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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VII.

VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.

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Vor einigen Jahren hat Gowers (Virchow-Hirsch,Jahresbericht 1880) an einer Reihe von 1450 Epileptischenvon Neuem die Frage der Aetiologie geprüft. Obwohlauch er, wie Moreau, sämintliche in der Kindheit er-worbenen Fälle in Betracht zieht, so fand er doch denSchreck als Gelegeilheitsursache nur bei i /i aller Erkranktennachweisbar. Seine Hauptwirksamkeit entfaltete das Momentin dem ersten Lebensdezenniuni, kam von der Pubertät abweniger und vorwiegend bei Weibern in Betracht. Diegeringe Zahl der durch plötzlichen Schreck veranlasstenFeldzugserkrankungen an sich und gegenüber der Zahl derdurch andere, sonst für selten gehaltene, Hilfsursacheneingeleiteten Fälle macht es mehr als wahrscheinlich, dassnach den Entwicklungsjahren beim männlichen Ge-schlecht die Empfänglichkeit des Centralnerven-systems für einmalige heftige psychische Eindrückebedeutend abgestumpft ist. Sind die plötzlich depri-mireuden und excitirenden Momente für die Kindheit diehäufigste Ursache zum Ausbruch der Krankheit, so habensie für den hereditär nicht belasteten Soldaten im Altervon 2030 Jahren nur eine untergeordnete Bedeutung.Die Invaliden-Akten enthalten doppelt und dreifach sovielBeispiele von Krankheitsfällen nach Typhus, nach Ueber-anstrengungen, als nach der Einwirkung eines Schreckes.

Zur Erzeugung der epileptischen Veränderung beiErwachsenen sind namentlich aber lange und anhaltendwirkende psychische Eindrücke von viel grössererWirksamkeit, als ein einmaliger plötzlicher Affekt. Nurdieser Voraussetzung ist es zuzuschreiben, dass für dieMehrzahl der Fälle aus dem Feldzuge kein anderes Momentals die Kriegsereignisse an sich geltend gemacht werdenkonnten.

Die unten beschriebenen Beispiele von Schreckepilepsiehalten nicht einmal sämmtlich einer strengeren KritikStand. So muss es bei B. (A. V1I1) gemäss der imJahre 1875 vorgenommenen Untersuchung ungewiss er-scheinen, ob nicht, der eigenen Aussage widersprechend,ein Sprengstück der in seiner Nähe explodirenden Granateden Nacken getroffen hat, da sich hier eine Geschwulstmit einer Narbe fand. Im Falle R. (A. Vll) ist derZweifel über die primäre Erkrankung nicht zu lösen. Esist ebenso wohl möglich, dass die Geschwulst im Schläfen-lappen bereits vor dem ersten epileptischen Anfall schonin der Entwickeluug begriffen war, als es ungewiss ist,ob der Tumor sich erst im Anschluss an den Fall mitdem Kopfe auf den Boden ausbildete.

Reine Schreckwirkung kann überhaupt in den 11unter A. beschriebenen Fällen nur viermal supponirtwerden und selbst da trat bei ß. (A. III) und S. (A. IV)in Folge des psychischen Eindrucks erst dann der primäreInsult ein, nachdem durch die Kriegsereignisse das Nerven-system bereits in einen Zustand grosser Erregung und er-höhter Reizbarkeit versetzt war und sich möglicherweisedie centrale Veränderung schon ausgebildet hatte. So

bleiben nur die Fälle M. und S. (A. I und II) übrig,bei welchen das Invaliditätsattest einzig und alleinden epilepsieerzeugenden Einfluss des Schreckens berück-sichtigt.

Ausser den psychischen Eindrücken, welche im Kriegefast täglich auf den Soldaten einstürmen, sind es besonderskörperliche Ueberanstrengungen und starke Er-müdung, welche allem Anscheine nach einen direktenEinfluss sowohl auf das Zustandekommen der centralenepileptischen Veränderung, als auf die Explosion des pri-mären Paroxysmus besitzen. Von den meisten Autorenist diesem Moment so wenig Gewicht beigelegt, dass esvon ihnen in der Aetiologie der Epilepsie ganz übergangenwird. Selbst Moreau, der unter den Gelegenheitsursachender Epilepsie nicht weniger als 19 verschiedene Momentephysischer Natur aufzählt, gedenkt der körperlichen Stra-pazen mit keinem Worte. Nothnagel kennt nur einenFall, der möglicherweise auf Ueberanstrengung zurück-zuführen sei.Ein vordem kerngesunder Soldat aus ganzgesunder Familie musste 1866 im Oesterreichischen Feld-zuge 8 Tage lang biwakiren und stark marschiren. Dabemerkte er eine Empfindung von Starre, Eingeschlafenseinund Taubheit im rechten Arme, ohne Motilitätsstörungen.Dies verging nach einigen Tagen; aber einige Wochendarauf, nach weiteren Strapazen des Feldzuges, wurde erim Biwak von einem epileptischen Insult befallen, der sichvon da ab in grösseren oder kleineren Zwischenräumenwiederholte." Sonst betonen nach der Angabe Nothnagel'snoch Tissot und Radcliffe die Uebermüdung und dieübermässige Körperarbeit und nehmen an, dass sie dieKrankheit selbst zur Entwicklung bringen können. AuchReynolds will einen Fall dieser Aetiologie selbst beob-achtet haben.

Grosse körperliche Anstrengungen, z. B. Rudern,Arbeiten in gebückter Stellung, beschuldigt neuerdingsferner Salomon als Ursache bleibender Anfälle. Er giebtin der Deutschen medizinischen Wochenschrift, Jahrgang 1880in seinem AufsatzeUeber Erinüdungs-Epilepsie" Beispiele,in welchen übermässige oder anhaltende starke Thätigkeitbestimmter Muskelgruppen durch subjektive Empfindungenoder objektiv wahrnehmbare unwillkürliche Bewegungenin den übermüdeten Gliedern die Krämpfe oder diepsychischen Störungen einleiteten. Nach ihm ist die Kohlen-säure-Anhäufung im Blute und die Störung der Cirkulationim Gehirn für diese Fälle verantwortlich zu machen.

Aus dem Feldzuge 1870/71 sind 23 Fälle bekannt,in welchen der erste epileptische Anfall bei vorher gesunden,kräftigen jungen Männern der zwanziger Jahre währendeines Marsches in die Erscheinung trat. Diese Fällesind in der Tabelle B. bezeichnet. Dass es ein an-strengender Marsch war, wird einige Male besondershervorgehoben, ist jedoch von vornherein in Hinblick aufdie Kriegsereignisse für sämmtliche Fälle vorauszusetzen.Schwieriger lässt sich die Frage beantworten, ob und