Siebentes Kapitel.Genickstarre.
(Meningitis cerebro -spinalis.)
Erster Abschnitt.Verbreitung und Aetiologie. — Formen der Erkrankung und Krankheitsverlauf.
I. Verbreitung.
Vor Eintritt in die Geschichte der Cerebrospinal-lneningitis unter den Deutschen Truppen im Felde muss daranerinnert werden, dass die epidemische Genickstarre zumersten Male in der Mitte der sechziger Jahre dieses Jahr-hunderts eine grössere Wanderung auf Deutschem Bodenvollendet hatte. Nachdem sie 1863 ganz ungeahnt inSchlesien, Posen und Pommern erschienen war, durchzogsie nacheinander die Mark, Hannover, Braunschweig, Sachsen,Thüringen, Bayern, Baden und Hessen. Die Ausläufer einerEpidemie in Königsberg, welche 1869 ihren Anfang ge-nommen hatte, ragten sogar in die ersten Kriegsmonatehinein. In den Anfangsjahrzehnten dieses Jahrhundertshatte, soweit bekannt, bloss das Städtchen Dorsten inWestfalen einmal Gelegenheit gehabt, die Bekanntschaftder Krankheit zu machen. Wenigstens erklären kompetenteInterpretatoren mit Bestimmtheit die von Silbergundiin den Rheinischen Jahrbüchern für Medizin und Chirurgiegeschilderte, „zuweilen mit Enkephalins komplizirte Myelitisepidemica, welche in den Wintermonaten 1822/23 in Dorstenan der Lippe geherrscht hat", für Meningitis cerebro-spinalis.Späterhin war nur noch Würzburg im Jahre 1850 derSchauplatz einer wenig umfänglichen Epidemie gewesen.
Frankreich dagegen hatte gerade in der erstenHälfte des Jahrhunderts unter der Seuche schwer gelitten.Namentlich war in dem zwölfjährigen Zeitraum von 1837 bis1849 die Meningitis über einen grossen Theil des Landes ver-breitet. Eine Reihe von Städten, in welchen, wie man alsbald
hören wird, während des Feldzuges 1870,71 ein bedeutenderProzentsatz der Erkrankungen zur Beobachtung kam, wurdedamals besonders arg heimgesucht. Diesem Zeitraum undden Französischen Autoren sind auch die ersten wissen-schaftlichen Beschreibungen der Krankheit zu verdanken.Im Hinblick auf die Verbreitungsweise und dasklinische Krankheitsbild waren die Deutschen Aerzte be-reits damals zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Er-krankung auf eine Infektion zurückzuführen sei, daher siees für nothwendig ansahen, ätiologisch die sporadischevon der epidemischen Form zu trennen. An dieser Tren-nung halten selbst heute noch einzelne Autoren fest, ob-wohl schon Mannkopf auf die ungemein grosse Aehnlich-keit des klinischen und pathologisch-anatomischen Prozesseshingewiesen hat. Es ist daher erklärlich, dass differential-diagnostische Merkmale zwischen den beiden Krankheits-formen statuirt wurden und werden. So behauptet Ley denin seiner Klinik der Rückenmarkskrankheiten, dass die durchein plötzliches Auftreten und einen rapiden tödtlichenVerlauf charakterisirte Meningitis—die Meningitis acutissima— in den sporadischen Fällen bisher nicht beobachtet,also als epidemisch zu betrachten sei. v. Ziemssenhält die Unterscheidung der beiden Formen dadurchfür erleichtert, dass bei der sporadischen Cerebrospinal -meningitis die Spinalsymptome nur wenig ausge-sprochen sind und der hyperakute Verlauf nichtvorzukommen scheint. Endlich soll nach der Ansicht Erb's