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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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IX. Kapitel: Grane Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)

Band VII.

Mitzartige Schmerzen schon vor der Verletzung in Folgeder Durchnässungen und Erkältungen in den Biwaks vor-handen gewesen. Eine traumatische Tabes wird vielleichtdadurch nahe gelegt, dass die Symptome der Strangsklerosehauptsächlich links, dem Sitze der Verwundung ent-sprechend, ausgebildet waren. In den beiden letzten Fällen(LXXXV und XC1) kam möglicherweise eine direkteVerletzung der Wirbelsäule in Frage. Hauptmann v. M.,bis zur Stunde der Verwundung angeblich ohne Be-schwerden, erkrankte nach der Wundheilung unter Klagen,die als Ausdruck der beginnenden Tabes gedeutet werdenmüssen; Hauptmann IT., welcher im Jahre 1866 ein nervösesFieber überstanden hatte, zeigte später offenbar als Folgeder Verletzung eine Kyphoskoliose. Von Difformitäten derWirbelsäule, die Eulenburg als lokal mechanisch wirkendeSchädlichkeiten den Traumen anreiht und bei 125 untersuchtenKranken 4mal fand, ist im Uebrigen nur noch im LXL Falletwas zu lesen. Aus der vorstehenden Auseinandersetzungsieht man, dass ein Trauma in den Feldzugsberichtenselten allein, häufiger neben anderen Momentenals Ursache der Tabes beschuldigt wird.

Zu den der Gesundheit nachtheiligen Einflüssen,welche das Kriegsleben in unmittelbarem Gefolge hat,gehören vor Allem die Erkältungen und Ueberan-strengungen. Den gefährlichen Einfluss der Kälte aufdie Tabesfrequenz glaubt Rosenthal schlagend beimMilitär nachweisen zu können. x So kamen, sagt er, imLützow'schen Korps, nach den Mittheilungen der Aerzteaus jener Zeit, viele Fälle von Tabes vor, auch ist nuraus authentischer Quelle bekannt, dass nach dem Feldzugein Ungarn, während des strengen Winters im Jahre 1S49unter den Soldaten Erkrankungen an Tabes auffällig häufigaufgetreten waren. In mehreren von uns beobachtetenFällen zeigte sich die Tabes von jener Zeit an, als diekampferhitzten Truppen bei Königgrätz ins Wasser ge-drängt wurden und in durchnässten Kleidern lange umher-irren mussten. In anderen Fällen waren es auf denMexikanischen Hochebenen den Gluthen des Tages aus-gesetzte Soldaten, die in ihrem Biwak auf feuchtem Bodenund in kalter Nachtluft, von dem frostigen NNO-Windeder Tierra caliente häufig überfallen und kurz darauf vonden eisten Symptomen der Tabes beschlichen wurden."Von Leyden wird die Erkältung als die hauptsächlichsteUrsache der Tabes hingestellt, was vor ihm schon Hassebehauptet hatte. Auch Berger, E. Remak verhieltensich früher zustimmend. Trotz des Bestrebens, der Syphiliszu ihrem Rechte zu verhelfen, musste auch jüngst nochEulenburg unter 125 Fällen 48 mal das Erkältungs-moment anerkennen. Fast einmüthig ist man dabei derAnsicht Rosenthal's, dass durch die im Soldatenstandeunablässig einwirkenden atmosphärischen Schädlichkeiteneine ungewöhnliche Häufigkeit der Tabes in derArmee bedingt werde,

Die umfangreichen Erhebungen, welche nöthig ge-worden sind, 100 aus dem Feldzuge 1870/71 stammendeTabesfälle in obiger Form zu ordnen, erscheinen nichtdazu angethan, in das allgemeine Urtheil einzustimmen,besonders wenn man erwägt, dass bei einer ganzen Anzahlunter ihnen die zeitliche Entwickelung der ersten Er-scheinungen nur aus den Angaben der Kranken hergeleitetist. Das Bestreben der Leute, ihre Gebrechen auf einenmitgemachten Feldzug zurückzuführen, ist ein leicht er-klärliches und natürliches. Das Kriegsleben und diewährend desselben erduldeten Durchnässungen, Erkältungen,körperlichen und geistigen Ueberanstrengungen schuldigten,mit Ausschluss der syphilitischen Individuen 57 Kranke, alsoetwas mehr als die Hälfte, an. Dem Verständniss der Laienlag es dabei näher, die Hauptschuld durchweg denWitterungseinflüssen auf Märschen und in Biwaks bei-zumessen, die forcirten Märsche, die Anstrengungen imVorposten- und Belagerungsdienste hingegen ausser Achtzu lassen. In zwei Fällen (XV und LXVI) brachten diePatienten unaufgefordert die Entstehung des Leidens mit derUnterdrückung von Fussschweissen in Verbindung,ein Moment, welches in der Aetiologie der Tabes fast inVergessenheit gerathen ist, obwohl Hasse es für einwesentliches hielt.

Durchsichtiger erscheinen bezüglich ihrer Herkunftdiejenigen Krankheitsfälle, deren ersten Symptomen eineeinmalige Schädlichkeit der letztgedachten Art unmittelbaroder ganz nahe voraufgegangen war. Die Kasuistik desFeldzugs ist daran überreich, denn es können ihrer 19(VI, VIT, IX, XVIII, XXII, XXIII, XXVII, XXXIV,LIII, LV, LVII, LXIX, LXXI, LXX1II, LXXV, LXXX1II,LXXXIX, XCII1, XCIX) gezählt werden. Ein nasseskaltes Biwak und gleich hinterher die ersten rheumatoidenSchmerzen, wie im Fall IX, ein anstrengender Marsch beiGewitterregen und kurz darauf die heftigsten Schmerzanfälle,wie in den Fällen XVIII und XCIX, ein Sturz ins Wasserund alsbald danach dieselben charakteristischen Anfangs-symptome (XXII und XXIII), eine einmalige Durchnässungoder Erkältung im Schneegestöber, im Lager, auf Feld-wache (VI, VII, XXVII, LIII, LV, LVII, LXIX, LXXI,LXX1II, LXXV, LXXXIII, LXXXIX, XCTI1) dürftendem strengsten Skeptizismus gegenüber wenigstens das be-weisen, dass es erkennbare Gelegenheitsursachen giebt,welche den Beginn der Krankheit einleiten.

Als direkte Vermittler des anatomischen Prozessesdie angedeuteten atmosphärischen Schädlichkeiten anzu-sprechen, könnte immer noch Bedenken erregen. Jeden-falls gehört zum Wirksamwerden derselben in den meistenFällen ein Lebensalter, das, wie oben auseinander gesetzt,der allgemeinen Krankheitsstatistik zu Folge hauptsächlichzur Tabes disponirt ist. Das geht daraus hervor, dass inden bezüglichen 19 Fällen der Krankheitsanfang in dasAlter von 20 bis 25 Jahren 3 mal, von 25 bis 30 Jahrendagegen 5 mal, von 30 bis 35 sogar 7 mal und von