Band VIL
IL Abschnitt: Analyse der Symptome.
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XLV. Heinrich IL, Grenadier der 7. Kompagnie1. Garde-Regiments z. F., zog sich am 8. Februar 1871 aufeinem Marsche, auf welchem er durch stärkere Regen-güsse mehr fach dur chnässt worden war, eine Erkältungzu. Nächstdem klagte er über Schmerzen im Nacken undKopfschmerzen. Am 10. Februar erfolgte seine Aufnahme inein Feldlazareth zu Eaubonne, in welchem er an Meningitiscerebro - spinalis behandelt wurde. Im Verlaufe derKrankheit trat eine Lähmung der linksseitigenExtremitäten auf, mit welcher der Kranke zunächst nachQuedlinburg, dann nach Bernburg und weiterhin nachPotsdam evakuirt wurde. U. wurde am 8. Februar 1872invalidisirt. Das Attest lautet mit Bezug auf die Lähmungs-
erscheinungen: Bedeutende Schwäche des linken Armes, sowohlwas die Bewegung als was die Empfindung angeht. Druckder Hand schwach, Gegenstände kann er mit ihr nicht langehalten. Nadelstiche werden am linken Arm weniger gefühltals rechts. Motilität und Sensibilität auch im linken Beinevermindert. Beugung und Streckung sind im Knie- und imFussgelenke aktiv nur unvollkommen ausführbar; Gehen undStehen nur am Stocke möglich. Geringe Atrophie der linkenWadenmuskulatur. Haut an Unterschenkel und Zehen linksvon lividem Aussehen.
3. Juli 1873: Bedeutende Besserung. Geringe Parese deslinken Armes und linken Beines. Gehen ohne Stock.
28. Juni 1875: Status idem.
V. Sensibilitätsstörungeii.
Unter den subjektiven Sensibilitätsstörungen nahmnicht nur während des Initialstadiums, sondern auch imweiteren Krankheitsverlauf der Kopfschmerz den erstenPlatz ein. Ueber seinen Sitz ist bereits das Nöthige gesagt.Die Intensität auch dieses Symptoms war eine äusserstwechselnde. Es zeigte nicht bloss Remissionen, sondernauch wirkliche Intermissionen, hielt in seiner Zu- und Ab-nahme oft gleichen Schritt mit andern meningitischen Er-scheinungen, oft bestand es ungeachtet des Nachlasses allerübrigen Symptome in unveränderter Stärke fort, bis plötz-lich das Fieber, die Nackenstarre, die Störungen des Be-wusstseins von Neuem sich zu ihm gesellten. Lange indie Rekonvaleszenz hinein klagten manche Kranken überperiodischen oder anhaltenden dumpfen Kopfschmerz, welcherhei plötzlichen Bewegungen, beim Bücken, bei geistigerBeschäftigung heftiger wurde. Trotz aller Medikationenkonnte mau den im Garnisonlazareth Dresden verpflegtenSoldaten Ernst Büttner vom Königl. Sächsischen 1. Reiter-Regiment, der im Januar und Februar 1871 im Felde anCerebrospinalmeningitis krank gelegen hatte, bis zum Junides Jahres von diesem Schmerz nicht befreien. Die akuteExazerbatiou des Schmerzes im Laufe der Krankheit führte,wie dies gleichfalls schon ausgeführt ist, zu maniakalischenZuständen, in denen die Patienten ohne Rücksicht auf sichund ihre Umgebung in wilder Raserei aus dem Bettesprangen und um sich schlugen. Auch das plötzliche Auf-schreien, ein Ausdruck der schnellen Schmerzsteigerungund ein Symptom, welches bei der Meningitis tuberculosa na-mentlich der Kinder als Cri nocturne, Cri hydrocéphaliqueallgemein bekannt ist, wurde nicht vermisst. — N.(XXXIII), U. (XLVI). —
Weniger konstant, doch alle Stufen und denselbenWechsel der Intensität darbietend, war der Schmerz imNacken und von hier die Wirbelsäule entlang biszum Kreuzbein. Gemeinhin vermehrte ihn Druck auf
die Muskeln und die Dornfortsätze, sowie die aktive undpassive Bewegung der Wirbelsäule. Mit ihm verbandensich manchmal Klagen über blitzartig durchschiessendeSchmerzen im Verlaufe der grossen Nerven stammean den Extremitäten, in gleicher Weise gesteigert durchLokouiotionen des Rückgrats und der Gliedmaassen.
Objektiv fiel aber unter den Anomalien der Sensibilitätals diagnostisches Kriterium hauptsächlich die Hyper-ästhesie der Haut und der übrigen Weichtheileins Gewicht. Leyden hält diese Druckschmerzhaftigkeit,welche am regelmässigsten an den Unterextremitäten, dem-nächst am Rumpf, namentlich dem Abdomen, am seltenstenan den Oberextremitäten ausgesprochen ist, für eins derwichtigsten und gleichmässigsten spinalen Symptome. Inseiner In- und Extensität ist es veränderlich. Traf dieLeyden'sehe Angabe in den meisten Fällen auch zu —F. "(XXV), U. (XLYl), G. (XXXV), L. (XXIV), S.(LX), W. (XL) so sind doch wohl konstatirte
Beobachtungen aus dem Feldzuge beweisend nicht nurdafür, dass die Hyperästhesie vollkommen fehlen, sondernauch dafür, dass eine Sensibilitätsabstumpfung, jasogar eine Anästhesie der Haut, Muskeln und Schleim-häute gelegentlich vorkommen kann. Bei D. (XLVII)notirt das Journal am siebenten Krankheitstage : „keinellautbyperästhesie", bei F. (XLVI11) am dritten: „Sen-sibilität intakt" und am Todestage: „Sensibilität an-scheinend überall erhalten", bei G. (XXXI) am Auf-nahmetage: „Sensibilität scheinbar intakt". B. (LV1II)reagirte bei seiner Aufnahme auf schmerzhafte Nadel-stiche nicht, späterhin war die Empfindlichkeit des rechtenBulbus so gering, dass durch Berührung kaum eineLidbewegung zu Stande kam. Vier Tage darauf heisstes dann aber: „Empfindlichkeit der Haut gegen Berührungetwas erhöht; bei Druck auf die Muskulatur der rechtenUnterextremität klagt Patient über Schmerz." Also auch
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