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VIL Kapitel: Genickstarre. (Meningitis cerebro-spinalis.)
Band VII.
Im eigentlichen Sinne des Wortes und mit genügenderSicherheit ist als Nachkrankheit der Cerebrospinal-meningitis aus dem Feldzuge nur ein zweifelsfreier Fallvon halbseitiger Lähmung hierher zu rechnen, welcheraus den Invaliden - Akten soweit vervollständigt ist,dass sein Ausgang übersehen werden konnte. S. (LX)wurde offenbar erst nach der Evakuation, die ermit nur unbedeutenden Nachwehen der ursprünglichenKrankheit angetreten hatte, gelähmt. Ob, wie man nachdem Wortlaute des Badeattestes im Jahre 1871 vermuthenkönnte, sämmtliche Extremitäten an der Lähmung be-theiligt waren, mag anerörtert bleiben; im September 1S71bestand ohne Zweifel eine Paralyse der linken oberen undunteren Extremität, welche die Gebrauchsfähigkeit in einemgesetzlich die Verstümmelung bedingenden Grade aufhob.Nach einer über mehrere Jahre anhaltenden Verbesserungwurden die Lähmungserscheinungen im Jahre 1876 von Neuemausgesprochener. Höchst auffallend und auf eine Neu-erkrankung ander Schädelbasis oderauf die Weiterverbreitungdes dieursprünglicheLähmungbedingendenProzessesdeutend,müsste aber die erst in dieser Zeit erwähnte Abducenslähmungund die ein Jahr später konstatirte Blindheit sein, wäre nichtdie Annahme erlaubt, dass bei dem Ausfall von Klagen seitensdes Kranken in den Vorjahren die superrevidirendenMilitärärzte diesen Erscheinungen ihre Aufmerksamkeit nichtzugewandt hätten. Für den cerebralen Ursprung derExtremitätenlähmung darf der im Jahre 1874 erhobeneBefund, dass Muskelatrophie nicht vorhanden war, heran-gezogen werden. Ganz anders war der endliche Ausgang dervielleicht hierher gehörigen Lähmung bei D. (XL1II).Die Hemiplegie, welche sich bei ihm im Gefolge einerMeningitis cerebro-spinalis eingestellt hatte, war schon6 Monate später bis auf eine allerdings fast vollkommeneLähmung der rechten Oberextremität verschwunden. Aberauch diese mit einer nicht unbedeutenden Atrophie ver-bundene Paralyse war im Jahre 1874 so wesentlich gebessert,dass Patient in der Gebrauchsfähigkeit des Armes wenigbehindert wurde. Eine überaus schnelle Rückbildung einernach Ablauf des akuten Krankheitsstadiums entstandenenParalysis completa sinistra bei dem Kanonier G. imSchleswigschen Feld-Artillerie-Regiment No. 9 beobachteteman im 6. Feldlazareth IX. Armeekorps zu Joinvillewährend des Monats April 1871. Rein myopathischen Ur-sprungs war offenbar die Parese und Atrophie derlinken Unterextremität bei F. (VIII), da sie in direktemAnschluss an eine Blutung sich ausgebildet hatte, welcheim Genesungsstadium in die Adduktoren des linken Ober-schenkels stattfand. Die Gebrauchsfähigkeit der Extremitätwurde später so vollkommen hergestellt, dass F. seineFelddienstfähigkeit wiederfand. Der Fall zeichnet sichausserdem noch dadurch aus, dass er der einzige ist, beiwelchem eine Eruption von Petechien gesehen wurde.Diese anderwärts oft beobachtete Hautaffektion erschienhier erst in der Rekonvaleszenz. Zu erwähnen bleibt
ferner noch, dass sich im Falle XLIX nach Ablauf dereigentlichen Erkrankung ein Zustand von Melancholieund im Falle XIV Gedächtnissschwäche entwickelte, —beides nur von kurzem Bestände. Schliesslich muss, demUrtheil der behandelnden Aerzte entsprechend, die Kranken-geschichte des Assistenzarztes Dr. D. an dieser Stelle be-rücksichtigt werden. Er wurde, nachdem er als Truppen-arzt die schwersten Strapazen glücklich überstanden hatte,Mitte Januar 1871 ohne besondere Veranlassung plötzlichbewusstlos. Darauf verfiel er in Raserei. Nach einigenStunden kehrte das Bewusstsein zurück. Der Kranke wurdein einem Feldlazareth zu Chatillon s. S. behandelt, aberschon nach einigen Tagen in die Heimath befördert. Hierbesserte sich der Zustand. Patient blieb jedoch unfähigzu körperlicher und geistiger Beschäftigung. Sein Gangwar langsam, seine Haltung unsicher, die Spracheerschwert. Energie und Intelligenz nahmen ab.Dabei litt er an Kontraktur der Nackcnmuskelu,Schwere im Hinterkopf und einer Neuralgie des rechtenn. ulnaris, sowie an lähmungsartiger Schwächeder ganzen linken Körperhälfte. Ueber den weiterenVerlauf hat sich bedauerlicherweise nichts Anderes er-mitteln lassen, als dass der Kranke seiner Gebrechen wegenim Herbst 1871 invalidisirt worden ist.
LYIII. Christian August B., Grenadier im 4. Garde-Regiment z. F., fand am 19. März 1871 in vollkommenbewusstlosem Zustande im 10. Feldlazareth des Garde-korps zu Villiers le Bel Aufnahme. Er war in der vergangenenNacht erkrankt. Unter welchen Erscheinungen, konnte nichtfestgestellt werden. Nur soviel war sicher, dass er am 18. Märzdurchaus wohl und munter seinen Dienst gethan hatte. Auflautes Anrufen und auf schmerzhafte Nadelstiche re agirteder Patient nicht. Er wälzte sich beständig, leise vor sichhin stöhnend und wimmernd, im Bette, schlug mit den Händenum sich, griif nach dem Kopfe. Es bestand eine permanenteKontraktur der Nackenmuskeln. Die Muskeln der oberenund zuweilen auch die der unteren Extremitäten zogen sichperiodisch in tonischem Krampf zusammen. Der Mundwar fest geschlossen und selbst mit Gewalt nicht zu öffnen.Dem Kranken Getränke einzuflössen, erschien unmöglich. Pu-pillen weit, auf stärkeren Lichtreiz träge reagirend.Eine Augenmuskellähmung war nicht nachzuweisen. Leib ein-gezogen und gespannt. Temperatur dem Gefühle nach etwaserhöht, Puls bei der Unruhe des Untersuchten nicht zu kontro-liren. Organe der Brust- und Bauchhöhle nachweisbar nichterkrankt.
20. März: Patient verhält sich ruhig, schläft, nur ab undzu runzelt er die Stirn, bewegt die Beine. Berührt man ihn, sogeräth er in Unruhe. Alle Versuche, ihm Flüssigkeiten beizu-bringen, scheitern an den krampfhaft geschlossenenKiefern. Urin spontan entleert, kein Stuhlgang, kein Er-brechen. Die Pupillen erscheinen verengt, die linke enger alsdie rechte bei gleicher Beleuchtung.
21. März: Heute antwortet der Kranke, welcher auch dieNacht ruhig verbracht hat, auf Fragen, klagt über Kopfschmerzen,besonders in der Augengegend. Er streckt auf Verlangen dieZunge aus, sie ist dick weiss belegt. Der Nahrungsaufnahmebieten sich keine Schwierigkeiten mehr. Die Pupillen sind engund reagiren schwach.