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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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287
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Band VII. III. Abschnitt: Nachkrankheiten u. Rezidive. Differential-Diagnose. Sterblichkeit u. pathologisch-anatomischer Befund etc. 287

II. Differential-Diagnose.

Es erübrigt, noch mit einigen Worten auf die Diffe-rential-Diagnose zwischen Cerebro spinalrueningitis undTyphus einzugehen, deren Schwierigkeiten namentlich dann,wenn beide Krankheiten zu gleicher Zeit epidemisch herr-schen, besonders von Leyden nachdrücklich betont wurden.Auch mit Bezug auf den Feldzug äussert er sich daliiir,dass man, als im Herbst 1870 vor Paris unter den Be-lagerungstruppen der Typhus ausbrach, in einer Reihe vonFällen längere Zeit zweifelhaft sein konnte, ob es nichtCerebrospinalmeningitis wäre. Zur Verwechselung gabenhauptsächlich die Genicksteifigkeit, die Hyperästhesie derHaut und Weichtheile an den Unterextremitäten, die Kopf-und Kreuzschmerzen im Beginn des Typhus Veranlassung.Die Patienten hatten ausgeprägte Genickstarre, heftige Kopf-schmerzen, Hyperästhesie, flachen Leib, Obstipation und auf-fallend niedrige Temperatur, sagt Leyden. Der weitere Ver-lauf und die Obduktion lehrten aber, dass es Typhen mitsehr geringer Darmaffektion waren." Stecher äussert sichüber seine eigenen diesbezüglichen Erfahrungen im Feldzugewie folgt:Es darf wohl nicht befremden, dass bei Beob-achtung der ersten Fälle an die Existenz der Cerebrospinal-meningitis kaum gedacht wurde; sie wurde eben mit zurTyphusepidemie gerechnet und als jene schwere Form desTyphus behandelt, die unter dem Namen Cerebraltyphusmit vorwiegend meningitischen Symptomen auftritt. Alleineine genaue Beobachtung dieser Fälle musste bald zurUeberzeugung führen, dass dies eine Krankheit sui generissei. Die Bestätigung durch die Autopsie blieb nicht aus.Es lässt sich aber nicht leugnen, dass es bei Beginn derBeobachtung nicht immer mit Sicherheit zu entscheidenwar: ist das Typhus oder Cerebrospinalmeningitis, da dieerstere Krankheit nicht selten die schwersten Symptomevon Seiten des Gehirns selbst auch Nackenstarre zeigte.Allein in den meisten Fällen war die Differential-Diagnosenicht schwer, das ganze akute, rapide Befallen werden mitden schwersten Symptomen, Erbrechen, eine hartnäckige,länger als bei Typhus gewöhnlich dauernde Verstopfung,in mehreren Fällen das Auftreten des Herpes, der ofthochgradige Opisthotonus, die nicht selten normale Tem-peratur, mussten unbedingt auf Cerebrospinalmeningitis hin-weisen." Wie schwer unter Umständen intra vitam dieEntscheidung für die eine oder die andere Krankheit seinkann, lehren recht deutlich die drei folgenden Beobach-tungen. Das anfänglich geringe Fieber, die spätere sub-normale Temperatur, der Trismus, die schweren Cerebral-erscheinungen in den fieberfreien Tagen konnten wohl miteinem gewissen Rechte der Vermuthung Raum verschaffen,dass W. (LXI) an Cerebrospinalmeningitis litt. Entgegen

stand dieser Diagnose während der Beobaclitungszeit inetwas nur die Diarrhöe. Obwohl nun bei der Obduktiondie Schädelhöhle uneröffnet blieb, so spricht doch dieSchwellung der Peyer'schen Haufen und der Mesenterial-drüsen im Verein mit der bedeutenden Milzvergrösse-rung mehr für einen Typhus, doch lag vielleicht eineKomplikation mit Meningitis vor. Ohne bestätigendenSektionsbefund dürfte es auch in den beiden anderen Fällennicht gestattet sein, eine bestimmte Diagnose zu stellen.Bei Z. (LX11) auf der einen Seite allmälige Krank-heitsentwicklung, Durchfall, Milzvergrösserung, starkerEiweissgehalt des Urins, auf der andern heftige Genick-starre und Schmerzhaftigkeit der Wirbelsäule, in dem Falleaus dem 8. Feldlazareth I. Armeekorps Durchfall, Milz-vergrösserung, Meteorismus, hohes Fieber in langem, re-mittirendem Typhus und dem gegenüber Nackenstarre,Hinterhauptschmerz, Herpes. Gerade der Bläschenausschlagwird von Leyden als ein diagnostisches Kriterium hinge-stellt, welches, so sagt er, bei der Meningitis sehr häufig,bei Typhus, wie es scheint, bisher nie beobachtet wurde.Mit dieser Behauptung dürfte er jedoch zu weit gehen, daes doch nur blosser Zufall sein kann, wenn er persönlichniemals im Typhus das Auftreten von Herpes gesehen hat.

LXI. Johann Gottlieb W., Soldat der 7. KompagnieKöniglich Sächsischen 5. Infanterie - Regiments No. 104,wurde am 7. Oktober 1870 in bewusstlosem Zustandebei einbrechender Dunkelheit in das Feldlazareth zu Annet ge-bracht. Am selbigen Abend verliess er in einem unbewachtenAugenblick, nachdem er sich vollkommen entkleidet hatte, dasBett, lief in den Garten des Lazareths und entleerte einen sehrergiebigen wässrigen, gelben Stuhl. Auf sein Lager zurück-gebracht, verfiel er in den früheren Sopor. T. massig erhöht.Puls voll, massig frequent.

8. Oktober: In der Nacht Ruhe.

Mehrere wasserdünne gelbe Stühle ins Bett. HeftigerKinnbackenkrampf, der das Beibringen von Medikamentenunmöglich macht. Puls über 100, klein. T. subnormal.

Patient wirft sich während des Tages auf dem Lager hinund her, lässt wässrige gelbe Faeces unter sich.

9. Oktober: Nacht sehr unruhig, P. 108, klein. T. sehrniedrig. Faeces wässrig, gelb. Kinnbackenkrampf.

10. Oktober: Puls nicht zu fühlen. T. sehr erniedrigt.Tod Mittags 12'/s Uhr.

Sektion am 11. Oktober ll'/a Uhr:

Mesenterialdrüsen vergrössert. Bedeutende Schwellung derFollikel und der Peyer'schen Plaques. Eigentliche Ulcera nichtzu entdecken; Milz bedeutend vergrössert. Länge circa 16,Breite 20, Dicke 6cm. Brust und Schädelhöhle nicht eröffnet.

LXII. Carl Gotthelf Z., Soldat der 9. KompagnieKöniglich Sächsischen 6. Infanterie - Regiments No. 105,