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VII. Kapitel: Genickstarre. (Meningitis cerebrospinalis/
Band VII.
Infektionskeimen vorstellen kann, so darf man vielleichtden jähen Beginn und den stürmischen Ablauf analogersporadischer Kriegsbeobachtungen mit der veränderten Ein-wirkung des Ansteckungsstoffes auf die reduzirte Wider-standsfähigkeit eines erschöpften Nervensystems in Ver-bindung bringen.
Im Ganzen sind der .Meningitis cerebrospinalis acu-tissima 7 Fälle aus dem Feldzuge zuzurechnen. Davonwerden 5 folgendermaassen beschrieben:
I. Musketier M. zog am 6. April 1871 Abends aufPosten und wurde bald nachher bewusstlos an derErde liegend gefunden. Er war vorher gesund gewesenund hatte nicht geklagt. Man brachte ihn ins 1. FeldlazarethIX. Armeekorps. Es zeigte sich hier eine nicht unbedeutendeKontraktur der Nackenmuskeln. Der Kranke stöhnte undwarf sich unruhig hin und her. Bei Berührung namentlich desGesichts machte er abwehrende Bewegungen. Der Puls waräusserst frequent, klein. Am nächsten Tage starbPatient gegen Mittag.
Bei der Sektion fand sich ein dünnes, trübes, gelblichesExsudat auf der Pia der Basis nebst einzelnen kapillären Apo-plexien. Das Rückenmark wurde nicht untersucht.
II. S., Ulan vom 2. Brandenburgischen Ulanen-RegimentNo. 11, hatte eine Lungenentzündung mit kritischemEieberabfall überstanden. In der Rekonvaleszenz bekamer am 10. Februar 1871 ganz plötzlich sehr heftige Kopf-schmerzen. Alsbald wurde er bewusstlos, die Flexoren derFinger und Vorderarme stellten sich in krampfhafteKontraktur, der Puls nahm an Schnelligkeit so zu,dass er unzählbar war. Sämmtliche Erscheinungenentwickelten sich innerhalb einer Stunde. Nach 36Stunden trat der Tod ein.
Sektion: Meningitis cerebro-spinalis.
III. S., Unteroffizier der 10. Kompagnie 2. Hanseati-schen Infanterie-Regiments No. 76, erkrankte ohne Prodromiplötzlich am 2. Februar 1871 mit Bewusstlosigkeit undlinksseitiger Parese. Nackenmuskeln hart, gespannt.Pat. wimmerte und stöhnte, griff mit der rechten Hand nach demKopfe. Er kam nicht wieder zu sich, die Lähmungserscheinun-gen steigerten sich bis zur Paralyse. Tod40Stunden später.2 Stunden vorher war die auch vorher hohe Körpertempe-ratur auf 41.4° C. gestiegen.
Sektion: Cerebrospinalmeningitis.
IV. Musketier A. vom 4. Grossherzoglich Hessischen In-fanterie-Regiment No. 118 kam am 23. Januar als Ersatzmannzum Regiment und war bis dahin vollkommen wohl. Am 24.Januar klagte er angeblich nach Genuss einer Flasche Weinüber Schwindel und Kopfweh. Am nächsten Tage geberdeteer sich wie närrisch, wurde Nachmittags ins 9. FeldlazarethIII. Armeekorps aufgenommen, war vollständig bewusstlos undstarb unter Krämpfen mit Schaum vor dem Munde schonnach kurzer Zeit (20 Minuten).
Sektion am folgenden Tage 20 h. p. m.: Sehr kräftig ge-baute muskulöse Leiche. Die Dura mater ist gespannt, ziemlichblutreich. Zwischen einzelnen Gehirnwindungen der beidenSchläfenlappen befindet sich in der Pia wässrige, eitrige Infil-tration, stärker ist dieselbe an der Basis des Gehirns, beginnendhinter den Sehnerven bis über die Brücke und an der Unter-fläche des Kleinhirns. Die Ventrikel sind ziemlich weit und
enthalten eine entsprechende Menge trüben gelblichen Serums.Ependym glatt. Die Schädeldecke sowie die knöcherne Basisist völlig intakt, ebenso sämmtliche Wirbelkörper und Bogen.Im Wirbelkanal befindet sich ziemlich reichlich hineingeflossenesBlut, ausserdem ist die Dura an mehreren Stellen, besonderszwischen den Nervenursprüngen, blutig infiltrirt. An der hin-teren Fläche des Markes ist die Pia von oben bis unten nurziemlich gleichmässig infiltrirt, getrübt und leicht verdickt.Dasselbe Bild zeigt sich vorn im Hals- und Lendentheil, da-gegen sind in der Pia des Brusttheils reichliche und bis circa1 mm dicke, eitrige Ein- und Auflagerungen zu konstatiren.Rückenmarkssubstanz ohne Veränderung. Im Uebrigen bietetdie Sektion nichts Abnormes. Die Lungen vollkommen frei vonKnötchen. Milz wenig vergrössert, Nieren sehr blutreich,Därme stark kontrahirt. (Militärärztliche Zeitschrift. Jahrgang1873, S. 24.)
V. Jakob W., Grenadier der 7. Kompagnie KaiserAlexander Garde - Grenadier - Regiments No. 1, trat gesundund munter am 23. März 1871 Morgens an einem warmensonnigen Tage mit vollem Gepäck einen längeren Marsch an.Unterwegs wurde ihm plötzlich unwohl. Er stieg aufeinen Wagen, wo er alsbald die Besinnung verlor. Einherbeigeeilter Militärarzt machte einen Aderlass. Abends 6 Uhrwurde W. in vollkommen somnolentem Zustande im 11. Feld-lazareth des Gardekorps zu Crépy en Valois eingeliefert.
Cyanose. Konjunktiven injizirt. Trismus. Zeitweiligklonische Muskel kramp fe der verschiedenste n Kör per-regionen. Puls äusserst frequent, klein. Erbrechen.Unwillkürliche Harn- und Kothentleerung. Abends 10 UhrDilatation und Starre der Pupillen. 11 Uhr Tod.
Sektion: llyperaemia cerebri. Pia an vielen Stellen, be-sonders aber an der Basis getrübt und grau infiltrirt. Lungen.Herz und Unterleibsorgane unverändert.
In den beiden andern Fällen fehlt das Sektionsergebniss.doch ist an der Richtigkeit der Diagnose nicht zu zweifeln.Auch hier begann das Leiden ohne Vorboten mit Schüttel-frost. Ein dem 9. Feldlazareth 111. Armeekorps zugegan-gener Kranker zeigte Sopor, Nackenstarre, eine fréquente,unregelmässige Herzaktion und starb am 1. Krankheitstage.Der zweite Patient ging nach zweitägiger Krankheitsdauerzu Grunde. Auch er war von Anfang an komatös, äussertebei Berührungen der Wirbelsäule und des nach hinten ge-zogenen Kopfes Schmerz, hatte tetanische Kontrakturen inden Kaumuskeln und in den Beugemuskeln der Oberex-tremitäten.
Ausserdem starb im 1. Feldlazareth IX. Armeekorpszu Montier -en -Der am 7. April 1871 ein kranker Soldat4 Stunden nach seiner Aufnahme an Meningitis cerebro-spinalis, welcher ausser Rechnung geblieben ist, da in denLazarethberichten eine Angabe über den Anfangsterminder Erkrankung fehlt.
Diese Fälle bilden eine treffliche Illustration zu dembereits im Jahre 1843 von To urde s mit nachfolgendenWorten für die Meningitis acutissima entworfenen Krank-heitsbilde : Tout - à - coup, au milieu de la santé la plusparfaite, des hommes pleins de jeunesse force étaientatteints des accidents les plus graves; ils succombaient