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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.

Band VII.

grundelegung des vorhandenen Materials nicht übersehenwerden, unter welchen Umständen und wie oft eine wirk-liche Epilepsie im Ansckluss an einen ersten epileptiformenAnfall sich ausgebildet hat. Nur soviel scheint in Hinblickauf die unter den Invaliden gezählten Epileptiker gewisszu sein, dass es häufiger bei dem ersten Paroxysmus seinBewenden hatte als nicht.

Am schlechtesten verträgt sich die namentlich durchNothnagel (v. Zieuissen, Handbuch der speziellen Patho-logie und Therapie. Nothnagel, Epilepsie) vertreteneHypothese von der centralen epileptischen Veränderung alsconditio sine qua non mit denjenigen Fällen von Epilepsie,welche bei nicht nachweisbarer Prädisposition unter derEinwirkung eines psychischen Eindrucks plötzlich ent-stehen und von vornherein mit rasch aufeinanderfolgendenInsulten verlaufen. Für diese Fälle, zumal bei Personenreiferen Alters, anzunehmen, dass dennoch eine aus unbe-kannter Veranlassung entstandene Läsion der Centralapparatevorhanden gewesen sei, hat offenbar mehr Gezwungenes,als sich vorzustellen, dass durch den plötzlichen Erregungs-zustand nach Art eines direkten Traumas materielle Ver-änderungen im Nervensystem herbeigeführt werden, welcheder späteren Epilepsie zum Ausgangspunkt dienen. Wiepsychische Ursachen, sofern man den Angaben der KrankenGlauben beimessen darf, mancherlei solche nervöse Krank-heitserscheinungen zur Folge haben können, welche manauf anatomische Destruktionen zu beziehen gedrängt wird,lehren verschiedene Mittheilungen aus der älteren Litte-ratur und neuerdings besonders die während der Belagerungvon Strassburg in der Zeit von August bis Oktober 1870durch Kohts gemachten Beobachtungen.

Weitaus am häufigsten konnte für die während des Feld-zugs entstandene Epilepsie eine einmalige Veranlassungweder von dem Kranken noch von seinen Vorgesetztenoder Kameraden erbracht werden. Der erste Anfall wareingetreten, nachdem meist eine lange Zeit aufreibenderThätigkeit voraufgegangen war. Die Leute hatten Schlachtenmitgeschlagen, anstrengende Märsche durchgemacht, körper-liche Entbehrungen erlitten, waren den Unbilden der Witte-rung ausgesetzt gewesen und erkrankten, körperlich undgeistig reduzirt, oft nachdem sie schon Tage lang der be-haglichen Ruhe gepflegt hatten, unversehens unter Krämpfenmit Bewusstlosigkeit. Bei dem Mangel jeder näher liegen-den Genesis war es gerechtfertigt, die angedeuteten langsamwirkenden Schädlichkeiten als die eigentliche Ursacheder Epilepsie anzusehen, und es entsprach der Erfahrung,nach anderen näheren Gelegenheitsmomenten nicht zu suchen,da bekanntlich gerade prädisponirte Personen vom erstenAnfall nicht selten ganz ahnungslos überrascht werden.

71 invalide Epileptiker, also 50 £ aller an dieser Stellebesprochenen Fälle, welche fast ausnahmslos in den letztenKriegsmonaten den ersten Insult erlitten hatten, warenunvermögend, eine direkte Schädlichkeit für ihre Erkran-

kung anzuführen. Hier lnusste das Kriegsleben als solchesbeschuldigt werden.

Eine hervorragende Rolle spielen in der Aetiologieder Epilepsie die psychischen Ursachen und die hervor-ragendste unter diesen der Schreck. Moreau, welcher529 Fälle ätiologisch trennte, konnte 444mal psychischeund nur 85 mal physische Gründe notireu. Unter den 444durch psychische Einflüsse verursachten Erkrankungen gingdem Ausbruch der Erscheinungen aber 314mal, in fast 71 §der Fälle, ein Schreckmoment vorher. .Der Schreck darfalso mit Bestimmtheit als ein äusserst häufiges, den erstenAnfall auslösendes Gelegenheitsmoment aufgefasst werden,muss aber auch, wenn er langsam und anhaltend wirktoder wenn er plötzlich einen vorher gesunden und nichtprädisponirten Mann trifft, direkt bei der Elitwickelungdes Krampfleidens betheiligt sein. Da er als akut ex-citirender Eindruck vielfach unter heftigen Sinnesreizenzum Bewusstsein gelangt, so ist für den Ausbruch derEpilepsie zugleich auch der plötzliche abnorme Erregungs-zustand der Sinnesnerven in Erwägung zu ziehen. Reine,durch grosse und nahe Lebensgefahr bedingte Schreck-wirkung führte bei M. (A. I) die Epilepsie herbei. In derMehrzahl der unten angeführten Beispiele traf aber durchdas Knattern der Gewehre in der Schlacht und die De-tonation von krepirendeu Granaten den Akustikus ein un-gewöhnlich intensiver Reiz, dessen Beziehungen zu deinersten Krampfparoxysmus auf dem Wege des Reflexes nichtwohl in Abrede zu stellen sind. Zuweilen mag auch derOptikus nach einer heftigen Reizung der Ausgangspunktdes reflektorischen Anfalls gewesen sein. Die Geschichteder Epilepsie berichtet von Beispielen, wo nach kurzemSehen in grelles Licht, in die Sonne, den Blitz, nachlängerem Betrachten eines schwankenden oder kreisendenGegenstandes, nach Einwirkung eines lauten Geräuschesdie epileptischen Erscheinungen zum Ausbruch kamen.

Trotz der Reichhaltigkeit des Krieges an achreck-erregenden Momenten war die Anzahl der unter dem Ein-druck derselben akut entstandenen Fälle von Epilepsie,auch wenn man einen Theil der während der Schlacht, aufWache, auf Vorposten aufgetretenen Erkrankungen ohnenähere Motive hierher rechnet, im Vergleich zu der Zahlder epileptischen Krankheitsfälle überhaupt eine sehr spär-liche. Ausser den 3 bei der traumatischen Epilepsie miteinigen Worten erwähnten Beobachtungen') fanden sich inden Invalidenlisten nur noch 12 andere näher beschriebenein welchen nach der bestimmten Angabe der Patienten dieEinwirkung eines heftigen Schreckes den ersten Anfallausgelöst hatte. Von diesen 12 Fällen sind 11 ausführ-licher mitgetheilt, der letzte ist seiner oberflächlichenBeschreibung wegen in der tabellarischen Zusammen-stellung (D.) der auf Wache und Vorposten erkranktenEpileptiker aufgenommen.

2 ) Vergl. S. 1 dieses Bandes.