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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.

Band VII.

welche andere Schädlichkeiten ausser der körperlichenUeberanstrengung für die Aetiologie der Erkrankung her-anzuziehen waren. In ein paar Fällen wird der gleich-zeitigen grossen Hitze, der Einwirkung direkterSonnenstrahlen gedacht, einmal der voraufgegangenenan Strapazen und Entbehrungen reichen Tage. Ganz ver-einzelt verzeichnet die Geschichte der Epilepsie in derThat den Ausbruch der ersten Anfälle in Folge von In-solation. Eine unter dem Einflüsse täglicher erschöpfenderKörperthätigkeit vorbereitete Disposition zur Epilepsiemag auch dann bestanden haben, wenn, wie nicht seltenin den späten Kriegsmonaten, die Krankheit gelegentlichauf einem Marsche ausbrach. Alier es wäre eine willkür-liche und ungerechtfertigte Annahme, diese Prädispositionauch für den Theil der Erkrankungen gelten zu lassen,der auf den Märschen im Beginn des Feldzuges zur Beob-achtung kam.

In dieselbe Kategorie gehören 9 Fälle, in welchen dieEpilepsie gleich oder kurze Zeit nach einem einzigen odernach mehreren hintereinander zurückgelegten, angestrengtenMärschen einsetzte. Gewöhnlich kamen hierbei noch diemangelhaften, durch die Entbehrungen und die unzureichendeErnährung reduzirten Konstitutionsverhältnisse als unter-stützende Momente in Anrechnung; ist doch der begünstigendeEinfluss eines kachektischen Zustandes auf die Entwickelungder Epilepsie von namhaften Gelehrten anerkannt. DieUebersicht dieser Fälle schliesst mit einer Beobachtung,in der eine übermässige Muskelthätigkeit beim Eisenbahn-bau den ersten Anfall provozirte. (Tab. B.)

Auch die Mehrzahl der im Gewühl der Schlacht undkurze Zeit nachher begonnenen epileptischen Erkrankungendürfte der Hauptsache nach den gewaltigen körperlichenStrapazen zuzuschreiben sein. Wiederholt wird der Er-schöpfung, der Hinfälligkeit gedacht, mit der die Leute inden Kampf gingen oder aus dem Gefechte kamen, ehe sieder erste Anfall heimsuchte. Dabei sollen die psychischeErregung, die stete Lebensgefahr, die Eindrücke auf dieSinneswerkzeuge in der Schlacht nicht unterschätzt werden.Hier gab es eine ganze Reihe von Faktoren, die gemein-sam die Widerstandsfähigkeit des Nervensystems schnellzu untergraben im Stande waren. (Tab. C.)

Nicht minder Hess sich dies für die Fälle behaupten,in welchen auf Wache, auf Vorposten der Soldat inKrämpfen bewusstlos niedersank. Er hatte die Tage vor-her in Schreck und Aufregung verlebt, war durch die Ent-behrungen und Anstrengungen in einen Zustand krampfhafterSchwäche und Reizbarkeit versetzt, so dass es nur einesunbedeutenden Anlasses zum Ausbruch eines erstenepileptischen Anfalls bedurfte. (Tab. D.)

Der Erkältung wird von den meisten Autoren wederals einer prädisponirenden noch als einer occasionellenUrsache gedacht. Seltsamerweise hat dieses Moment, sonstin der Nervenpathologie der üblichste Lückenbüsser, auchin früheren Zeiten in der Aetiologie der Epilepsie kaum

Beachtung gefunden. Unter 529 Fällen Moreau's soll esnur einmal wirksam gewesen sein. Es ist dies um so auf-fälliger, als eine heftige Erkältung, insofern man unter ihreine starke durch Witterungseinflüsse bedingte Abkühlungder Körperoberfläche versteht, für eine der einflussreichstenUrsachen anderer nervöser Krampf formen, insbesondereder tetanischen, gehalten wurde. Man glaubte hierzu vorAllem deswegen berechtigt zu sein, weil die durch denäusseren Kältereiz hervorgerufene Anomalie in der Blut-vertheilung ganz ungezwungen jene Hyperämie des Marksund seiner Häute zu erklären im Stande war, welche beimTetanus die konstanteste anatomische Veränderung bildet.Dass vasomotorische Einflüsse auch bei der Epilepsie ganzwesentlich im Spiele sind, geht schon aus der klinischenund experimentellen Beobachtung hervor, und wenn mandie Möglichkeit zugiebt, dass eine vermehrte Blutfülle eineerhöhte Irritabilität der Centraltheile zur Folge habenkann, so erklären sich die Beziehungen einer Erkältungzu der Entstehung des ersten epileptischen Anfalls ohnegrosse Schwierigkeiten. Die Ausschaltung oder geringeBeachtung des Erkältungsinoinents im Kriege hat wohlvorwiegend darin ihren Grund, dass neben demselben nochj andere Schädlichkeiten, namentlich psychische Insulte undUeberanstrengungen mitwirkten, welche Kranken und Beob-achtern näher liegende Ursachen der Epilepsie schienen.Aus den Feldzugsberichten führen 7 Krankengeschichteneine heftige Erkältung als einzigen und ausschliesslichenGrund von epileptischen Krämpfen an, doch gewähren nur3 in Tabelle E. aufgenommene Fälle eine genügende Ein-sicht in die Art, wie das Moment einwirkte.

In die Rekonvaleszenz akuter fieberhafter Krank-heiten fällt, wie von verschiedenen Seiten angegeben ist,zuweilen, doch nicht sonderlich häutig, der Beginn derepileptischen Erkrankungen. Man ist dann gew r öhnt, dieEpilepsie als Nachkrankheit und direkte Folge der akutenzu bezeichnen. Berger (Eulenburg, Realencyklopädie dergesammten Heilkunde) sah zw T ei Fälle, bei welchen sich indirektem Anschluss an eingastrisches Fieber" Epilepsieentwickelte und erwähnt, dass Delasiauve einen Fall nachCholera beschrieben hat. Nothnagel konstatirte einmalnach einer Pleuritis, ein zweites Mal nach Masern die Krank-heit. Von 1450 durch Gowers geprüften Fällen trat der ersteInsult 37 mal nach akuten (Infektions-) Krankheiten auf,darunter 19 mal nach Scharlach, ohne dass hier Urämiein Frage kam. Wie an einer anderen Stelle 1 ) ausführlichauseinandergesetzt ist, war die Zahl der epileptischenErkrankungen in der Rekonvaleszenz von Typhus, Ruhr,Pocken eine relativ überaus grosse. Die Kasuistik er-schöpfend abzuhandeln, scheiterte leider an der Ungenauig-keit der Angaben auf den Zählkarten und in den Kranken-journalen, indem durch die DiagnoseEpilepsie und Ruhr",Typhus und Krämpfe,"Diarrhöe und Epilepsie" u. s. w.

!) Vergl. sechstes Kapitel dieses Bandes.