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VII. Kapitel: Genickstarre. (Meningitis cerebrospinalis.)
Band VII.
die in Begleitung oder im Rekonvaleszenz-Stadiumanderer Infektionskrankheiten auftretende Genick-starre vorwiegend der epidemischen Form angehören.
Mit den Anschauungen dieser Forscher stehen die Feld-zugsbeobachtungen nicht im Einklang. Sie drängen vielmehrdazu, die sporadische und epidemische Genickstarreals einen einheitlichen Krankheitsprozess aufzufassenund ihre Trennung in zwei klinisch getrennte Formendefinitiv aufzugeben. Dies Bedürfniss hat auch Oberstabs-arzt Frölich 1 ) in beredten Worten vertreten: „Obwohlman genügend kennen gelernt hat, dass die Krankheitnicht bloss örtlich und zeitlich gehäuft, sondern auch ganzvereinzelt vorkommt, und dass sich die sporadische Formdurch nichts von der seuchenartig auftretenden unterscheidet,hält man doch beharrlich an dem Begriffe „epidemisch"fest, verwirrt sich dadurch die Anschauung und begünstigtdie Fortdauer von Vorurtheilen. Wer da weiss, dass z. B.akute Rheumatismen, Lungenentzündungen, Gesichtsrosen,Ohrspeicheldrüsen-Entzündungen etc. ebenfalls an dem einenund anderen Orte vereinzelt oder massig, oder selbst inweiterer Verbreitung gehäuft vorkommen, dem kann indem numerischen Auftreten der Cerebrospinalmeningitisnicht viel Auffälliges liegen. Dass man sie demungeachtet„epidemisch" taufte, mag wohl darin hauptsächlich seinenGrund haben, dass die Krankheit durch das seltenereAuftreten und besonders durch ihren überraschend bös-artigen Verlauf sich von jenen obengenannten Alltagskrank-heiten unterschied, und dass man für ihre unvergleichlicheSterblichkeit und für die therapeutische Ohnmacht nacheiner Genugthuung sich umsah."
Dass unter dem Einflüsse der Lehre vom Dualismusder Meningitis cerebro - spinalis die Feldärzte manchenTäuschungen unterworfen waren, kann nicht befremden.Man suchte nach Epidemien, und es fanden sich keine; manerwartete Epidemien, und sie kamen nicht. OberstabsarztGähde sah den Ausbruch einer Seuche voraus, als in denletzten Tagen des Januar 1871 in das ihm unterstellteFeldlazareth zu Orléans zwei rasch tödtlich verlaufendeFälle von Cerebrospinalmeningitis Aufnahme gefundenhatten. Aber schon im nächsten Monate konnte er be-richten, dass späterhin nur noch einige wenige leichte nichteinmal sicher konstatirte Erkrankungen derselben Art vor-gekommen seien. In dem Monatsberichte des 5. Feld-lazarette IL Armeekorps, welches in Dijon etablirt war,äussert sich der Chefarzt im Februar 1871: „Erwähnens-werth ist das nicht ganz vereinzelte Auftreten von Meningitiscerebro-spinalis, welche auch im Januar schon unter dem60. Regiment bemerkt wurde, vielleicht die Anfänge einerEpidemie." Oberstabsarzt Eilert prognostizirte im Januar1871 zu Rouen eine Epidemie, nachdem dem 11. Feld-lazareth I. Armeekorps schnell hintereinander 4 Kranke
J ) Ueber Meningitis cerebro-spinalis, Wiener Klinik, VII. Jahr-gang, 3. Heft 1881.
zugebracht wurden, welche plötzlich von den schwerstenmeningitischenErscheimmgen ergriffen waren. Indessen, auchdiese Vorhersagungen bewahrheiteten sich nicht. Aelmlicherging es den Chefärzten der Feldlazarette zu Le Mans,Versailles, Morsang, Chatillon s. S. und an anderen Orten.
Niemand aber wird die Besorgniss, welche selbst dererfahrenste Feldarzt jedem einzelnen Fall von Meningitiscerebro-spinalis entgegenbrachte, für ungerechtfertigt an-sehen. Wer kennt die Faktoren, unter denen der derKrankheit eigene Infektionskeim jene Vervielfältigung er-langt, welche die Vorbedingung einer Epidemie ist? WelcheGewähr, dass nicht der erste Kranke eine Ansteckungs-quelle für viele seiner Mitmenschen wird? Das Dunkel,welches über der Natur des infizirenden Agens, über demModus seiner Vermehrung, über den Wegen der Ansteckunglagert, musste das Misstrauen in hohem Grade wach halten.Dazu kam, dass es nach den vornehmlich in Frankreich,Italien und der Schweiz gesammelten Erfahrungen denAnschein gewonnen hatte, als schaffe der militärische Berufeine besondere Prädisposition für die Cerebrospinalmeningitis,durch welche mit dem Auftreten des ersten Krankheits-falles eine epidemische Ausbreitung fast als gewiss zu ver-muthen sei. Nicht selten war sie sogar ganz und gar aufdas Militär beschränkt geblieben, denn von 58 in Frank-reich gezählten Epidemien hatte sie 39 mal ausschliesslichunter den Truppen geherrscht.
Eine sorgfältige Durchsicht des gesammten Akten-Materials ergiebt die Zahl 124 als Summe der unterden Deutschen Truppen während des Feldzugs auífeindlichem Boden vorgekommenen Fälle vonCerebrospinalmeningitis. Es liegt kein Grund vor,diese Zahl als erheblich von der Wirklichkeit abweichendanzusehen. Die Krankheit nahm eine epidemischeVerbreitung in der Armee oder unter einzelnenTruppentheilen nicht an, trat vielmehr immer spo-radisch, zuweilen allerdings nicht vereinzelt auf.
Bei der Unterbringung der Gesammtfälle in die einzelnenArmeekorps ergeben sich für
ilas Gardekorps........IC Fälle,
, I. Armeekorps....... 2 „
II. „ .......6 „
. III. . .......8 ,
» iv. ; .......4 „
V. , ....... 10 ,
VI. , ....... 5 ,
» VII. , ....... 6 .
, VIII. „ ....... 6 ,
IX. , ....... 9 ,
X. „ ....... 5 ,
„ XI. . ....... 7 ,
„ XII. „ ....... 14 ,
„ XIII. , ....... 8 .
„ XIV. , .......6 ,
die 1. Reserve-Division .... 1 „
„ 3. Kavallerie-Division..... 1 ,.
Unbestimmt .......... 10
Summe 124 Fälle.