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VII. Kapitel: Genickstarre. (Meningitis cerebrospinalis.)
Band VII.
Sektion 6 Stunden post mortem.
"Wesentlicher Befund: Bedeutende Abmagerung, Todten-starre ausgeprägt im linken Arm und Bein, weniger rechts.
Knöchernes Schädeldach dünn, die Hirnhäute der Kon-vexität blutreich. Die Pia, dem Lauf der Gefässe entsprechend,verdickt, schwer abzulösen und schwer zerreisslich.
An der Basis zwischen Chiasma und Pons ein dickeitrigerBelag.
Linker Seitenventrikel durch eine seröse, mit Eiterflockenvermischte Flüssigkeit bedeutend avisgedehnt, im Hinterhoruein reichliches, fest anhaftendes, eitriges Exsudat. Dasselbe imrechten Seitenventrikel.
Corpus striatum rechts weicher und weniger gewölbt alslinks.
Der dritte Ventrikel stark erweitert, etwas weniger dervierte.
Die Medulla und das Halsmark bis zum vierten Halswirbelist frei von Exsudat.
Milz l'A Zoll dick, 3 Zoll breit, 4'/2 Zoll lang.
LIX. Heinrich S., Musketier der 7. Kompagnie 5. West-fälischen Infanterie-Regiments No. 53, seit dem 9. März1871 an Meningitis cerebro - spinalis krank, wurde am 1. Maivom Lazareth - Reservepersonal dem 8. Feldlazareth X. Armee-korps zu Chaumont überwiesen.
Status: Kein Fieber. Macies extrema. Patient antwortetnur langsam auf lautes Anreden, spricht unaufgefordert nie,liegt ruhig im Bette, fordert kein Essen, muss gefüttert werden.Unwillkürliche Harn- und Stuhlentleerung. Aktive Bewegungenfast ganz unmöglich. Dekubitus auf dem Kreuzbein. SchwacheReaktion der Pupillen.
Tod am 18. Mai.
Sektion: Gehirnhäute sehr blutreich im Gegensatz zu derAnämie aller anderen Organe, an der Basis unter sich und mitder Hirnsubstanz verwachsen. Seitenventrikel stark er-weitert und mit trübem, eitrigem Serum gefüllt. Der dritteVentrikel ist durch einen massigen hydropischen Erguss in einegrosse, unregelmässig gestaltete Höhle verwandelt, der vierteebenfalls durch trübes, eitriges Exsudat dilatirt. An der Basisdes Kleinhirns und am Pons eitrig sulzige Infiltration der Hirn-häute, am Pons eine nussgrosse Eiteransammlung.
LX. Max Arthur S., Einjährig Freiwilliger im 1. Han-seatischen Infanterie-Regiment No. 75, geboren am 9. März1848, erkrankte am 22. Februar 1871 auf dem Marsche vonSt. Hilaire — Pierre — Elboeuf nach Rouen plötzlich mitSchwindel und Kopfschmerz, bekam einen Ühnmachts-anfall und musste nach Ablegung des Gepäcks von zwei Kame-raden in sein Quartier geführt werden. Hier wiederholte sichder Ohnmachtsanfall. Dann trat Erbrechen ein. Am folgendenTage klagte er über äusserst heftige Kopfschmerzen und wurde,da er zu gehen ausser Stande war, mit einem Wagen zum Laza-reth gefahren. Als wichtigste Krankheitssymptome fand manhier: allgemeine Hyperästhesie, Kontraktur derNackenmuskulatur, Druckschmerzhaftigkeit der Wirbelsäule,Herpes labiorum und Schwerhörigkeit. Von subjektivenErscheinungen bestanden intensive Schmerzen im Kopf undRücken, Ohrensausen und Schwindel.
Die Fieberkurve zeigt Zeichnung 33.
Patient wurde am 16. März 1871 aus dem Lazareth zuRouen entlassen und über Reims nach Deutschland evakuirt.Bei seiner Entlassung bestanden noch Klagen über Schmerzenin den Füssen und im Rücken. Im August 1871 schickte man
den Kranken „wegen einer fast kompleten Lähmungder Extremitäten" nach Oeynhausen. S. musste aber dieBadekur unterbrechen, da sich sein Zustand verschlimmerte.Am 16. September 1871 ergab die militärärztliche Untersuchungbei ihm: „Paralyse der linken oberen und unteren Ex-tremität, so hochgradig, dass sie dem Verluste der Glieder
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16. 17. 18.
gleich zu erachten war." Der Kranke vermochte sich ohnefremde Hilfe nicht an- und auszukleiden. Bei den späterenSuperrevisionen wurde Nachstehendes notirt:
1872: „Zunahme der paralytischen Erscheinungen. Sensi-bilitätsstörung im linken Beine, Kopfschmerzen, Gedächtniss-s chwäche."
1873: „Besserung im Zustande des linken Armes, so dassArm und Finger ein wenig bewegt werden können. Auch daslinke Bein funktionirt wieder. Patient kann mehrere HundertSchritte ohne Beschwerden und ohne Stütze gehen."
1874: „Normale Bewegungsfähigkeit des linken Armes imEllenbogengelenke. Die Finger der linken Hand sind krallen-artig in die Hohlhand gezogen. Linkes Bein vollkommen brauch-bar. Keine Muskelatrophie."
1876: „Verschlimmerung. Parese des linken Armes.Linksseitige Abducens-Lähmung. Nur Daumen undZeigefinger der linken Hand in geringem Grade beweglich.Schwäche des linken Beines."
1877: „Hemiparesis sinistra. Abducens-Lähmung.Stammelnde Sprache. Verfall der Intelligenz."
1878: „Linksseitige Parese. Kontraktur sämmtlicher Fingerder linken Hand. Amaurosis sinistra."
1879: „Zunahme der paralytischen Erscheinungen. Hoch-gradiger Strabismus divergens sin. Komplete Fingerkontrakturder linken Hand. Gang unsicher, taumelnd."
Vergeblich wurde in der Kasuistik des Feldzugs nacheiner Rezidivbildung der Cerebrospinalmeningitis gesucht.Es scheint, als ob die Krankheit, deren ausgesprocheneNeigung zu Rekrudeszenzen und Exazerbationen geradezucharakteristisch ist, nur ausnahmsweise nach einem längerenZurücktreten sämmtlicher Erscheinungen Rückfälle macht,welche, wie die Anfangserkranknng, mit denselben stürmi-schen Symptomen ablaufen. Der Rezidive geschieht auchnur spärlich in der Geschichte der CerebrospinalmeningitisErwähnung. Unter den neueren Autoren gedenkt ihrererst Strümpell wieder.