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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VII.

VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.

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Der Kranke litt hiernach an Atrophie der Sehnerven, Pa-ralyse der Unterextremitäten, der Blase und des Mastdarmsalso an einer centralen Affektion, deren bestimmte Diagnosenach diesem Befunde nicht festgestellt werden kann. Er starbam 18. Januar 1879.

\], Gustav H., Musketier im 2. Grossherzoglich Hessi-schen Infanterie - Regiment, geboren am 7. April 1849, einbis zum Feldzuge ganz gesunder Mann, gerieth währendderSchlacht von Gravelotte in eine solche Aufregung,dass er auf dem Schlachtfelde in Krämpfe verfiel unddas Bewusstsein verlor. Spätere epileptische Anfällewurden ärztlicherseits beobachtet. Sie müssen aber ziemlichselten gewesen sein und den Allgemeinzustand wenig beein-trächtigt haben, denn sie machten den Kranken im Jahre 1872nur theilweise erwerbsunfähig. Ob sie sich gänzlich verloren,ist aus den Akten nicht zu ersehen. H. lebt 1883 in Grünberg.

VII. Bei der Eröffnung der Beschiessung von Strass-burg erschreckte den 31jährigen Füsilier des Kaiser FranzGarde - Grenadier - Regiments No. 2 Gottlieb R., welcherseine aktive Dienstzeit vom Jahre 1861 bis 1864 durch- undden Feldzug 1866, ohne an Krampfanfällen zu leiden, mitge-macht hatte, eine in nächster Nähe krepirende feind-liche Granate derart, dass er besinnungslos zu Bodenfiel und von klonischen Muskelkrämpfen befallenwurde. Die epileptischen Zufälle traten hiernach häufiger ein,oft an einem Tage 7 bis 8 mal. Bei einer Untersuchung aufdem Bezirks-Kommando Berlin im Mai 1875 fand sich eineNeuritis optica duplex mit bedeutender Herabsetzung des Seh-vermögens. Patient fand am 29. Juni 1875 Aufnahme in derKöniglichen Charite. Das hier geführte Journalblatt sagt:

Patient war in der ersten Zeit ganz stumm, lag regungslosim Bett. Auf Fragen gab er nur äusserst spärliche Auskunft,selbst Personalien sind nicht zu extrahiren. Die paar Worte,die er spricht, werden langsam artikulirt, klingen nach para-lytischer Art verschwommen. Die Zunge zittert ein wenig, imGesicht ist kein Zittern vorhanden. Die Pupillen sind un-gleich weit.

Bei genauerer Untersuchung zeigte sich, dass das Anschlagenan den Schädel sehr schmerzhaft war, besonders aber an derlinken Seite, in der Stirn- und Hinterhauptsgegend an cirkum-skripten Stellen. Ferner bestand vollständige Blindheit beiderAugen, herrührend von einer Neuroretinitis haemorrhagica.Ausserdem war ein hoher Grad von Aphasie vorhanden. DieseErscheinungen Hessen die Diagnose einer Hirngeschwulst derlinken Seite als sicher zu.

Patient war später sehr still, sass schweigsam auf einemStuhl, regungslos, neigte viel zum Schlaf, war jedoch leicht ausdemselben zu erwecken. Am Morgen des 14. Juli stand er vonselbst auf, verfiel jedoch gegen 9 Uhr in einen tiefen Schlaf,aus dem er weder durch Anrufen, noch durch Anschlagen zuerwecken war, er erwachte nicht auf Stiche in die Nasenhöhle,machte nur abwehrende Bewegungen, diese wurden auch aufelektrisches Pinseln mit dem stärksten Strom gemacht, ohnedass jedoch Patient zu einer Antwort zu bewegen war.

Gleichzeitig zeigte sich eine Differenz in der Beweglichkeitder Extremitäten; während die rechten, erhoben, langsamheruntergenommen werden, fallen die linken schlaff, aber durch-aus nicht nach paralytischer Art herunter.

In diesem Zustande bekam Patient einen epileptischen An-fall von wenigen Augenblicken und starb bald darauf am 14. JuliAbends 97s Uhr.

Die Sektion ergabeinen Tumor cerebri mit dem Sitz imlinken Schläfenlappen".

VIII. Neben dem früher gesunden Tambour im 3. Nieder-schlesischen Infanterie - Regiment No. 50 Adolf B. schlugin der Schlacht bei Gravelotte eine Granate ein und warf ihn,ohne ihn aber direkt zu verletzen, um. Am Boden liegend,bekam er den ersten epileptischen Anfall. Der zweiteAnfall in der Nacht vom 4. zum 5. Dezember, der dritte 14 Tagenach der Rückkehr in die Heimath. Am 1. Dezember 1875stellte man ihm folgendes Attest aus:

B. leidet nach seinen Angaben, welche durch zahlreicheglaubwürdige Zeugnisse bestätigt werden, an hinfallendenKrämpfen. Mit dem Gefühl eines leichten Zuckens im linkenArm und linken Bein bemächtigt sich seiner allmälig eine immergrösser werdende Schwäche, welche sich bis zur Bewusstlosig-keit steigert; er fällt um, schlägt mit Armen und Beinen umsich, hat Schaum vor dem Munde, bleibt eine Zeit lang bewusst-los und ist hinterher sehr schwach und an allen Gliedern zer-schlagen, der Kopf heiss und eingenommen. Die Krämpfewiederholten sich nach seiner Entlassung in steigender Frequenz,so dass jetzt fast täglich, ja mitunter zweimal an einem Tage,Anfälle erfolgen.

B. ist von kräftigem Knochen- und Muskelbau. Auf demlinken Auge geringer Strabismus, Lidspalte etwas kleiner alsrechts. Wirbelsäule im Brusttheil etwas nach rechts verbogen.Im Nacken eine bohnengrosse Zellgewebsverhärtung,in deren Mitte eine oberflächliche Narbe. Im Uebrigenkeinerlei Anomalien.

Die epileptischen Anfälle häuften sich von Anfang 1876an und wurden im Jahre 1877 so zahlreich, dass sie bei täg-licher Wiederkehr die körperlichen und geistigen Kräfte desMannes zerstörten. Der Kranke starb am 29, Juli 1878 anihren Folgen.

IX. Carl G., Gefreiter der 5. Kompagnie 2. Hanseati-schen Infanterie - Regiments No. 76, geboren am 6. Januar1842, stand am 18. September 1870 vor Toul auf Vorposten,als nach längerem Schweigen des Geschützfeuers eine feindlicheGranate in seiner Nähe einschlug. Er erschrak überdie unerwartete Detonation sehr heftig, fing an zuzittern und fiel bald darauf bewusstlos zur Erde. ImFeldlazarett), wohin er sogleich transportirt wurde, beobachteteman mehrere epileptische Krampfanfälle, ebensolchespäter im Reservelazareth zu Hamburg. Die amtlichen Er-hebungen ergaben, dass er vor dem Feldzuge an Epilepsieniemals gelitten hatte. Er wurde 1873 und 1874 noch sohäufig von den Krämpfen heimgesucht, dass er gänzlich erwerbs-unfähig war. Im Jahre 1875 wiederholten sich die Insulte etwaalle 14 Tage. Bei einem derselben fiel der Kranke rückwärtsin ein Hackemesser und zog sich eine 12cm lange, über dierechte Seite des Rückens quer verlaufende Wunde zu, welcheübrigens ohne bedeutendere Folgen blieb. Mit diesem Jahreschliessen die Akten.

X. Ferdinand Gustav Adolf V., 4. SächsischesInfanterie - Regiment No. 103, bekam bei Chelles vor ParisEnde November 1870, als eine Granate vor ihm niederfiel,welche ihn aber nicht verletzte, den ersten epilepti-schen Anfall. Die Krämpfe wiederholten sich in der Folgealle 2 bis 4 Tage; seit Januar 1871 täglich etwa zwischen6 bis 8 Uhr Abends oder 3 bis 5 Uhr Morgens; wurden mitSchwindel und Ohrensausen eingeleitet und dauerten 10 bis20 Minuten. 1872 waren die Krampfzufälle noch ebensohäufig;an den Zungenrändern zeigten sich zahlreiche Narben. 1876konnte V. der heftigen und häufigen epileptischen Zufälle wegenohne Aufsicht nicht mehr gelassen werden.

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