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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.]

Band VII.

zu Grunde zu legen. Dass mit der Beseitigung der zurZeit bekannten Krankheitssymptome der Tabes aber auchder anatomische Prozess in den Hintersträngen rückgängiggeworden sei, lässt sich dann immer noch bestreiten. Mankann sich denken, ja mit einigem Kechte vermuthen, dassdie Semiotik der Tabes noch nicht abgeschlossen ist. Wieerst seit wenigen Jahren das Westphal'sche Zeichen alseinziges objektives Symptom den Fortbestand der anatomi-schen Veränderung zu sichern vermochte, so giebt emsigesStudium, ein glücklicher Zufall dem Arzte vielleicht garbald ein noch feineres Kriterium in die Hand. Aus dieserUeberlegung erklärt sich das berechtigte Verlangen, dieEntscheidung über die Heilung eines Tabeskranken vonihrer Dauer abhängig zu machen. Möglich und den ge-fundenen Thatsachen nicht widersprechend wäre aber auchdie Voraussetzung, dass mit Wiederkehr der Sehnen-phänomene und der Pupillarrenexe, falls sie als die ein-zigen Krankheitserscheinungen zuletzt bestanden hätten, derkrankhafte Prozess in anatomischem und klinischem Sinneals geheilt bezeichnet werden dürfte.

Wie oft eine spezifische Behandlung bei den Tabikernaus dem Feldzuge zur Verwendung kam und in welcherForm, ist aus den Akten nicht zu ersehen. Auchanamnestisch liess sich bei etwa der Hälfte der Fälle mitSicherheit hierüber nichts feststellen. Es bleibt somit nurdarauf hinzuweisen, dass im Falle XCVII durch eine strengeInunktionskur alle tabischen Symptome eine wesentlicheVerschlechterung erfuhren. Die unter No. XXV, XL1V undLXXXIX aufgeführten Kranken gebrauchten Jodkalium, einVerfahren, welches in der ihm beizulegenden Bedeutung alsein spezifisches nicht gelten kann. Fournier, Reumont,Alt haus waren in der Lage, eine sehr kleine Zahlvon Heilungen und Besserungen der Tabes durch merkurielleTherapie aus der Litteratur zusammenzubringen, welchenicht immer den erforderlichen Grad von Beweiskraft be-sitzen. Unter den Deutschen Autoren hat gegebenen Falls einegegen die Infektion gerichtete Therapie in Erb und Bergerwarme Fürsprecher. Westphal kennt bei reicher Erfahrungkeinen einzigen Fall von Heilung durch spezifische Kuren,Leyden will nichts von ihnen wissen, Rosenthal sahdurch längere merkurielle Behandlung auffällige Ver-schlimmerung der tabischen Beschwerden die Mehrzahlder Sachverständigen ist überhaupt darüber einig, dasseine derartige Therapie in der Regel gar keinen, hierund da einen verschwindend geringen, zuweilen einenschlechten, vielleicht ebenso oft einen verbessernden undhöchstens nur ausnahmsweise einen heilenden Erfolg ge-habt hat.

Symptomatologische Gesichtspunkte, welche die spe-zifische Tabes kennzeichnen sollen, sind zwar von Fournierangegeben, aber anderwärts nicht bestätigt. Gemeinschaft-liche Charakterzüge trugen auch die Fälle aus dem Feld-zuge, welche konstitutionell Erkrankte betrafen, nichtan sich. Relativ oft konstatirte man bei ihnen Augen-

muskellähmungen und Gelenkaffektionen (je 5 Fälle unter 7).Apoplektiforme Anfälle wurden 2 mal, psychische Störungenebenso häufig, darunter lmal von kurzem Bestände, lmalin Paralyse übergehend, beobachtet. Bei drei syphilitischenTabikern konnten Schwerhörigkeit und bei zwei, unab-hängig von Gelenkerkrankungen, KnochenveränderungenBrüchigkeit und Nekrose die einzigen ihres Gleichenin der Kasuistik, nachgewiesen werden.

Nach alledem lässt sich zur Zeit über die gemein-schaftlichen Beziehungen von Tabes und Lues nur dassagen, dass in der That beide Krankheiten oftnebeneinander bestehen und unter gewissen Um-ständen von einem Arzte häufiger als von dem an-deren zusammen betroffen werden, dass aber eindirektes kausales Verhältniss der Lues zur Tabesdurch genügende klinische Thatsachen nicht er-härtet und durch die pathologisch-anatomischenUntersuchungen nicht wahrscheinlich gemacht ist.

Hiermit ist keineswegs ausgesprochen, dass luetische In-fektion bei der Entwickelung von Tabes vollkommen gleich-giltig bleiben müsse. Wenn es wahr ist, dass Erschöpfungs-zustände, mögen sie eine Ursache haben, welche siewollen, eine angeborene nervöse Reizbarkeit erhöhen odereine Schwäche des Nervensystems anerziehen und hierdurchprädisponirend auf eine positive Erkrankung desselbenwirken, so liegt kein Grund vor, die Lues aus denHilfsfaktoren der Tabes zu streichen. Sie ist alsdannin eine Kategorie zu stellen mit allen schwächendenKrankheiten, rasch oder langsam entstehenden Kachexien,ausschweifender Lebensweise. Da erfahrungsmässig durchübermässigen und forcirten Quecksilbergebrauch schwereDyskrasien sich ausbilden können, so wäre zu untersuchen,ob und in welchem Verhältniss dies Moment mehr oderweniger prädisponire, als die spezifische Erkrankung selbst.In zwei Fällen schienen, sagt M. Rosenthal, drastischeSchmierkuren und die nachherige Schwächung des Orga-nismus den Keim zur Tabes gelegt zu haben.

Auf den in die Rekonvaleszenz akuter Krank-heiten fallenden Beginn der Tabes ist schon im VI. Kapiteldieses Bandes hingewiesen. Nach Typhus und Ruhrwurden je 2 Fälle beschrieben.') Der Unsicherheit über dieFrage der ersten Anfänge der Rückenmarkskrankheit warehemals kaum zu begegnen, und es liess sich keineswegsentscheiden, ob die Tabes wirklich als Nachkrankheit auf-gefasst werden musste. Bei der Sammlung des Materials zudiesem (IX.) Kapitel sind noch drei Fälle (XXXI, LXX1Yund LXXXV1I) hinzugekommen, deren Initialsymptomenachweislich in der Genesungsperiode der Ruhr, resp. desTyphus lagen. Als Typhusrekonvaleszent war ferner derKranke in No. LXXXI, bei welchem sich im Januar 1871die ersten Symptome des neuen Leidens zeigten, in denKrieg gegangen. Auf ihn hatten dieselben Erkältungen

!) Vergl. S. 224 und 238 dieses Bandes.