Band VII. III. Abschnitt: Nachkrankheiten u. Rezidive. — Differential-Diagnose. — Sterblichkeit u. pathologisch-anatomischer Befund etc. 289
liehe, von Hause aus kräftige und gesunde Individuenzwischen dem 20. und 30. Lebensjahre Antheil hatten.Annähernd so hoch war im Jahre 1867 die Mortalität ineiner von Baxa beschriebenen Epidemie zu Pola, da von129 Fällen 78 tödtlich endeten, aber die Krankheitgrassirte unter den verschiedensten Altersklassen sehr ver-schieden, der grösste Theil der Erkrankungs- und Todes-fälle kam auf das erste, dem Tode rasch verfallendeLebensdezennium. Zur Erklärung der überaus grossenSterblichkeit im Feldzuge dürfte wiederum auf die durchdie Einflüsse des Krieges verminderte Widerstandsfähigkeitund die durch die Feldzugsstrapazen herbeigeführteSchwächung des Organismus zurückzugreifen sein.
Durch die während des Krieges ausgeführten Sektionenhat die pathologische Anatomie der Cerebrospinal-meningitis eine Bereicherung nicht erfahren. Schon nacheintägiger Krankheitsdauer zeigte die Pia mater — Fall IVund V — makroskopisch eine eitrige Infiltration. Einvollkommen negativer anatomischer Befund ist selbst beiden akutesten Fällen niemals angegeben, obwohl für dienicht sezirten Fälle ein solcher ohne mikroskopische Unter-suchung wohl gedacht werden könnte. Ley den undAndere haben dies hervorgehoben. Zu Zeiten einer Epi-demie bedarf es nicht immer nothwendig einer anatomischenBestätigung, die Diagnose kann klinisch zur Genüge ge-sichert sein. Anders liegen aber die Dinge bei densporadischen Erkrankungen. Hier müssen für die durcheine kurze Beobachtungszeit und den mannigfaltigstenSymptomenkomplex ungenügend präzisirten Krankheitsbildernach dem Tode diagnostische Kriterien gesucht werden.Bekannt ist, dass bereits die mikroskopische Betrachtungin den fulminanten Fällen, wo ein freies Exsudat nochganz fehlt, eine bald geringere, bald gehäuftere Zell-inliltration in der Pia besonders längs der Gefässe haterkennen lassen. Endgültig würden sich die Schwierig-keiten der Erkenntniss aber erst nach der genauen Be-kanntschaft mit den Vorgängen der Infektion beseitigenlassen. An Vorstudien hierzu fehlt es nicht. Klebs undEberth haben bei Meningitis Kokken in der Arachnoideal-flüssigkeit gefunden, und Ley den demonstrirte am 9. Februar1883 in der Sitzung des Vereins für innere Medizin zuBerlin Mikrokokken, welche er in der frisch aus derLeiche entnommenen Cerebrospinalflüssigkeit eines ansporadischer Cerebrospinalmeningitis gestorbenen Patientennachgewiesen hatte. Diese Kokken, meist als Diplokokkenund Streptokokken zu zwei bezw. mehreren aneinander-
gereiht, zeichneten sich durch eine deutlich ovale Gestaltaus und hatten eine gewisse Aehnlichkeit mit den Kokkender Pneumonie und des Erysipels. Weitere bakterioskopischeForschungen müssen erwartet werden. Kleinere Hämorrha-gien des Hirns und seiner Häute fielen den Obduzentenim Feldzuge mehrmals auf, in den Fällen von komplizirenderExtremitätenlähmung scheinen aber gröbere anatomischeVeränderungen des Gehirns nicht bestanden zu haben.Von den übrigen Körperorganen ist erwähnenswerth, dassbesonders oft Schwellungen der Drüsen im Darm gesehenwurden. Dadurch konnte es kommen, dass auch dasSektionsergebniss, sobald es sich nicht zugleich über dieHirn- und Rückenmarkshöhle erstreckte, die vorher schonangeregten Zweifel, olí man es mit einem Typhus odereiner Cerebrospinalmeningitis zu thun hatte, nicht löste.Stecher sagt darüber: „Es zeigte sich im Darmkanal eineakute Schwellung der Peyer'schen Drüsenhaufen, wie dersolitären Follikel in ihrer ganzen Verbreitung derart, dassdie Solitärfollikel als grauweisse Knötchen, die Peyer'schenPlaques als kleine grauweisse Plättchen, besonders beidurchscheinendem Licht über die Oberfläche der Schleimhauthervortraten. Diesen Befund konnte ich in fast allenSektionen der Krankheit bestätigen. Ich habe dieserErscheinung gedacht, da ja sehr leicht ein gleicher Irrthumanderen Aerzten zugestossen sein kann, die sich mit diesemBefund des Darmkanals begnügten, ohne Untersuchung derCentralorgane, in der festen Ueberzeugung, dass sie einenAbdominal typhus vor sich hatten."
In der Regel vollzog sich die Heilung langsam undallmälig, doch waren in einzelnen Fällen schon von Mitteder zweiten Woche ab sämmtliche Krankheitserscheinungenverschwunden. Bei G. (LII1) hatte die Krankheit abereine Dauer von 40 Tagen, bei B. (XXXJI) und N. (XXXJH)von mehr als acht Wochen.
Die im Feldzuge gebräuchliche Therapie war an denResultaten schuldlos. Man wusste und weiss auch heutekeine bessere oder schlechtere als die von den Feldärztenallgemein geübte. Sie bestand in der Anwendung derlokalen Kälte, der örtlichen Blutentziehungen und Blasen-pflaster, der Darreichung von Kalomel, in einer allgemeinenInunktionskur, in der Verabfolgung von Morphium, vonExcitantien und Roborantien, in den späteren Stadien auchvon Jodpräparaten. Daneben kamen hier und da Brom-kalium, Chinin, kalte Bäder je nach ihren Indikationenzur Verwendung.
Samtats-Bericht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
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