oder, wenn er daseinseitige Fehlen des Patellarreflexes mitrechnete, in 100$der Fälle, während Ataxie nur in 94.i, Ermüdungsgefühlin 92.o und Sensibilitätsstörungen in 85.9 $ vorhanden waren.Als einen überaus häufigen, um nicht zu sagen konstantenBefund, jedenfalls aber als einen konstanteren als alleübrigen bisher bekannten Symptome der Tabes wies esauch Erb nach. Jeder unbefangene Kritiker hat sich mit ge-ringen Einschränkungen in demselben Sinne ausgesprochen,und alle Bemühungen, hier und da einen Fall mit erhaltenemKniephänomen zu beschreiben, können einzig und alleinals ein erneuter Hinweis auf die bereits bekannte That-sache aufgefasst werden, dass nicht jede Tabes in ihremBeginne und Verlauf den üblichen Typus innezuhalten ge-zwungen ist.
Da das Westphal'sche Zeichen ausserordentlich frühaufzutreten pflegt, so gewinnt es, wie Erb erklärt, eineganz enorme und fast pathognostische Bedeutung für diefrühzeitige Diagnose der Tabes. Auch das ist eine all-gemein anerkannte Wahrheit, von der es nur wenige Ab-weichungen giebt, welche, als Raritäten für den Fachmannwohl von Interesse, das Gesetz nicht erschüttern können.Vorhanden ist das Kniephänomen natürlich dann, wenndie tabische Erkrankung gegen ihre Gewohnheit an einerandern Stelle als im Lendenmai'k beginnt und letzteresnoch nicht in Mitleidenschaft gezogen hat, denu der Mangeldes Patellarsehnenreflexes beweist gegebenen Falls nichtsAnderes, als dass die Hinterstrange des Lendenmarks inihren äusseren Abschnitten affrzirt sind. Daraus folgt,dass auch ein primärer Prozess im Lendenmark erst dannden Verlust des Kniephänomens bedingt, wenn er auf dieäusseren Partien der Bur dach'sehen Keilstränge über-gegriffen hat. Fälle von Tabes, in denen Sensibilitäts-störungen und Ataxie der Einbusse des Patellarsehnen-reflexes voraufgingen, wie sie von E. Remak, M. Buch,Becher u. A. beschrieben sind, finden vielleicht in diesenUmständen hinreichende Erklärung.
Dadurch, dass das Westphal'sche Zeichen bei Ge-sunden wahrscheinlich niemals beobachtet wird, machtes, wenn andere Gründe für sein Vorhandensein nicht vor-liegen, den Untersuchten der Tabes verdächtig. Es wirdzwar von verschiedenen Seiten angegeben, dass auch beiganz gesunden Personen das Phänomen hin und wieder (biszu 5$) wahrzunehmen sei, allein Westphal, Lewinskyu. A. konnten diese Angaben nicht bestätigen. Ueberdiesrühren viele Mittheilungen aus einer Zeit her, in welcherauf die verschiedenen Fehlerquellen bei der Untersuchungdie Aufmerksamkeit noch nicht gerichtet war. Allmälighat sich herausgestellt, dass lange und schlaffe Sehnen, eineübermässig breite Insertion an der Tuberositas tibiae, starkesFettpolster und sehr kurze Patellarsehnen den Nachweisdes Reflexes sehr erschweren, ja unmöglich machen können.Auch die Methoden der Untersuchung selbst wollen erlerntund geübt sein. Man muss wissen, dass die Reflexe durchkrampfhafte Beugung oder Streckung des Unterschenkelswillkürlich zu unterdrücken sind, und nicht so selten wieManche glauben. In der Regel genügt es, bei geschlossenen