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IX. Kapitel: Graue Entartung der Hinterstränge. (Tabes dorsalis.)
Band VII
Vorbemerkung.
Die vorangestellten 100 Fälle von Tabes sind denInvalidenlisteu entnommen. Drei unter ihnen haben bereitseine literarische Verwendung gefunden, hauptsächlich aufGrund seltener und eigenartiger Krankheitserscheinungen.Den einen beschrieb kürzlich Eulenburg wegen seinerKomplikation mit progressiver Muskelatrophie, Krönigden andern mit Rücksicht auf die nach einem Trauma ent-standene Spondylolisthesis, zumal die so bezeichnete Wirbel-verschiebung bei Männern vordem überhaupt nur zweimal,bei Tabikern aber bisher gar nicht bekannt geworden war.Den dritten nahm G. Fischer in seinen zur Symptomato-logie der Tabes gelieferten Beitrag auf, weil er neben derDoppelempfindung iin Sinne E. Remaks in ausgezeichneterWeise Doppelreflexe, und zwar einen Berührungs- undeinen Schmerzreflex, zeigte. Abgesehen hiervon kann esbei dem üblichen Umherirren der hilfesuchenden Rücken-markskranken kaum einem Zweifel unterliegen, dass in denwährend der letzten Jahre in so umfangreichem Maasseauf die Aetiologie dieser Erkrankung gerichteten und ver-öffentlichten Zahlenerhebungen ein bedeutender Bruchtheilder tabellarisch aufgezählten Fälle mit einbegriffen ist.Bestimmtere Angaben lassen sich jedoch hierüber nichtmachen.
Die chronologische Entwickelang der Krankheitsbilderin der Uebersicht lehnt sich sowohl an das ursprünglicheInvaliditätsattest als an diejenigen Notizen an, welche ge-legentlich der in ein- oder mehrjährigen Zwischenräumenwiederkehrenden Superrevisionen der rückenmarkskrankenInvaliden seitens der den Ersatzkommissionen zugetheiltenOber-Militärärzte geliefert worden sind. Wer die äusserenUmstände kennt, unter welchen bei diesen Anlässen dieUntersuchungen in einer für verwickelte KrankheitsbilderUnzureichenden Spanne Zeit und mit wenigen Hilfsmittelnvorgenommen werden müssen, kann nicht von der Erwar-tung ausgehen, dass hier auch nur einigermaassen voll-kommene Krankheitsbefunde entrollt werden.
Wie es in der Natur der Sache liegt, erstrecken sichdie Bemerkungen der untersuchenden Aerzte bei den Super-revisionen, soweit sie sich auf das in Rede stehendeRückenmarksleiden beziehen, vielmehr ausschliesslich aufdie hervorragendsten Symptome und in ei'ster Reihe auf
diejenigen, deren Zunahme einen höheren Grad der Erwerbs-unfähigkeit bedingt. Dazu können besonders die Bewegungs-störungen, die Blasen- und Darmlähmungen, die Affektionendes Sehnerven, die psychischen Alterationen gerechnetwerden. Man wird indessen nicht fehlgehen mit der An-nahme, dass auch die von den Kranken selbst als störendbefundenen und leicht sichtbaren Veränderungen, so nament-lich die Augenmuskellähmungen und die Gelenkerkran-kungen, in der Mehrzahl der Fälle nicht unbeachtet ge-blieben, sondern in den Gutachten erwähnt sind.
Ueber mehr als ein Drittheil der Kasuistik hat Ver-fasser dieses Kapitels selbst Bericht erstattet. Er Hess essich angelegen sein, die Frage der Aetiologie und derzeitlichen Aufeinanderfolge der Symptome mit möglichsterSorgfalt zu prüfen. Trotzdem erscheint es nicht unbedingtzulässig, die Ermittelungen, soweit sie durch das Kranken-examen gewonnen sind, als durchaus verbürgte Thatsachenhinzustellen. Die Angaben einzelner Kranker wenigstenssind theils in Folge von Gedächtnissabnahme, Stumpfheitund Gleichmütigkeit, theils aus äusseren Gründen nur mitVorsicht aufzunehmen.
Ausserhalb jedes Zusammenhangs mit dem Kriege1870/71 finden sich in der Zusammenstellung zwei Kranken-geschichten, von denen die eine (V), bis an den DänischenKrieg 1864 heranreichend, der schweren später zu schil-dernden Gelenkveränderung wegen, die zweite (LXXIX),aus dem Feldzuge von 18G6 stammend, der ursächlichenEntstehung und der Augenveränderungen wegen desInteresses werth schien. Auch für die unter I, XI, XIV,XVIII, XLI, LXXVII, LXXXIV, XC und XCIII auf-geführten Mannschaften ist der Beginn der Erkrankungvor dem Jahre 1870 liegend vorauszusetzen, da schonfrüher periodische Schmerzen, gastrische Krisen, Gelenk-schwellungen, Kolik und Urinbeschwerden bestanden hatten.Wenn ungeachtet dessen auch bei ihnen als ätiologischesMoment die Einflüsse des Deutsch-Französischen Kriegeshervorgehoben werden, so lag dies darin begründet, dassletztere es waren, welche das vorhandene Leiden bis zueiner gewissen Höhe, speziell bis zur Dienstunbrauchbar-keit, gesteigert haben.