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VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.
Band VII.
Kasuistik.
A. Epilepsie in Folge von Schreck.
I. Josef M., geboren am 11. März 1841, war vor demFeldzuge gesund und zu Erkrankungen des Nerven-systems nicht disponirt. Er rückte als Wehrmann desBesatzungs-Bataillons Pr. Holland Landwehr-Regiments No. 44aus und war am 2. Oktober 1870 auf dem Bahnhof zuSaarburg mit Brotvertheilen an Gefangene beschäftigt, als er,auf dem Trittbrette eines Waggons stehend, von einemandern Zuge überrascht wurde und jeden Augenblickerdrückt zu werden glaubte. Er bekam lebhaftes Zitternund starken Angstschweiss und alsbald einen heftigen epilep-tischen Anfall. In dem Lazareth zu Saarburg wurden von daab täglich 2 bis 3 Anfälle beobachtet, fast ebenso viel im Gar-nisonlazareth Danzig, in welchem M. vom April bis Juni 1871behandelt wurde. Erst im Jahre 1874 nahm die Zahl der epi-leptischen Insulte ab, und im Jahre 1875 reduzirten sich die-selben auf 1 bis 2 im Monat. Mit diesem Jahre schliessen dieAkten.
II. Johann Christof S., geboren am 17. Oktober1Ö47, Musketier der 2. Kompagnie 4. Rheinischen Infanterie-Regiments No. 30, gerieth in Dijon bei einer Alarmirungin solche Aufregung, dass er von einem epileptischenAnfall heimgesucht wurde, den seine Kameraden beobachtetenund beschrieben. Bis zum Jahre 1875 konnte der Nachweisgeführt werden, dass die Krämpfe etwa alle 6 bis 7 Wochenwiederkehrten und ziemlich rasch, gewöhnlich innerhalb 10 bis15 Minuten, abliefen. Dass S. noch (1883) lebt, hat sich er-mitteln lassen, der Fortbestand der Epilepsie ist ungowiss.
III. Der Dragoner im 2. Hannoverschen Dragoner-Regi-ment No. Kl Wilhelm B. stammt aus gesunder Familie,in welcher, zufolge der Ermittelungen, epileptische Erkrankun-gen nicht vorgekommen sind, und war selbst bis zum Feldzug1870 niemals ernstlich krank. Seiner Angabe nach hieltenihn bei der Belagerung vor Metz die Angst und Furcht vorfeindlichen Ueberfällen im Verein mit den ungewohntenStrapazen und Entbehrungen in steter Erregung. Als einesTages seine Schwadron unerwartet alarmirt wurde,suchte ihn der erste epileptische Krampfanfall heim.Der zweite Anfall trat G Wochen später ein. Späterhin wurdenaber die Insulte häufiger und führten zur Invalidisirung desKranken. Bei der ersten Superrevision stellte man fest, dassdas Leiden bereits anfing, einen nachtheiligen Einfluss auf diegeistigen Fähigkeiten auszuüben. Die dann folgende militär-ärztliche Untersuchung fand am 8. Oktober 1882 in der Irren-Heil- und Pflegeanstalt zu Hildesheim statt. B. war epileptischblödsinnig.
IV. Anton S., Kanonier bei der Infanterie-Munitions-Kolonne 6. Feld - Artillerie - Regiments, hatte, soviel sichnachträglich feststellen Hess, in der Jugend und währendder aktiven Dienstzeit an Epilepsie nicht gelitten.Die körperlichen Anstrengungen und die psychischen Eindrücke
der Kampagne 1870/71 versetzten den 28jährigen Mannin einen Zustand nervöser Erregung und Reizbarkeit.Als er eines Tages im Oktober 1870 vor Paris auf Postenstand, gerieth er über den Zuruf: „der Feind ist da!''in einen solchen Schreck, dass er bewusstlos hinstürzteund Muskelzuckungen bekam. Von da ab kehrten solcheAnfälle häufiger — in der Woche ein- auch mehrmals — wieder.Die Epilepsie wurde zuletzt im Jahre 1873 durch OberstabsarztRegenbrecht konstatirt und machte den Kranken grössten-theils erwerbsunfähig.
V. Eduard N., von Profession Maurer, war 24 Jahrealt, als er als Musketier der 7. Kompagnie AnhaltischenInfanterie-Regiments No. 93 mit in den Krieg zog. Er hattebereits 11 Monate gedient und war während dieserZeit, sowie nach den gleichlautenden Zeugnissen seinerVerwandten und der Heimathsbehörde auch früherniemals krampfkrank gewesen. Im Gefechte vonToulerschreckte er sich angeblich dermaassen, dass er einenepileptischen Anfall bekam. Dieser wiederholte sich wäh-rend des Feldzuges nur noch dreimal. Nach der Entlassungvom Militär wurde N. aber häufiger von Krämpfen heimgesuchtund seitens der DDr. Sybel und Isensee behandelt. Dochhatte im Jahre 1875 sein Allgemeinbefinden noch nicht wesent-lich durch die Epilepsie gelitten. Er war gut genährt, vonkräftiger Muskulatur und ziemlich munterem Gesichtsausdruck.Auch die geistigen Fähigkeiten entsprachen durchaus demBildungsgrade des Kranken. Erst mit dem Jahre 1877 ver-schlechterte sich der Zustand. Patient konnte wegen leichteintretenden Schwindels seinem Handwerk nicht mehr nach-gehen und bekam bei anderer Arbeit heftiges Gliederzittern.
Im Oktober 1878 wurde N. wiederum bezüglich desGrades seiner Erwerbsfähigkeit vom Stabsarzt Dr. Lage-mann untersucht und dabei Folgendes gefunden: „Seit wieder-holten apoplektiformen Anfällen während des Septembers istder Kranke dauernd an das Bett gefesselt, da ihm Bewegungenwegen Lähmung der unteren Extremitäten und wegen Erblin-dung auf beiden Augen nicht mehr möglich sind. Urin undExkremente gehen dem Patienten wegen Lähmung der Schliess-muskeln unwillkürlich ab. Es hat sich bei ihm seit den letztenAnfällen eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit auf beidenOhren eingestellt, so dass man mit sehr lauter Stimme direkt iudie Ohren sprechen muss, um sich ihm verständlich zu machen.Er beantwortet auf diese Weise an ihn gestellte Fragen nachlangem Besinnen zögernd und häufig nicht dem Sinne der Frageentsprechend. Gleichen Schritt mit der zunehmenden Schwer-hörigkeit hielt die Erblindung, die jetzt eine vollständige ist.Die Pupille ist auf beiden Augen sehr erweitert, reagirt nichtgegen Lichtreiz, die Hornhaut nur wenig gegen Berührung mitdem Finger. Die Untersuchung mit dem Spiegel zeigt einehellweisse, fast perlmutterartige Färbung der Sehnerven-scheiben."