Band VIL
I. Abschnitt: Verbreitung und Aetiologie. — Formen der Erkrankung und Krankheitsverlauf.
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Kopfsehmerz aber sehr bedeutend. Hitze und Schweissstadiumwährten von 11 Uhr Nachts bis früh.
Milz wenig vergrössert.
Ord.: Grosse Dosen Chinin. Ricinusöl.
18. April: Leidliches subjektivesWohlbefmden, aber Klagenüber Kopfschmerz und Appetitlosigkeit. Auch fiebertPatient noch. Puls 104.
19. April: Patient fiebert auch im Laufe des heu-tigen Tages und klagt über Kopfschmerzen, doch hatihm seine Suppe besser geschmeckt. Geringes Nasenbluten,reichliche Stuhlentleerung.
20. April: Keine Veränderung. Puls 108. Sensorium frei.Fortbestehende Kopfschmerzen.
Abends gegen 11 Uhr plötzliche Verschlimmerung.Grosse Unruhe, Delirien. Der Kranke will aus dem Bette auf-springen, beruhigt sich aber um Mitternacht.
21. April: Morgens 4 Uhr nimmt die Unruhe wieder zu,wird abermals wieder besser. Plötzlich tritt der Tod ein.
Sektion am 22. April 1871 Morgens 10 Uhr: Oedema pul-monum. Hyperplasia lienis parva. Pia an der Konvexität undBasis stark injizirt und getrübt, an der Basis mit einem schmie-rigen Exsudat bedeckt, welches auch der Medulla aufliegt.Hydrops ventriculorum.
Nach diesem Leichenbefunde muss als Todesursacheeine Meningitis cerebrospinalis vorausgesetzt werden. IhreEntwickelung auf der Grundlage eines anderen, etwa tuber-kulösen Prozesses ist angesichts der klinischen und patho-logisch-anatomischen Ergebnisse als unbegründet zurück-zuweisen. Die Frage ist nur, hat es sich während derBehandlungszeit im Revier um Cerebrospinalmeningitis |oder um Intermittens gehandelt? Hat sich unmittelbar an :ein Wechselfieber eine infektiöse Entzündung der Hirn-Bückenmarkshäute angereiht? Zu Gunsten einer anfäng-lichen Malariaerkrankung könnte nur der langwierige, übervier Wochen sich erstreckende und dabei mit geringenKrankheitserscheinungen einhergehende Verlauf sprechen.Jedoch darf nicht vergessen werden, dass die Cerebro-spinalmeningitis, obwohl im Allgemeinen eine Krankheitmit rascher, bis zur Kenntlichkeit gesteigerter Entwickelung,in ihrer, fälschlich so bezeichneten, intermittirenden Formzuweilen wochenlang ohne deutliche Zeichen fortbestehenkann, wie dies die verschiedensten Epidemien gelehrt haben.Direkt gegen die Diagnose Intermittens richtet sich aber dieWirkungslosigkeit des Chinins trotz der ausgiebigsten Ver-wendung, sowie — doch in mehr untergeordneter Folge — diepermanente Klage über Kopf- und Kreuzschmerzen. Bald nachder Aufnahme in das 9. Feldlazarett. IV. Ameekorps wurdebei dem Kranken H. noch ein Schüttelfrost beobachtet.Als sich aber trotz grosser Dosen Chinin in dem Allge-meinbefinden nichts besserte, die Kopfschmerzen anhielten,der Appetit nicht zurückkehrte, zeigte es sich, dass einko ntinuir liebes Fieber bestand. Nun erst kam man vonder ursprünglichen Diagnose zurück. In wie weit im Be-ginn des Leidens durch eine sorgfältige Thermometrie dieKrankheitserkenntniss möglich gewesen, darüber geben unsdie kurzen Bemerkungen der Journalblätter keine Auskunft.
Sanitäts-Kericlit üter die Deut-iclien Heere 1870/71. VII. Bd.
Ein ausgesprochenes intermittirendes Fieber, wo-bei Morgens die Temperatur bis zur Norm und unter die-selbe sinkt, um Abends bis zu oft beträchtlicher Höhe an-zusteigen, wurde von zahlreichen Beobachtern als eine nichtgerade seltene Erscheinung während des Ablaufs derCerebrospinalmeningitis bezeichnet. Die Feldzugskasuistikliefert dafür nur ein Beispiel, welches in der graphischenDarstellung des Fieberverlaufs bei B. (XXXII) aus-gedrückt ist. Die Temperaturkurve zeigt hier in der viertenWoche eine mehrtägige Febris intermittens. Ein so spätesAuftreten dieses Fiebertypus ist nicht das gewöhnliche,meist fällt es in die drei ersten Krankheitswochen. Mitihm zugleich konnte oft ein Wechsel in der Intensität auchder übrigen meningitischen Erscheinungen nachgewiesenwerden, manchmal bis zu einer vollkommenen Euphorie.
Gestützt auf ältere Erfahrungen, ging man so weit, eineVerwandtschaft der Intermittens und der Cerebro-spinalmeningitis zu supponiren, obwohl die Statistik denBeweis schuldig blieb, dass die beiden Krankheitstypendurch ihr zeitliches und örtliches Auftreten in irgend einernäheren Beziehung standen. Späterhin liess man zwardiesen Gedanken fallen, hielt aber um so zäher an demGlauben einer Modifikation des meningitischen Prozessesdurch Malaria fest. Die Statistik bewies aber auch hier,dass die Meningitisepidemien in Malariagegenden keines-wegs einen eigenartigen Verlauf zu nehmen pflegen.Neuere Beobachtungen entkleiden die sogenannte inter-mittirende Form der Meningitis immer mehr ihrer Aehnlich-keit mit Intermittens. Nach Einführung des Thermometersin die Kraiikenbeobachtung hat sich die Ueberzeugung ein-gebürgert, dass etwaige die Cerebrospinalmeningitis ein-leitende oder begleitende Frostanfälle von vollständig fieber-freien Zwischenräumen nicht oder doch nur ganz ausnahms-weise geschieden werden. Fast immer lässt sich auch inden Intervallen eine Erhöhung der Körperwärme nach-weisen. Die Schüttelfröste selbst halten, wie irrthümlichangenommen, einen typischen zeitlichen Wechsel nicht inne,sie sind in der Regel erratischer Art. Ungeachtet allesdessen liegen namentlich zu Zeiten einer Epidemie vonCerebrospinalmeningitis Verwechselungen mit Malaria inner-halb der Grenzen der Möglichkeit. Eine im 10. Feldlazarethdes Gardekorps zu Villiers le Bel gemachte Beobachtung,welche im Journalblatt die Diagnose „Meningitis cerebro-spinalis mit intermittirenden Fieberanfällen" trägt, verdientdiese Bezeichnung aber offenbar nicht. Der Fall ist fol-gender :
XIII. Johann Z., Grenadier der 6. Kompagnie 1. Garde-Kegiments z. F., erkrankte etwa acht Tage vor seiner Auf-nahme mit einem Schüttelfrost und Kopfschmerz. EinenTag um den andern wiederholte sich der Frostanfall,fast um dieselbe Tageszeit, ohne dass neue Krank-heitserscheinungen hinzutraten.
Rec. am 4. April 1871: Patient klagt über Schmerzen inden Füssen und Beinen, auch bei ruhiger Bettlage. Anorexie.
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