Band Vil.
I. Abschnitt: Verbreitung und Aetiologie. — Formen der Erkrankung und Krankheitsverlauf'.
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Noch auffälliger als die Differenzen in dieser Ueber-sicht, welche durch die unbestimmten Fälle kaum aus-zugleichen sind, erscheinen die Unterschiede in denErkrankungszahlen bei den verschiedenen Truppen-theilen. Viele Regimenter hatten gar keinen Fall vonMeningitis cerebrospinalis. Von zwei Bataillonen, welchemit- oder nebeneinander marschirten, kam die Krankheitnur in dem einen und dann oft in mehreren Fällen zurBeobachtung, das andere blieb frei. Das 3. Garde-Regimentz. F., das 4. Garde-Regiment z. F., das 7. BrandenburgischeInfanterie-Regiment No. 60, das Königlich Sächsische Leib-Grenadier - Regiment No. 100, das Königlich Sächsische6. Infanterie-Regiment No. 105 hatten je 4, das ColbergischeGrenadier-Regiment ("2. Pommersches) No. 9, das 2. Nieder-
schlesische Infanterie-Regiment No. 47, das 1. HannoverscheInfanterie-Regiment No. 74, das 1. und 2. HanseatischeInfanterie - Regiment No. 75 und 76, das OstfriesischeInfanterie-Regiment No. 78 je 3, das 3. Garde-Grenadier-Regiment Königin Elisabeth, das Kaiser Alexander Garde-Grenadier - Regiment No. 1, das Hannoversche Füsilier-Regiment No. 73, das Lauenburgische Jäger-Bataillon No. 9,das Hannoversche Jäger-Bataillon No. 10, die Artilleriedes XII. (Königl. Sachs.) Armeekorps je 2 Kranke. Unterder gesammten Preussischen Kavallerie kamen 10 zerstreuteFälle vor.
Die A^ertheilung der Erkrankungen auf die einzelnenMonate und die verschiedenen Kriegsschauplätze siehe nach-stehend (S. 250 und 251).
II. Aetiologie.
Schon das gleichzeitige Auftreten mehrerer Krank-heitsfälle an demselben Orte und unter demselbenTruppentheil trägt dazu bei, die Ueberzeugung zu be-festigen, dass die Cerebrospinalmeningitis in sporadischerwie in epidemischer Form eine durch ein einheitlichesspecifisches Virus hervorgerufene Infektionskrank-heit darstellt. Unmittelbar von dieser Ueberzeugung ausresultirt die Nothwendigkeit, denjenigen Umständen nach-zuforschen, welche zur Vermehrung und Aufnahme undzum Wirksamwerden des als ubiquistisch zu denkendenGiftes in dem Grade beizutragen im Stande sind, dass eineEpidemie entsteht. Wenn die Feldzugsberichte sich nuran wenigen Stellen mit der Frage nach diesen Hilfs-ursachen der Cerebrospinalmeningitis beschäftigen, so istdieser Mangel hauptsächlich die natürliche Folge der Ab-wesenheit von Massenerkrankungen.
Der damalige Assistenzarzt (jetzige Oberstabsarzt)Stecher, dessen verdienstvolle Mittheilungen über dieThätigkeit des 6. Feldlazareths XII. (Königl. Sachs.) Armee-korps bekannt sind, hatte aus dem Dorfe Claye vor Parisvier sehr schwere Fälle von Cerebrospinalmeningitis inBehandlung. Zwei Soldaten waren in einem engen,schmutzigen Parterre - Zimmer erkrankt, „welches seinenEingang von einem dicht vom Hause umschlossenen engenHof aus hatte, welcher gleichzeitig von den Mann-schaften als Abort gebraucht wurde, während in dem etwa100 Schritte entfernten Garten vorschriftsmässige Latrinengegraben, jedoch nicht benutzt worden waren". Auf dievon Stecher angedeuteten antihygienischen Verhältnissewurde schon in früheren Jahren die Aufmerksamkeit ge-lenkt. Es dürfte den Zeitanschauungen wohl auch ent-sprechen, einen wesentlichen Hilfsfaktor für die Entwickelungund Vervielfältigung des Meningitiskeimes in der Anhäufung
Sanitäts-Bericht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
von Schmutz und Unrath zu erblicken. Neben der Un-reinlichkeit kommen dann alle die anderen die äusserenLebensumstände verschlechternden Momente, die Luftver-derbniss durch Ueberfüllung der Wohn- und Schlafräume,die mangelhafte Nahrung, die Durchtränkung des Bodensmit Zersetzungsprodukten, die unzureichende Ventilationals mitwirkende Ursachen in Frage.
Die last gleichzeitige Erkrankung von vier demXIII. Armeekorps angehörigen Personen zu Rouen gabOberstabsarzt Eilert Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dassdas Armeekorps wochenlang Strapazen aller Art bei Kälteund Nässe durchgemacht hatte und von einer auffallendenZahl auch anderer Infektionskrankheiten heimgesucht war.Offenbar legt Eilert auf zwei verschiedene Momente, diedurch die Kriegsstrapazen veränderten Konstitutions-verhältnisse und die Erkältung, ein besonderes Gewicht.
In der That könnte man versucht sein, auf die ver-minderte Widerstandsfähigkeit eines durch die Entbehrungen,die Märsche, die Ueberanstrengungen des Krieges herunter-gekommenen Organismus gegen den Angriff des spezifischenInfektionskeimes besonderes Gewicht zu legen, hätten dieLazarethberichte nicht wenigstens ebenso viel robuste undkräftige als mitgenommene und geschwächte Kranke anCerebrospinalmeningitis namhaft gemacht. Aus diesemGrunde ist der körperlichen Debilität eine wesentlicheBedeutung in der Aetiologie der meningitischen Erkran-kungen während des Feldzuges nicht zuzusprechen. Obund in welcher Weise speziell ein durch die im Kriegeunvermeidlichen und in ununterbrochener Reihe aufeinander-folgenden heftigen Eindrücke beleidigtes Nervensystemprädisponirt erscheint, lässt sich aus den Angaben derBerichterstatter nicht ermitteln.
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