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VII. Kapitel: Genickstarre. (Meningitis cerebrospinalis.)
Band VII.
VI. Veränderungen in den Verdauungs- und Athmungsorganen. Exanthem.
Im Digestionsapparat ruft der Krankheitsprozess ver-inuthlich unter Mitbetheiligung des n. vagus ausser demErbrechen noch einige andere mehr oder minder beachteus-werthe Symptome hervor, welche mit Bezug auf dieKriegsbeobachtungen kurz besprochen werden sollen. DemAusbruch der eigentlichen Erkrankung ging meist Ob-struktion vorher. Diese Verstopfung blieb fast ausnahmslosin der ganzen Krankheit fortbestehen und bot vielfach demgesammten Heilapparat hartnäckig Trotz. Spontane Diarrhöewar etwas ganz Ungewöhnliches, sofern sie nicht als Zeicheneingetretener Darmlähmung den Tod signalisirte. Durchdie Kontraktion der Därme, auf welcher die Stuhlverhaltungberuht, flachte sich das Abdomen äusserlich ab odersank augenfällig ein. Im Allgemeinen wurde aber einekahnf'örmige Einziehung des Unterleibs selten kon-statirt, so dass diese Erscheinung als eine diagnostischwerthvolle, geschweige denn als eine pathognostische,nicht angesehen werden konnte. Meteorismus bliebauf einige wenige Fälle Z. (LV1), W. (XXXIV) be-schränkt und war in diesem als Symptom des paralytischenStadiums von prognostisch schlechtester Bedeutung. EineAusnahme bildete der Fall K. (LIV). Hier trat amzwölften Krankheitstage bei relativ massigen Erscheinungeneine Auftreibung des Leibes ein von muthmaasslich kurzerDauer ohne Einfluss auf den Verlauf des Leidens. Lippenund Zunge erschienen zuweilen trocken und fuliginös, amhäufigsten war die Zunge belegt und feucht. Dazu fandsich einige Male ein vermehrtes Durstgefühl.
Auch über Veränderungen der Respiration liegenErfahrungen aus dem Feldzuge vor. Ohne besondere kom-plikative Erkrankungen der Lungen sah man Abweichungenvon der normalen Zahl und der regelmässigen Aufeinander-folge der Athemzüge. Die Athmung wurde sehr frequentoder liess nach Art des Cheyne-Stokes'scken Phänomenseine regelmässige Unregelmässigkeit erkennen. Bei demzwanzigjährigen Soldaten (L), welcher im 8. FeldlazarethI. Armeekorps zu Amiens krank lag, konnte das Stokes'scheAthmen schon in der ersten Krankheitsperiode wahrge-nommen werden. So schlecht die Aussicht sich auch hier-durch gestaltete, der Patieut genas doch. Abweichungenin der Frequenz und dem Rhythmus der Athenibewegungendurch eine gleichzeitige Affektion des Lungenparenchymssind selbstverständlich und bleiben an dieser Stelle un-berücksichtigt.
L. Beobachtung aus dem 8. Feldlazareth 1. Armeekorps.Februar 1871. Amiens.
Zwanzigjähriger Soldat von mittelkräftigem Körperbau,erkältet sich nach starkem Laufen und fängt an, über
Frost und Schmerzen in allen Gliedern zu klagen. Alsbaldtreten heftige Kopfschmerzen und Somnolenz auf. T. erhöht.Stokes'sche Respiration, Eingezogeuheit des Leibes.Abends T. 39.6. Kein Erbrechen, aber Nackenstarre, Fuligo,Herpes, Roseola. Jaktation, unwillkürliche Zuckungen.Secessus inseii.
Behandlung : Schmierkur, Kalomel, Schröpfköpfe, spanischeFliegen.
Acht Tage nach Beginn der Erkrankung wird das Sensoriumfreier, die Nackenstarre geringer, der Schlaf anhaltender, derAppetit grösser. Heilung.
Der letzte Fall zeichnet sich auch noch durch dasBestehen eines zweifachen Hautexanthems aus. Wasden Herpes anlangt, so hat sein Auftreten bei der Cerebro-spinalmeningitis nichts Befremdendes. Es hat Epidemiengegeben, in welchen er in der Hälfte der Fälle und mehrbeobachtet wurde. Sein gewöhnlichster Sitz sind die Lippenund Nase, von wo er sich über die Wangen oft bis zu denOhren hin auszubreiten liebt. Gerade durch die Neigungzur Verbreitung ist er bei der Cerebrospinalmeningitismerkwürdig. Nicht selten folgen der ersten Eruption nachder Eintrocknung Nachschübe. Nachdem man in ver-schiedenen Epidemien den Bläschenausschlag vornehmlichin Begleitung der leichten und mittelschweren Krankheits-fälle gesehen hatte, gelangte man zu der Ansicht, ihmeine prognostisch günstige Bedeutung beizumessen. Siehat sich mit der Zeit als irrthümlich erwiesen. Der Ausbruchdes Herpes ist an keine bestimmte Krankheitsperiode ge-bunden, nach Tourdes und v. Ziemssen fällt aber seiuhäufigstes Vorkommen zwischen den dritten und sechstenTag. Das Exanthem wurde mit Ausschluss des vorigenFalles in der Kasuistik noch siebenmal namhaft gemacht,nämlich bei A. (XXII), M. (XXVI), W. (XXXIV),B. (LV1II), F. (XL VIII), N. (XXXI11), S. (LX). Ganzsichere Auskunft über seine Entstehungszeit erhält manin fünf Krankengeschichten. Am frühesten erschien derHerpes bei S., es war am zweiten Kraukheitstage. Aufden 4. bezw. 5. und 6. Tag fiel die Entwickelung desAusschlags bei M., B. und F., in die erste Woche bei W.Dass diese Periode auch bei A. und bei dem im 8. Feld-lazareth I. Armeekorps zu Amiens behandelten Krankennicht überschritten war, geht aus der Geschichtserzählungdeutlich hervor. Somit konnte der Herpes auch in denFeldzugsfällen als ein frühes Symptom der Cerebro -spiiialmeniugitis eine gewisse diagnostische Wichtigkeiterlangen. Von den acht Kranken starben fünf, währenddrei genasen.