^"'^■■^"•^y
394
IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VII.
phänomen, halbseitig herabgesetzte Hautsensibilität, In-tentionszittern, skandirende Sprache, Schwindel und heftigeKopfschmerzen, geringe Ataxie in den Unterextremitäten.In der Folge traten noch Anfälle von Bewusstlosigkeit undparadoxe Muskelkontraktionen an den Unterschenkeln undFüssen auf. Um Wiederholungen zu vermeiden, sei nurnoch eines zweiten Falles gedacht, der zugleich durch denaugenblicklichen Befund von grossem Interesse ist. Erbetrifft den ehemaligen Gefreiten F. A., von ProfessionFuhrmann, bei Ausbruch des Krieges 26 Jahre alt. Auchdieser Kranke war vielen Erkältungen und Durchnässungenausgesetzt, fing an über Schmerzen im Kreuz, den Knie-gelenken, desgleichen über Ermüdungsgefühl zu klagen undmusste der Lazarethbehandlung übergeben werden. SeinZustand verschlimmerte sich aber, weniger hinsichtlich derSchmerzen, welche überhaupt stets von untergeordneterBedeutung waren, als hinsichtlich der Unsicherheit imGehen. Die Gangart wurde tappend, die Füsse fielen schwernieder, das Umdrehen war erschwert, beim Schliessen derAugen drohte Patient zu fallen, zuweilen wurden die Unter-schenkel so geschleudert, als ob sie gekreuzt werden sollten.Endlich fiel auch eine Unbeweglichkeit der Pupillen beiLichteinfall und Beschattung auf, die faradische Muskel-erregbarkeit war nicht herabgesetzt. Patient, von einigen,in der Neuropathologie wohlbewanderten Aerzten besichtigt,wurde für einen Tabiker gehalten und invalidisirt. DieUntersuchung des Kniephänomens hätte unzweifelhaft auchhier eine andere Diagnose ergeben. Im Jahre 1879 erinnertdas ganze Krankheitsbild nicht mehr an Tabes. Der grosseund kräftig gebaute Mann ist ständig bettlägerig. Die Beinestehen im Knie in starrer Flexionsstellung und lassen sichauch passiv nur wenig unter heftiger Schmerzempfindungstrecken. Beide Füsse befinden sich in Varusstellung, derlinke mehr als der rechte. Ein am Unterschenkel starkhervorspringender Wulst zeigt den kontrahirten m. tibialisanticus an. Die Fussgelenke sind völlig unbeweglich, diegekrümmten Zehen können passiv unter Schmerzen grade ge-richtet werden (siehe Tafel VII, Figur 1 und 2). Ein leichtesBeklopfen mit dem Finger löst von den Quadricepssehneneinen heftigen Reflex aus, der sich auch dem Oberkörperund den Armen mittheilt. Die Oberschenkel sind adduzirt.Versucht Patient mit Unterstützung von zwei Personen aufdem äusseren Fussrand zu stehen, so treten ausserordentlichheftige Zuckungen, zunächst in den Beinen, dann in denArmen und am Rumpfe auf. Auch der Kopf wird hin undher geschleudert. Beim Schliessen der Augen im Bettefängt der ganze Körper an zu schwanken, der Kopf zittert.Grobe Kraft an den Händen vermindert. Armbewegungenfrei. Sehnenreflexe vom Triceps aus äusserst lebhaft. KeineVeränderung des Temperatursinns. Kopf und Spitze einerNadel werden überall gut unterschieden und richtig lokalisirt;beim Berühren mit rauhen und glatten Gegenständen sinddie Angaben unsicher. Keine trophische, keine Blasen- nochDarmstörungen, gut erhaltene Potenz. Pupillen von mitt-
lerer Weite, gleicher Grösse, auf Lichteinfall reaktionslos.Der Beschreibung nach handelt es sich um einen Fall vonspastischer Spinalparalyse, welcher durch die Pupillen-phänomene ein ungewöhnliches Verhalten darbietet.
Für den Militärarzt, welcher über Invalidität undErwerbsfähigkeit der Soldaten verantwortlich urtheilen soll,ist die Tragweite der Westphal'schen Entdeckung eine be-sonders grosse. Das Prodromalstadium der Tabes, häufignur durch geringe, nicht einmal kontinuirliche subjektive Er-scheinungen charakterisirt, überdauerte, ohne die Arbeits- undErwerbsfähigkeit wesentlich einzuschränken, nicht selten denvier- bezw. fünfjährigen Zeitraum, welchen das Gesetz alsPräklusivfrist zur Anmeldung von Versorgungsansprüchenauf Grund innerer, im Kriege erlittener Dienstbeschädigungfestsetzte. Die Geringfügigkeit der Beschwerden hieltManchen ab, um Invalidenbeneiizien vorstellig zu werden.Andererseits mussten sich unbestimmten Klagen gegenüber,welche kein nachweisbarer Befund unterstützte, die Militär-ärzte offenbar vorsichtig verhalten. In dem leider erst nachAblauf der Präklusivfrist bekannt gewordenen Westphal-schen Zeichen ist ein objektives Kriterium, leicht zuerlernen und leicht zu handhaben, gefunden, welches be-absichtigter Täuschung den Weg verlegt, denn die willkür-liche Unterdrückung des Kniephänomens ist ungleich mühe-loser und sicherer zu erkennen, als die Simulation vonEmpfindungs- und Bewegungsstörungen.
Die hauptsächlichsten Einwendungen gegen die West-phal'sche Lehre sind schon angedeutet und brauchen andieser Stelle nicht weiter ausgeführt zu werden. Sie be-stehen wesentlich darin, dass ausnahmsweise ein voll aus-gebildeter oder ein in der Entwickelung begriffener Fallvon Tabes deutliche Sehnenphänomene erkennen Hess. Dies-seitigen Wissens haben aber pathologisch-anatomische Un-tersuchungen, welche in diesen Fällen über die Ausdehnungdes Prozesses, besonders über seine Verbreitung auf dieäusseren Partien der Hinterstränge hätten Auskunft gebenkönnen, bis jetzt nicht stattgefunden. Die Feldzugskasuistikhat es nach Möglichkeit zu vermeiden gesucht, diagnostischunsichere Krankengeschichten aufzunehmen. Alle nur biszur Mitte der 70 er Jahre fortgeführten Beobachtungenberücksichtigen aber selbstverständlich die Sehnenreflexenicht, während die späteren fast sämmtlich auf das West-phal'sehe Zeichen untersucht wurden, sodass unter 63 derGesammtzahl positive Angaben vorliegen. Dem Falle XIIIkonnte die Aufnahme nicht versagt werden, obwohl imJahre 1884, also 14 Jahre nach dem präsumptiven Krank-heitsbeginn zufolge den Angaben des untersuchendenArztes die Patellarreflexe schwach vorhanden gewesen seinsollen. Für solche Fälle ist es zu bedauern, dass überdie Explorationsmethode nichts gesagt wird, da ja immernoch der Reflexvorgang von der Haut ausgelöst sein konnte,eine Fehlerquelle, auf welche Westphal wiederholt hin-gewiesen hat. Im Uebrigen sprechen die Sensibilitäts-störungen, die Ataxie, die Reaktionslosigkeit der Pupillen