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IX. Kapitel: Graue Entartung der Ilinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VII.
Jahre und wegen des Mangels an Einsicht in die Ver-hältnisse des bürgerlichen Lebens der Eeservisten undWehrleute durch glaubwürdige Ermittelungen über dasFreibleiben oder das Befallensein der Invaliden von lueti-schen Krankheiten nicht vervollständigt werden. So istes gekommen, dass unter den 100 tabellarischen Fällenmir 67 mal theils auf den Angaben der Kranken, theilsauf diesen und der objektiven Wahrnehmung, häufig zu-gleich auf dienstlichen Recherchen beruhende Auskunft übervorhandene Lues gegeben wird. Unter diesen 67 Krankenwaren 50 von allen virulenten Affektionen freigeblieben;an Gonorrhöe hatten 7 (I, XVII, LVII, LXVII, LXX,XCVUI, XC1X) gelitten; an Gonorrhöe und Ulcus molle 2(VIII, XIV); nur an Ulcus molle gleichfalls 2 (XVII, XXV);an Syphilis 6 (XXVI, LX1V, LXVIII, LXXVI, LXXXVII,XCVI1). Als nicht ganz zweifelsfreier Natur könnte viel-leicht die Affektion im Falle XV11 angesehen werden, dahier Pillen, vermuthlich Quecksilber enthaltend, therapeutischzur Verwendung kamen. Theils Unsicherheit in der Diagnose,theils Mode hatten bekanntlich früher und haben noch heuteunnöthig häufig eine Quecksilbertherapie zur Folge. Dasssie auch bei diesem Kranken gegen ein Ulcus molle in-stituirt sei, lässt sich fast aus der schnellen Heilungverinuthen. Rechnet man den Fall aber den spezifischenbei, so würden unter 67 Tabikern 7 Kranke mit Lues zuzählen sein. Davon kommen 2 (LX1V, LXXXVII) für dieAetiologie der Hinterstrangsklerose ganz in Wegfall, weildie Infektion nach Ausbruch der Tabes in die Zeit ihresersten Stadiums fiel, allerdings unter der Voraussetzung,dass die aufgezählten primären Erscheinungen wirklich Pro-dukt« der Rückenmarksaffektion waren. Mithin beträgtder Prozentsatz der Tabiker, bei welchen mög-licherweise eine luetische Prädisposition vorlag,7.46 #. Da Gonorrhöe und sogenannte einfache oder weicheGeschwüre für mitwirkende Ursachen der Tabes vorläufignicht gehalten werden können, so ist es überflüssig, daraufhinzuweisen, dass auch in den Fällen XIV und XVII dieNervenerkrankung das Primäre war.
Die Feldzugsstatistik bestätigt also nicht den AusspruchErb's, „die höchst merkwürdige Erscheinung, dass, wenngrössere gleichartige Menschenmengen (z. B. Soldaten imFelde oder beim Manöver) gleichzeitig einer und derselbenSchädlichkeit z. B. Erkältung und Strapazen ausgesetztwerden, immer und fast ausschliesslich nur diejenigen(an Tabes) erkranken, welche früher infizirt gewesen sind."Es verlohnte sich wohl der Mühe, dieser mit so grosserSicherheit vorgetragenen, in militärärztlichen Kreisen imAllgemeinen nicht anerkannten Behauptung, auch soweitsie das Soldatenleben im Frieden betrifft, durch dienst-liche Erhebungen auf den Grund zu gehen.
Aus den Worten des genannten, um die Nervenpatho-logie so hoch verdienten Gelehrten geht hervor, dass erunter Umständen ausser der vorangegangenen Infektion nochGelege nheitsur sacheu für den Ausbruch der Krankheit
anerkennt. Die Hauptbedeutung liegt aber nach ihm inder Syphilis, ohne welche die Erkältung, die Strapazenunwirksam geblieben wären. Auch hält er es für wahr-scheinlich, dass die Tabes eine spezifische Erkrankung, einespäte Manifestation der Lues sein kann und vielfach ist.Mehr im vermittelnden Sinne behaupten Andere, dass diekonstitutionelle Erkrankung den Organismus schwäche, dieWiderstandsfähigkeit herabsetze und so in ähnlicher Weiseprädisponirend wirke, wie viele andere in der Aetiologie derTabes bekannte Momente. Möbius glaubt, dass von zweiInfizirten hauptsächlich derjenige am ehesten von der Tabesbedroht werde, welcher neuropathisch belastet sei. Ineiner Sitzung der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie undNervenkrankheiten sprach sich E. Reinak daliin aus, dasszwar ein Drittheil der Tabiker luetisch sei, dass aberErkältung, Trauma und Schreck eine ebenso grosse Rollespielen. Ein Soldat, welcher sich nach dem Feldzuge von1866 infizirt hatte und 1870 zu neuen Kriegsdiensteneingezogen war, kam später als Tabeskranker in die Be-handlung Bernhardt's. Patient hatte im Winter 1870,71stundenlang „ohne Sohlen auf den Füssen", um seineneigenen Ausdruck zu gebrauchen, im Schnee herumlaufenmüssen, und Bernhardt gewann die Ueberzeugung, „dassin diesen und ähnlichen Fällen die Ueberanstrengung, dieDurchnässung und Erkältung gegenüber der syphilitischenInfektion von entschieden hervorragender Bedeutung war".Auch von Eisenlohr, der 60 § (30 §) luetischer Tabikerunter seinen Kranken zählte, werden andere Schädlichkeitennicht ignorirt. Berger und Benedict legen das Haupt-gewicht bei der Entstehung der Tabes wieder auf die Lues.Dasselbe thut mit gewissen Einschränkungen, je nach demUmfang ihres Krankenmaterials und je nach dem Ausfallder Anamnese, noch eine ganze Reihe in- und ausländischerAutoren, auf deren Einzelberichte einzugehen hier nichtam Platze erscheint.
Von Anfang an erklärte Gegner der neuen Lehre imSinne Fournier's und Erb's waren in DeutschlandWestphal und Leyden. Westphal vermochte schon imJahre 1880 über 16 Sektionsergebnisse von ihm behandelterTabeskranker Bericht zu erstatten. Es ergab sich nureinmal ein für Lues unzweifelhafter Befund, ein zweitesMal war derselbe unsicher, in allen anderen Fällen liefertedie anatomische Untersuchung der inneren Organe negativeResultate. Westphal kommt dann in seiner Arbeit überdie Beziehungen der Tabes zur Syphilis zu dem Schlüsse,dass bisher die ätiologische Relation dieser beiden Krank-heiten zu einander weder auf klinischem, noch auf ana-tomischem Wege nachgewiesen oder auch nur wahrschein-lich gemacht worden sei, und dass die bisherigen statistischenErfahrungen ein Urtheil nach dieser Richtung nicht ge-statten. Die Argumente Leyden's fussen besonders aufden Mängeln der Statistik, der absoluten Verschiedenheitder strangförmigen Sklerose von den als sicher konstatirtenFormen spezifischer Erkrankung des Nervensystems und der