Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
291
Einzelbild herunterladen
 

Band VII.

VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.

291

welche wegen epileptischer Krämpfe früher aus dem aktivenMilitärdienst entlassen waren. Sie verschwiegen diesenUmstand, verheimlichten das noch bestehende Leiden,hielten sich wohl auch, nachdem sie eine Zeit lang vonden Anfällen verschont geblieben, für völlig genesen undgesund. Freilich genügten dann häufig einige anstrengendeMärsche, die Aufregungen einer Schlacht, um die Krankheitvon Neuem, oft heftiger als ehedem, in Scene zu setzen.Aus den Zählkarten und den Jnvalidenlisten Hessen sich145 Fälle nachweisen, in welchen mit Bestimmtheit schonvor dem Kriege, bald weit ab, bald unmittelbar vorher,Epilepsie bestanden hatte.

Nach Abzug dieser Fälle wurden in den Zählkarten1173 Kranke mit der DiagnoseEpilepsie" und 837 Krankemit der DiagnoseKrämpfe" namentlich aufgeführt. Wasdie letzteren betrifft, so iührt eine Reihe von Anhalts-punkten, unter welche insbesondere die Beschreibung des An-falls und der Vergleich mit den Invaliden-Akten zu rechnensind, zu der Annahme, dass wenigstens in einer grösserenZahl auch bei ihnen wirklich Epilepsie vorlag. Man wirdhierdurch aber noch nicht berechtigt, die gesa in inten2010 Fälle als epileptische, durch die noch näher zu er-mittelnden nachtheiligen Einflüsse des Krieges entstandeneErkrankungen zu betrachten. Dazu müsste man den Ver-lauf eines jeden Falles kennen.

So viel scheint jedoch festzustehen, dass viele Fälleder echten Epilepsie nicht angehört, sondern einmaligeepileptiforme Zufälle dargeboten haben, welche als Symptomeverschiedener Neuropathien in ein anderes Gebiet zu ver-weisen sind.

Nach den Notizen der Zählkarten starben noch währenddes Feldzugs 18 Individuen in Folge der Epilepsie. Ineinem von Metten heimer im Reservelazareth zu Schwerinbeobachteten Falle erscheint das Sektionsergebniss so be-merkenswerth, dass es einer beiläufigen Erwähnung verdient.Man fand in der Muskulatur des linken Herzens eine, inder des rechten zwei erbsengrosse Blasen, welche sich nachgenauer mikroskopischer Untersuchung als Eehinococcus-blasen erwiesen. Trotz sorgfältigen Nachsuchens undzahlreicher Durchschnitte waren in den übrigen Organen,namentlich aber im Gehirn keine Blasen zu entdecken.Das Gehirn und seine Häute zeigten sich anämisch, dieRinde des Grosshirns von eigenthümlich mausgrauer Farbe.Die epileptischen Anfälle hatten in diesem Falle nur vierTage lang gedauert, folgten sich aber am Tage vor demTode in stürmischer Heftigkeit Schlag auf Schlag. ImUebrigen haben sich für die Theorie der Krankheit ver-wendbare pathologisch-anatomische Thatsachen in den Feld-zugsbeobachtungen nicht auffinden lassen.

Abgesehen von der traumatischen und der im Gefolgeakuter Krankheiten entstandenen, an anderer Stelle') be-sprochenen Epilepsie machen die der Einsicht zugängigen

l ) Erstes und sechstes Kapitel (S. 172, 232 u. 244) dieses Bandes.

Invaliden-Akten über 141 Fälle von Epilepsie Mittheilung,welche auf den Feldzug zurückgeführt werden mussten. Inallen diesen Fällen war durch ortspolizeiliche Nach-forschungen, durch zeugeneidliche Vernehmungen, durchBeobachtung in längerer aktiver Dienstzeit das Vorhanden-sein früherer epileptischer Zufälle mit Sicherheit ausge-schlossen. Eine untergeordnetere Berücksichtigung fandbei den Invaliditätserklärungen naturgemäss die Frage derErblichkeit, indessen sind, wie ein Blick auf die beigefügtenBeobachtungen lehrt, doch zahlreiche Beispiele vorhanden,welche überzeugend beweisen, dass im Kriege auch hereditärneuropathisch nicht belastete Individuen an Epilepsie er-krankten. Somit lässt sich wohl behaupten, dass derKrieg nicht nur die Gelegenheitsursachen für denersten epileptischen Krampfparoxysmus schaffte,sondern auch die centrale epileptische Veränderungerzeugte, ohne welche die accidentellen Momente viel-leicht unwirksam geblieben wären. Allerdings ist hierbeivorauszusetzen, dass auch andere für die Bedeutung derim Mannesalter auftretenden Epilepsie supponirte Ursachen,besonders die chronische Trunksucht und die Syphilis, alsprädisponirende Faktoren aus dem Vorleben der im KriegeErkrankten ausgeschieden werden konnten. Dieser Voraus-setzung wurde thatsächlich in den Krankengeschichtenwiederholt Rechnung getragen. Für den Fall, dass manätiologisch die prädisponirenden von den accidentellenUrsachen vollständig trennt und annimmt, dass der ersteInsult nur der durch eine neue veranlassende Schädlichkeithervorgerufene symptomatische Ausdruck einer schon be-stehenden latenten centralen Läsion ist, so bleibt für eineAnzahl von Feldzugserkrankungen nichts Anderes übrig,als die im Gefolge des Kriegslebens nothwendigerweiseKörper und Geist treffenden Nachtheile, wenn sie auchnur eine kurze Zeit angedauert haben, für dieeigentliche epileptische Veränderung im Nervensystem an-zuschuldigen. Möglich und der Ansicht mancher Autorenentsprechend wäre es aber auch, dass eine einmaligeSchädigung bestimmter Art zwar einen epileptoiden Anfallauszulösen vermöchte, dass dieser aber erst die Anregungzu der späteren bleibenden Alteration im Centralnerven-system abgebe. Für diesen Entstehungsmodus würdeninsbesondere diejenigen in direktem Anschluss an einenplötzlichen Affekt entstandenen Formen der Epilepsiesprechen, welche zunächst durch die dem primären Insultespät und selten folgenden Anfälle gekennzeichnet waren.Der rein funktionelle Charakter solcher Kramp fanfällemit Bewusstlosigkeit liegt ganz klar auf der Hand,sobald sie nur einmalige sind und in der Folge nichtAviederkehren. Obwohl aus den Berichten der Feldlazaretheder Schluss zu ziehen ist, dass recht häufig während desKrieges Soldaten aufgenommen wurden, welche in derSchlacht oder auf dem Marsche bewusstlos unter Krämpfenzu Boden gefallen waren, später aber von ähnlichen In-sulten absolut verschont blieben, so kann doch unter Zu-

37*